9. Das Beethoven-Gymnasium in der Nachkriegszeit:

Neubeginn in der Tradition

 

9.1 Zu „Gast“ in der Liebfrauenschule (1945 – 1951/52)

 

9.1.1 „Christlich abendländische Bildung“ als Ziel des Gymnasiums

 

Auch nach dem 8. Mai 1945 war während des ganzen Sommers in Bonn an einen Wiederbeginn des Schulunterrichts nicht zu denken. Um die einjährige „Pause“ zu überbrücken, versuchten viele ältere Schüler den Stoff in Griechisch, Latein und Deutsch bei ehemaligen Lehrern in deren Wohnungen nachzuholen. Seit September wurde wieder im Theologenkonvikt „Collegium Albertinum“ (in der Nachbarschaft des Beethoven-Gymnasiums) eine sehr gut besuchte „Glaubensstunde“ einmal in der Woche angeboten.

 

In der englischen Besatzungszone wurde schon sehr früh mit dem Aufbau einer neuen Verwaltung begonnen, mit Düsseldorf als Zentrum für die „Nordrheinprovinz“, von wo der von den Nationalsozialisten degradierte einstige Schuldirektor Josef Schnippenkötter eine Schulreform einleitete. In seinen Übergangsrichtlinien für die höheren Schulen vom Oktober 1945, die von der „Treue gegenüber den deutschen geistigen Werten“ sowie „der Leistung der Vergangenheit“ und dem „abendländischen Geist“ geprägt waren, stellte er als „verpflichtende Norm aller Bildung“ den christlichen Glauben in den Mittelpunkt. Er ließ nur zwei Grundformen der nunmehr wieder neunjährigen höheren Schule für Jungen mit dem Ziel der Hochschulreife gelten: neben dem naturwissenschaftlichen das humanistische Gymnasium mit 8 Wochenstunden Latein in der Unterstufe (in der Mittel- und Oberstufe 6 Stunden), mit durchgehend 3 Stunden Englisch ab Quarta (IV, Klasse 7) und 6 Stunden Griechisch ab Untertertia (UIII, Klasse 8). Auf Grund der Bedeutung der englischen und französischen Kultur für den abendländischen Gedanken war als Sonderform ein neusprachlicher Zweig ab UIII möglich mit 4 Stunden Englisch und 5 Stunden Französisch (statt Griechisch).

Für das Beethoven-Gymnasium (zunächst kommissarisch von dem dienstältesten Kollegen, dem Mathematik- und Physiklehrer Professor Funck geleitet) stellten im Herbst 1945 Schnippenkötter und Prof. Dr. Hermann Platz, seit 25 Jahren Mitglied des Kollegiums und für kurze Zeit bis zu seinem plötzlichen Tod (4. Dezember 1945) als Leiter der Kulturabteilung der Nordrheinprovinz eine Art Kultusminister, die entscheidenden Weichen mit der Besetzung des neuen Schulleiters am 22. Oktober 1945: Dr. Karl Schümmer, der in der Weimarer Zeit an den Richertschen Richtlinien für die preußische Schulreform entscheidend mitgewirkt hatte, war 1933 als Leiter (seit 1925) des Bonner Städtischen Realgymnasiums von den Nationalsozialisten abgesetzt und, vom Oberstudiendirektor zum Studienrat zurückgestuft, an das Kölner Friedrich-Wilhelm-Gymnasium strafversetzt worden. Kein Unbekannter war er daher für seine neuen Kollegen, die, seinem eigenen Urteil nach, „dem Nationalsozialismus ferngestanden hatten“, so dass sich von Anfang an eine vertrauensvolle Zusammenarbeit entwickelte. Mit dem Namen Schümmer, für den das Christentum die wichtigste Seite der menschlichen Existenz bedeutete und, wie bei Platz, die „abendländische Idee“ aus der Verbindung von „Antike, Christentum und romanisch-germanischer Völkerwirklichkeit“ entstammte, erschloss sich den Kollegen ein „Programm“: die Wiederbelebung der „christlich-abendländischen Bildung“, die den Weg zur europäischen Einigung und zum „Zusammenschluß des westlichen Geistes gegen den [vom Kommunismus beherrschten] Osten“ ebnen sollte. Bei seinem entschlossenen Vorgehen, das schulische Leben und Lernen darauf auszurichten, wusste er das Kollegium hinter sich, da in seinen Augen das „meiste von der geistigen Substanz der alten Schule“ trotz der nationalsozialistischen Diktatur „hinübergerettet“ worden war. Der schmerzliche Verlust des Gebäudes, der Sammlungen und des größten Teils der Bibliothek erschwerten daher seiner Meinung nach eher äußerlich den Neuanfang.

 

Für ihn als begeisterten Neusprachler führte die „Verschiedenheit der europäischen Kulturgüter“ zu der Erkenntnis eines „verpflichtenden Reichtums des menschlichen Geistes“. Er gelangte daher von Anfang an zu der Überzeugung, dass die von Schnippenkötter vorgenommene Reduzierung der höheren Schule für Jungen auf zwei Gymnasialtypen den realen Erfordernissen der damaligen Zeit nicht standhalten konnte. Schon drei Jahre später erfolgte nämlich die gleichwertige Anerkennung des neusprachlichen Gymnasiums mit der Sprachenfolge Latein, Englisch und Französisch. Schümmer achtete nun besonders darauf, auf dem Beethoven-Gymnasium dem neusprachlichen Zweig ein selbstständiges Bildungsziel zu geben und die Gleichwertigkeit gegenüber den Altsprachlern herzustellen. Er glaubte dies nur erreichen zu können, wenn die Schule bei der Aufnahme strenge Maßstäbe für alle Schüler setzte und keiner in die Quarta (Klasse 7) käme, der nicht auch die Fähigkeit für Griechisch in UIII (Klasse 8) hätte (also kein schwächeres Leistungsbild als künftiger Französischanfänger erkennen ließ). Solange nach der neusprachlichen Untersekunda (UII, Klasse 10) – mit dem „Einjährigen“ – mehr Schüler abgingen als nach der altsprachlichen UII, sah Schümmer sein Ziel noch nicht erreicht. Auch wurden die Eingangsklassen nicht nach alt- bzw. neusprachlichem Zweig getrennt, weil die „Anforderungen an die Begabung für beide Zweige nicht unterschiedlich eingeschätzt werden“ könnten. Eine Trennung fand erst mit dem Übergang zur UIII statt, wobei es häufig auch zu einer kombinierten Klasse kam, wenn die Griechischanfänger die normale Klassenstärke überschritten.

 

9.1.2 „Bedrückende“ Raumnot und Schichtunterricht

 

Das alte Gebäude auch nur provisorisch für einen Unterricht zu benutzen, erwies sich 1945 als unmöglich. An den dreigeschossigen H-förmigen „Prachtbau“ an der Koblenzer Straße erinnerten die vorbeigehenden Schüler nur noch brandgeschwärzte Umfassungsmauern, Schutt, Trümmer und Wildwuchs. Der vordere Teil war völlig ausgebrannt, ohne Dach, mit „schweren, tiefgreifenden Schäden“ in Decken, Gewölben und Mauern, – nur der rheinseitige Flügel offenbarte einen etwas besseren Zustand, wenn man den mit Brennnesseln und Unkraut überwucherten Schulhof betrat und der völlig zerstörten Turnhalle den Rücken kehrte.

Doch das „Jahrtausende währende Fließen“ des benachbarten Rheins ließ trotz dieses Anblicks von Vergänglichkeit keine Resignation aufkommen. Nachdem Ende 1945 in Hersel angebotene Räume wegen der Verkehrsschwierigkeiten nicht genutzt werden konnten, forderte schon im Herbst 1946 das Lehrerkollegium die Einrichtung von Klassenräumen im hinteren Teil des alten Gebäudes; aber wegen der schlechten „bauwirtschaftlichen“ Lage vor der Währungsreform wurden solche Pläne immer wieder verworfen. Anfang 1948 fand sich das Kollegium mit der Absicht konfrontiert, die Schule in das Gebäude der Ermelkeilkaserne zu verlegen, doch bestanden „wegen Ungeeignetheit“ zu große Bedenken gegen diesen Plan. Also wartete das Kollegium weiterhin auf den Wiederaufbau der alten Schule.

 

Die Bonner höheren Schulen wurden am 21. Oktober 1945 mit einer Feierstunde für die Eltern im Kuppelsaal des „Museum König“ eröffnet. Der morgendliche katholische Festgottesdienst am nächsten Tage in der Pfarrkirche St. Elisabeth in der Südstadt war überaus gut besucht. Von nun an musste sich das Beethoven-Gymnasium für die nächsten Jahre als „Gast“ in den Räumen der Liebfrauenschule (Königstraße) einrichten, die inzwischen wieder von den Schwestern des Ordens „Unserer Lieben Frau“ übernommen worden war (1938 Aufgabe der Schule durch das NS-Regime). Diese Mädchenschule war nur durch eine Mauer von der benachbarten Clara-Schumann-Schule getrennt, wo das Ernst-Moritz-Arndt Gymnasium eine vorübergehende Bleibe fand. Ein Tor erlaubte einen Durchgang zum jeweiligen anderen Schulgelände, doch es war den Beethoven-Schülern streng untersagt, ihn auch zu benutzen; der Schulweg durfte nur über die Königstraße führen.

 

Die „bedrückende“ Raumnot der Liebfrauenschule zwang zum Schichtunterricht und zu Kürzungen oder Fortfall von Fächern: Die beiden Schulen wechselten sich wöchentlich mit dem Nachmittagsunterricht ab, der zunächst um 12.30 Uhr, dann im März 1946 wegen der Fahrplanänderung der Vorgebirgsbahn um 13 Uhr begann. Es wurde streng darauf geachtet, dass es zwischen Schulschluss der einen und -beginn der anderen Schule zu keinerlei Kontakten zwischen den Jungen und Mädchen kam. Die ersten Stundenpläne wiesen nur die Hälfte der üblichen Wochenstundenzahl aus. Geschichte durfte noch nicht unterrichtet werden, zumal es auch keine Schulbücher ohne nationalsozialistisches Gedankengut gab; Physik und Chemie kamen erst im Februar 1946 hinzu. Ab Oktober 1947 hatten am 1. und 3. Samstag im Monat die Mädchen, am 2. und 4. Samstag die Jungen nach dem Schulgottesdienst 3 Doppelstunden zu je 70 Minuten Unterricht. Ebenfalls ab 1947 wurde der Nachmittagsunterricht um eine Stunde gekürzt: Im Wochenwechsel fiel zunächst die erste, dann die zweite Stunde usw. aus. Durch die mangelhafte Ernährung machte sich nämlich „ein starkes Herabsinken der Leistungsfähigkeit der Schüler namentlich in den letzten“ Stunden bemerkbar. Im Schuljahr 1947/48 hatten wegen der „Raumnot“ zeitweise einzelne Unterstufenklassen an jeweils einem Tag keinen Unterricht.

Aus der Zusammenlegung der beiden Schulen ergaben sich „schwerwiegende Folgen“, die „in jedem Fall eine Herabminderung der Leistungen“ mit sich brachten. Der Unterricht musste häufig in Räumen stattfinden, die hierfür gänzlich ungeeignet waren; Turnhalle, Zeichensaal und Handarbeitsraum waren zu Klassenräumen umfunktioniert worden. Den Ausfall der naturwissenschaftlichen Sammlungen bemängelten die Lehrer als schwere Behinderung für einen Erfolg versprechenden Unterricht in Physik, Chemie und Biologie. Aus Raum- und Zeitgründen fiel jede künstlerische Betätigung aus. Raum- und Gerätemangel verhinderten sportliche Aktivitäten. Körperliche Mängel der Schüler, eine Folge von Unternährung und schlechten Lebensbedingungen, sollten auf Weisung der Militärregierung „durch entsprechende körperliche Übungen abgestellt“ werden. Doch die im Mai 1946 eingeführten zehnminütigen Freiübungen in der großen Pause für jüngere Schüler auf dem Hof mussten aus Mangel an nötigen „Kalorien“, an Kleidung und Schuhwerk bald wieder aufgegeben werden.

 

9.1.3 Ständige „Störungen des Unterrichtsbetriebes

 

Nachdem schon im Dezember 1945 der Unterricht wegen fehlender Kohlen kaum noch aufrecht erhalten werden konnte, nahm die Schwierigkeit, die Schule einigermaßen ausreichend zu heizen, in dem überaus kalten Winter 1946/47 immer mehr zu; es war des Öfteren so kalt in einzelnen Räumen, dass „Lehrer und Schüler in Oberkleidung dasaßen“. Ehemalige berichteten von den Versuchen eines Lehrers, mit den Schülern in der Stunde „um das Viertel zu spazieren, damit es etwas wärmer wurde“. Das Kollegium forderte eine „bevorzugte Belieferung“ von Kohlen, „nicht nur im Interesse einer steten Fortführung des Unterrichts, sondern auch um der Jugend wenigstens in der Schule einen warmen Aufenthalt zu bieten“. „Infolge Kohlenmangels“ fiel Anfang Februar 1947 der Unterricht für eine Woche aus.

Die zu geringe Zahl an Arbeitskräften in der Holzwirtschaft drohte zeitweise den (mit Holzgas angetriebenen) LKW-Verkehr und damit die Versorgung der Bevölkerung lahm zu legen. Mitte Februar 1947 sollten daher Schüler Bonner Schulen als Arbeitskräfte angeworben werden, um das im Kottenforst geschlagene und geschnittene Holz abzutransportieren. Ganze Klassen älterer Schüler meldeten sich für eine Woche, um bei klirrender Kälte das Holz von den Lagerplätzen zu einem Sammelplatz zu tragen und dort auf Loren einer Feldbahn zu schichten, diese zur Straße zu schieben und das Holz auf Lastwagen zu stapeln. Als Belohnung winkten eine warme Mittagsmahlzeit, zusätzliche Lebensmittelkarten für Schwerstarbeiter und ein Gutschein für drei Zentner Brandholz (für den geringen Lohn hingegen konnte man nichts kaufen). Ende des Jahres 1947 befürchtete das Kollegium, „zu einer besorgniserregenden Gefahr“ drohe sich „im kommenden Winter der Mangel an Kleidern und besonders an Schuhen auszuwachsen“.

 

Nicht nur fehlende Kohle im Winter und Stromausfälle führten zu „Störungen des Unterrichtsbetriebes“. Eine „besondere Belastung“ bedeuteten auch die regelmäßig stattfindenden Prüfungen (Graecum, Latinum, externe Prüfungen, schriftliche und mündliche Reifeprüfungen für Nichtschüler und Sonderlehrgänge), da die beteiligten Lehrer vertreten und Schulklassen wegen Raummangels nach Hause geschickt werden mussten. In solchen Zeiten hatten alle Lehrer in der ersten Stunde anwesend zu sein und sich „verfügbar“ zu halten. „Noch größere Störungen“ brachte die „dauernde Inanspruchnahme“ für die Ausbildung und Prüfung der Studienreferendare mit sich; „Die von Schülern und Lehrern stark empfundene und von Eltern oft gerügte Schädigung des Unterrichts“ hielt die Schule für „beträchtlich und besonders groß“.

Die Schulleitung wehrte sich auch gegen die „vielfache Inanspruchnahme“ von Oberstufenschülern „durch amtliche Stellen für außerschulische Zwecke“: „Die Heranziehung der Schulen zu Volks- und Wohnungszählungen, zu Sammlungen aller Art, zur Enttrümmerung oder zu sonstigem Einsatz, der mit Störung des Unterrichts verbunden“ war, sei „grundsätzlich abzulehnen“. Die schlechten Lebensbedingungen, Unterernährung und die beengten, oft provisorischen Wohnungsverhältnisse beeinträchtigten ebenso die Leistungsfähigkeit der Schüler wie Papier- und Büchermangel sowie außerschulische Aktivitäten.

Viele waren gezwungen, Nebenverdienstmöglichkeiten zur Lebensmittelbeschaffung wahrzunehmen (Altmetallsammeln, Möbeltransport bei der belgischen Besatzungsmacht, Bewachungsnachtdienst in der amerikanischen Siedlung, Feldarbeit auf dem Versuchsgut der Universität, Holzschlagen im Kottenforst, usw.) Die Schule konnte immer nur vor den „moralischen Gefahren des Schwarzmarktes“ warnen, der aber bis zur Währungsreform 1948 für nicht wenige einen Teil ihres persönlichen Existenzkampfes ausmachte. Auch kurz nach der Geldumstellung waren eine Reihe Schüler der Oberstufe nicht in der Lage, ohne Unterstützung weiter auf der Schule zu bleiben; sie erklärten sich bereit, in ihrer Freizeit zusätzlich „Arbeit körperlicher oder geistiger Art“ zu leisten. Hier zu helfen, war für Schümmer in erster Linie eine „Sache der Schulgemeinschaft“; er appellierte an die Eltern, solche Arbeitsmöglichkeiten – auch in Form von Nachhilfeunterricht – täglich für ein paar Stunden zur Verfügung zu stellen.

 

9.1.4 Schulspeisung aus dem großen Suppenkübel

 

Als eine notwendige Ernährungsergänzung wurde ab 1. Februar 1946 die Schulspeisung für alle Schüler (und Lehrer) eingeführt, zunächst aus den restlichen deutschen, von Mitte des Monats an aus amerikanischen und englischen Heeresbeständen. Jeder Schüler erhielt ½ Liter Suppe (die weniger beliebte Erbsensuppe und die begehrte breiartige süße Biskuit-Suppe) für wöchentlich eine Reichsmark; Essgeschirr und Löffel waren mitzubringen und hinterher zu Hause zu reinigen. Der jeweilige Lehrer führte seine Klasse „geordnet“ zu Beginn der großen Pause auf den Hof an die zugewiesene Stelle, von wo die Schüler in Zweierreihen (die kleinen unter 12 Jahren zuerst, dann die 12 bis 16jährigen) zu dem großen Suppenkübel gingen und ihre einmalige Portion in das Essgeschirr bekamen. Als Aufsichtsführende mussten die Lehrer während der ganzen Essensausgabe bei der Klasse bleiben und ihr eigenes Essen auf dem Hof einnehmen. Im Oktober 1947 ermahnte der Schulleiter „einzelne Herren“, die ihre Suppe auch aus dem großen Kessel bekommen hatten, weil dadurch die „Zuteilung für die Lehrer auf Kosten der Schüler vergrößert“ würde. Die Lehrer dürften ihre Portion nur „aus dem für die Lehrer bereitgestellten Kübeln“ entnehmen; ihr Inhalt müsse „für alle Lehrer reichen“.

Nach der Essensausgabe mussten die Klassen sich wieder aufstellen und unter Führung der Lehrer „geordnet“ und „in Ruhe“ zu den jeweiligen Räumen gehen. Während der Ferien (in den längeren zur Hälfte) und an den unterrichtsfreien Tagen gab es ebenfalls „unter Aufsicht“ Schulspeisung. Im Frühjahr 1947 musste die Schule eine größere Gesamtsumme aufbringen, um die Schulspeisung in dem bisherigen Umfang aufrecht zu erhalten. „In Anbetracht der immer schlechter werdenden Ernährung und der großen Notlage“ appellierte der Schulleiter an diejenigen Schüler, die schon zugunsten ihrer Mitschüler auf das Essen verzichteten, auch den Geldbetrag dafür zu entrichten und „dadurch ihre Guttat noch vollkommener zu machen“. An alle übrigen Schüler, deren Eltern dazu in der Lage wären, richtete er die „herzliche Bitte“, „finanziell stark zu erhöhen, damit ihre bedürftigen Kameraden wie bisher gespeist werden“ könnten.

 

9.1.5 Schulfahrten für „erholungsbedürftige“ Schüler

 

Die ärztlichen Untersuchungen der „erholungsbedürftigsten“ Schüler des Beethoven-Gymnasiums hatten im Sommer 1948 ergeben, dass 50% der Jungen unterernährt waren. Die Schule suchte für sie ein „Ferienlager“ während der großen Ferien; das Heim des Altherrenverbandes (AHV) des Gymnasial-Turnvereins (GTV) in Gemünd bot sich als eine günstige Alternative an. Artillerietreffer hatten im Zweiten Weltkrieg das Landheim zu 70% zerstört, doch dank der unermüdlichen Aufbauarbeit einiger Alter Herren war 1947 der Schlafsaal soweit behelfsmäßig wieder hergerichtet, dass er in den beiden ersten Septemberwochen 1947 einer Unterprima (Stufe 12) als Unterkunft dienen konnte, die nun ihrerseits weitere Aufräum- und Instandsetzungsarbeiten erledigte (Trümmerschutt wegräumen, Kabel und Steckdosen legen, Wasser von Gemünd holen, da der Wasserstand des Brunnens wegen des trockenen Sommers zu sehr abgesunken war). Die Erfahrungen mit dem „Sommerlager Gemünd“ 1948, trotz der schwierigen Finanzierung für die „hauptsächlich unterernährten und minderbemittelten Schüler“, waren so gut, dass die Konferenz beschloss, 1949 alle Klassen im Sommer für 7 Tage in das Landheim zu schicken. Die Kosten hatten allerdings die Eltern selbst zu tragen, für Bedürftige wurde Geld gesammelt.

 

Im Januar 1950 musste das Kollegium eine grundsätzliche Entscheidung über das zukünftige Fahrtenprogramm fällen. Zur Diskussion standen 3 Alternativen: bisherige Lösung mit allen Klassen, jährlich nur die Hälfte der Schüler bei doppelter Aufenthaltszeit (Reduzierung der Kosten und eventueller Langeweile) oder Klassenausflüge bzw. Exkursionen. Da das tägliche Programm eines Landheimaufenthaltes für die Erziehung zur Gemeinschaft als sehr positiv betrachtet wurde und auch die Eltern sich äußerst zufrieden zeigten, votierte das Kollegium einstimmig für die Beibehaltung der Fahrten nach Gemünd mit allen Klassen. Der einzige Wermutstropfen war das fehlende fließende Wasser, für das man eine baldige Lösung erhoffte. Auch wollte man, schon angesichts der bisherigen finanziellen Leistungen, ein Mitbestimmungsrecht über Einrichtung und Betrieb des Landheimes, was bisher vom Altherrenverband des GTV abgelehnt wurde.

 

9.1.6 Leistungs- und altersmäßige Heterogenität der Klassen

 

Kriegsbedingt war auch die leistungs- und altersmäßige Heterogenität der Klassen. Mit zunehmendem Kriegsverlauf hatte es immer frühere Einberufungen zum Wehrdienst und zu einem „System von behelfsmäßigen Abschlüssen und Berechtigungen“ gegeben. Zum Schluss leisteten sogar Schüler der damaligen Klasse 5 (Klasse 9) Flakhelferdienste, für die ein geregelter Unterricht ebenso wenig möglich war wie für die verbliebenen Schüler durch häufigen Alarm und Luftangriff, so dass nach 1945 in den Klassen Schüler mit sehr ungleichmäßiger Vorbildung saßen. Um dem Abfall der schulischen Leistungen und vor allem der zunehmenden „Erosion“ in den Abiturfächern während der Kriegsjahre zu begegnen, achtete Schümmer zunächst darauf, dass die Lehrer die Anforderungen allmählich erhöhten, den Stoff strafften und eine „schärfere Sichtung von Klasse zu Klasse“ vornahmen.

Zu Weihnachten 1945 gab es keine Zeugnisse, Ostern 1946 keinen Versetzungsvermerk. Das knappe halbe Jahr wurde nicht als „Schulzeit“ angerechnet, sondern als „Eingewöhnungszeit“ angesehen, während der sich die Lehrer einen genaueren Überblick über den Kenntnisstand der Schüler verschaffen sollten In dieser Zwischenzeit musste geprüft werden, wer in die nächst höhere Klasse „steigen“ durfte oder sogar wegen unterdurchschnittlicher Leistungen zurückzustufen war. Dabei gab der Schulleiter die Devise aus, „Großzügigkeit“ walten zu lassen, auch wenn „Lücken“ vorhanden seien: Hauptsache der Schüler sei „gut veranlagt“ und zeige „Fleiß“. Bei bis zu einem Viertel der Klassen komme es nicht auf das Lebensalter an, sondern auf die „geistige Leistung“. Doch das Ziel, bis Ostern 1946 die „Klassenreife“ der einzelnen Schüler festzustellen und danach die Klassen endgültig zu bilden, konnte nicht befriedigend gelöst werden. In den meisten Klassen war der Stamm der alten Schüler gegenüber den „Gesprungenen, Rückversetzten und anderweitig Hinzugekommenen in der Minderheit“, so dass das Leistungsniveau sank. Das bisher geförderte „Springen“ wurde nun „gebremst“. Einwände von Eltern, es seien nur Schüler „gesprungen“, die durch Privatstunden gefördert worden waren, wies die Schule als „nicht stichhaltig“ zurück.

 

Die Verlängerung der Gymnasialzeit auf neun Jahre und die Umstellung des Schuljahrbeginns auf Ostern 1947 hatten ebenfalls weit reichende Folgen. Von Herbst 1946 bis Ostern 1948 musste in zweieinhalb Jahren der Lernstoff von drei Jahren durchgearbeitet werden, „wenn notwendig, unter Kürzung im Stoff der Realien“. Ostern 1947 und 1948 durfte in das nächstfolgende Jahr versetzt werden, – „unbeschadet der Tatsache, daß in den ersten Monaten nach der Versetzung noch der Lernstoff des vorhergehenden Lernjahres bearbeitet“ wurde. Wegen der Umstellung des Schuljahres kam der Beurteilung der Schüler von Januar bis zum 25. März 1947 besondere Bedeutung zu. Der Erlass vom 18. Dezember 1946 schrieb ausdrücklich vor, Schüler, die „wegen Mangel an Begabung und Fleiß“ das Klassenziel nicht erreichten, zu entlassen.

Schümmer wollte möglichst viele Unterlagen für die Versetzungskonferenzen durch Unterrichtsbesuche sammeln und bat die Kollegen, „vor allem schwächere oder zweifelhafte Schüler, nicht die ganz guten und nicht die ganz schlechten zu prüfen“. In den Fremdsprachen wollte er „Extemporierübungen“ (aus dem Stegreif) oder Wiederholungen in der Grammatik sehen und bat im Deutschunterricht, auf der Unterstufe Satzanalyse vorzunehmen „und damit zusammenhängend“ auf der Mittel- und Oberstufe Wiederholungsfragen aus dem Stoffgebiet des Jahres zu stellen. In Erdkunde, Biologie, Chemie und Physik sollten die Lehrer ebenfalls den ganzen Stoff berücksichtigen. In Rechnen und Mathematik mussten die Schüler selbstständig an der Wandtafel eine Aufgabe aus dem Jahrespensum lösen.

Nachdem nun die Klassen eine etwas dauerhaftere und gleichmäßigere Zusammensetzung erhalten hatten, wollte Schümmer mit dem Ende des Schuljahres und mit der feierlichen Verabschiedung der Abiturienten am 25. März 1947 deren Eltern und der Mittel- und Oberstufe in der Turnhalle (dem „Festsaal“) „einen Einblick in die Jahresarbeit der Schule“ geben: Er schlug vor, eine griechische Homerstelle zu „rezitieren“ oder , „falls eine Tragödie gelesen worden war, – einen Chorgesang daraus“; im Englischen könne eine Shakespeare-Szene „dialogisch gesprochen“ werden; andere Schüler sollten „über einen mathematischen oder naturwissenschaftlichen Zusammenhang nach eigener Ausarbeitung“ reden. Abschließend würde die beste Deutscharbeit der Reifeprüfung vorgelesen.

 

9.1.7 „Disziplinlosigkeiten“ gefährden die „Schulzucht“

 

Die Diskussion über „Schulzucht“, „Schulordnung“ und Erziehungsfragen nahm auf den Lehrerkonferenzen der Nachkriegszeit einen breiten Raum ein. Schümmer fühlte sich als „Gast“ der Liebfrauenschule besonders verpflichtet, die Schüler des Beethoven-Gymnasiums ständig zu besonderer Ordnung und Sauberkeit anzuhalten. Von Anfang an versuchte er der durch „Unachtsamkeit“ verursachten „Verunreinigung der Toiletten im Keller“ zu begegnen (denn das sei „den Schwestern nicht zuzumuten!“) und ließ täglich fünf Schüler für Sauberkeit sorgen. Für jede Klasse war ein Schüler zuständig, der am Schluss der letzten Stunde dem jeweiligen Lehrer meldete, dass der Raum in Ordnung sei und kein Papier herumliege. Er hatte die Schüler zu melden, deren Plätze verunreinigt waren, oder selbst aufzuräumen. Der Lehrer musste schließlich den Zustand des Raumes überprüfen. Nachdem in den Sommerferien 1946 das ganze Gebäude „instand gesetzt wurde“, ermahnte Schümmer die Schüler, „besonders sorgsam zu sein“, damit nicht durch ihre „Schuld das Eigentum“ der „Gastgeber beschädigt“ werde; ansonsten drohten „strengere Strafen als bisher“. Da sich gegen Ende des Jahres die „Fälle leichtsinniger und mutwilliger, manchmal auch böswilliger Beschädigung des Schuleigentums“ häuften, beschloss die Lehrerkonferenz, „unnachsichtig die Verweisung von der Schule auszusprechen, wenn noch einmal ähnliches versucht“ würde.

 

Vorschläge und Anordnungen zur Behebung der Schulzucht“ von Seiten der Lehrer und ständige Ermahnungen des Schulleiters an sie, „streng auf die Beachtung der Schulordnung zu drängen und selbst ihre Aufsichtspflicht und überhaupt die grundsätzliche Erziehungspflicht den Schülern gegenüber zu erfüllen“, wechselten sich des Öfteren ab. Ungünstig auf das Lernklima und das soziale Verhalten der Schüler wirkten sich die unterschiedlichen Kriegs- und Nachkriegserlebnisse (Bombardierung, Evakuierung, Flucht) aus. Der „Rollenwechsel“ vom Kriegsteilnehmer (Wehrdienst, Kriegshilfsdienst, Flakhelferdienst, Arbeitsdienst) zum Oberstufenschüler, der sich an die strenge Schuldisziplin gewöhnen musste (Zweieraufstellung auf dem Hof, Rauchverbot auf dem Schulweg und im Gebäude), fiel vielen sehr schwer. Die Absolventen der Reifeprüfung 1946 gehörten den Jahrgängen 1921-27 an. 1947 waren es Schüler der Jahrgänge 1925-28, 1948 der Jahrgänge 1924-30, 1949 der Jahrgänge 1927-31. Die Abiturjahrgänge 1949 und 1950 berichteten von ihrem Eindruck, der Schulleiter wäre den älteren Schülern gegenüber, die in der Hitlerjugend führende Funktionen innegehabt hätten oder Offiziere waren, „mißtrauisch“ gewesen. Sie zitierten sogar Leute, die glaubten, man müsse die „Hitlerjugend-Generation“ als „politisch und sittlich verdorben abschreiben“.

Der Abiturjahrgang 1950 erinnerte sich „besonders an die erste Zeit nach Kriegsende, als sich in der Untersekunda [Klasse 10] 34 Schüler trafen, vorwiegend ältere Jahrgänge mit Kriegserfahrung, Unteroffiziere und Gefreite, Luftwaffenhelfer und Volkssturmleute, denen es nicht leicht fiel, sich wieder an die strenge Schuldisziplin zu gewöhnen“. Vertreter des Abiturjahrgangs 1949 kritisierten in der Rückschau, sie wären von den damaligen Lehrern „wie Kinder“ behandelt worden, dabei hätten sie sich „als Erwachsene verhalten müssen, um zu überleben; insbesondere bei den älteren Lehrern mangelte es an Verständnis für die Verhaltensweise der ‚rauchenden Flegel’. Und diese Flegel holten ihre Kinderjahre nach, die ihnen vorenthalten waren.“ Alter und Aussehen hätten nicht zu den „Disziplinlosigkeiten“ gepasst. Aus „purem Übermut“ wurden Topfblumen auf den Fensterbänken der Mädchenschule auf die Straße geworfen, Lehrerstühle oder einzelne Stuhlbeine als Wurfgeschosse (mit entsprechenden Folgeschäden) benutzt. Obwohl streng verboten, gingen die älteren Schüler in der Pause auf der Straße spazieren. Im Sommer 1946 reagierte Schümmer auf „einige Vorfälle der letzten Tage“ und drohte: „Wenn eine Klasse als Ganzes sich wiederholt schwerer Verstöße gegen die Schulzucht zuschulden kommen“ ließe, hätte „sie das Recht auf Genuß des Unterrichts verwirkt“ und würde „als Klasse aufgelöst“. Die Schüler müssten dann einzeln versuchen, an anderen Schulen unterzukommen. Gleichwohl gelang es der Schule nicht, die überalterten Schüler ständig in ein von strenger „Schulzucht“ geprägtes Schulleben einzuordnen. Sichtlich verärgert über die mangelnde Disziplin soll der Klassenlehrer einer Abiturklasse 1949 sich sehr pessimistisch über ihre Zukunftsaussichten geäußert haben: „Sie gehören zu einer Generation, die man verschleißt, weil sie eben da ist, aus der aber nichts wird“.

 

In seinem Runderlass vom 30. Juni 1947 verkannte der Kultusminister nicht, dass die „heutigen Erziehungsschwierigkeiten weit über das normale Maß hinausgehen. Doch ist die Verwilderung der sittlichen Begriffe, die zu beklagenswerten Vergehen der Schuljugend führt, nicht durch das ungeistige Mittel körperlicher Züchtigung zu beheben … Die noch immer hin und wieder anzutreffende häufige Anwendung der körperlichen Züchtigung ist das traurigste Armutszeugnis, das ein Lehrer seiner erzieherischen Wirksamkeit ausstellen kann. Unbedingt verwerflich ist es, vor allem körperliche Strafen als Vergeltung oder als Stütze äußerer Autorität anzuwenden oder mit ihrer Hilfe Unaufmerksamkeit und mangelhafte Leistungen bekämpfen zu wollen.“ In der Konferenz vom 24. September 1949 berichtete Schümmer „über einen bedauerlichen Fall körperlicher Züchtigung“ und schärfte den Kollegen ein, „möglichst von jeder körperlichen Züchtigung abzusehen“, sondern die „straffe Handhabung der Hausordnung“ anzuwenden.

Diese hatte das Kollegium nach längerer Diskussion am 28. August 1947 beschlossen und am nächsten Tage ihre „besonders eindrucksvolle Bekanntgabe“ durch den Schulleiter gewünscht. Sie enthielt genaue „Anweisungen

1) für das Verhalten auf dem Hof,

2) für den Aufenthalt im Schulgebäude,

3) für das Aufstellen auf dem Hof,

4) für das Verhalten im Hause und in den Klassen,

5) für das Verhalten während des Unterrichts,

6) für die Bestrafung von Verstößen gegen die Hausordnung.

Übertretungen wurden in der Regel mit „Nachsitzen“ geahndet (unter Eintragung in die „Strafliste“ mit Namen, Klasse, Grund und Lehrer). „Sammelarrest“ gab es nur bei Verstößen gegen die Hausordnung, nicht für Störungen im Unterricht. Um das Verhalten der Schüler vor allem während der kleinen Pausen zu verbessern, sollten die Aufsicht führenden Lehrer „mehr als bisher“ mit Ordnungsstrafen vorgehen.

 

Dem Kampf gegen den zu großen Lärm im Haus widmete Schümmer seine ständige Aufmerksamkeit. Im Turnunterricht müsse dieser Kampf „besonders stark geführt“ und ein „fast lautloses Verhalten durch ausgiebigen Gebrauch der Ordnungsstrafe erzwungen werden“. Trotz neuer Hausordnung sei es z. B. nach zwei Monaten bei einer „Zusammenkunft der unteren Klassen in der Halle … zu starkem, die Schule beschämenden Lärm gekommen“. Die Lehrer hätten „besser für Ruhe sorgen“ und Ordnungsstrafen verhängen müssen. In dieser Beziehung kritisierten die damaligen Oberstufenschüler Schümmer in der Rückschau, er wünschte „die Schule wie ein amerikanisches Eliteinternat zu führen“; dass dies mit den älteren Schülern und Abiturjahrgängen bis 1949 „mißlingen mußte, war offenbar für den Schulleiter nicht erkennbar“. Schümmers Nachfolger Grenzmann charakterisierte im Nachhinein die Jugend der Nachkriegszeit als eine „skeptische Generation“, die der „Tradition nicht leicht“ vertraute, die „den berufenen Führern zurückhaltend, wenn nicht gar mißtrauisch gegenüber“ gestanden hätten.

 

Die Klassenlehrer sollten „Elternbesprechungen über grundsätzliche Fragen der Erziehung“ abhalten und vortragen, „was die Schule in Erziehungsfragen vom Elternhaus“ erwartete. In der ersten Konferenz über dieses Thema am 2. März 1946 kam es vornehmlich zu einer Aussprache über die:

„1) Bewahrung und Erziehung der Schüler auf sexuellem Gebiet,

2) Beteiligung der Schüler am Schwarzhandel,

3) Fragen eines neuen jugendbündischen Zusammenschlusses.

Auf den Versammlungen des Schuljahres 1946/47 wurden – „in der Form einer lebhaften Aussprache zwischen Lehrern und Elternschaft – hauptsächlich ff. Fragen diskutiert: Hausaufgaben, […] Schwierigkeiten der Papier- und Lernmittelbeschaffung, Jugendverbände, Essensportionen an völlig unterernährte Schüler, bequemere Regelung der Sprechstunden der Lehrer […], moralische Betreuung der Jugendlichen, Aufklärung zum sittlichen Schutz der Jugend, Empfehlung guter Bücher als Hauslektüre.“ Als Anregung von Elternseite erinnerte Schümmer am 20. 6. 1947 die Kollegen, „mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse“ die Hausaufgaben „auf ein Mindestmaß“ zu beschränken; vor allem sollten sie „möglichst wenige Niederschriften des in der Stunde Besprochenen“ anfertigen lassen.

 

Im Frühjahr 1949 versuchte Schümmer eine Verordnung des Schulkollegiums zu umgehen, die seine Bemühungen um Aufrechterhaltung der „Schulzucht“ konterkariert hätten: Es sollten nämlich vier Untertertien (Klassen 8) zu drei, drei Untersekunden (Klassen 10) zu zwei und zwei Unterprimen (Stufe 12) zu einer Klasse zusammengelegt und eine „Verkleinerung des Lehrkörpers“ erreicht werden. Um die augenblickliche Klasseneinteilung bestehen zu lassen, dem Kollegium Unterricht in völlig überfüllten Klassen zu ersparen und den „Leistungsstand des Beethoven-Gymnasiums“ aufrecht zu erhalten, bot Schümmer den Kollegen an, entweder ein bis zwei Stunden über ihr Pflichtstundensoll hinaus zu geben oder auf die ihnen zustehende Entlastung zu verzichten; das Kollegium zog mit!

 

Als Schümmer am 26. Oktober 1950 65 Jahre alt wurde, gönnte das Kollegium ihm nach der dritten Stunde eine Feier in der Turnhalle der gastgebenden Liebfrauenschule. Die Schüler mussten sich auf dem Hof geschlossen aufstellen und wurden von da von ihren Klassenlehrern der Reihe nach, von Sexta a (Klasse 5) beginnend, in die Halle geführt. Die Oberstufe schloss sich an, als die Mittelstufe Platz genommen hatte. „Ein ganz besonders ruhiges Verhalten“ war an diesem Tage allen Schülern „zur strengen Pflicht“ gemacht worden, insbesondere sollte das Betreten und Verlassen der Halle „in größter Ruhe und Ordnung vor sich gehen“. Während der Feier durfte „überhaupt nicht gesprochen werden“. Anschließend war schulfrei.

 

  • Re-Education“ nach britischem Vorbild: Schülerselbstverwaltung als Teil der Demokratisierung des Schullebens

 

Ziel der Schulpolitik der britischen Besatzungsmacht, der auch Bonn unterstand, war die „Re-education“, die Selbstbestimmung der einzelnen Schulen und die Demokratisierung des inneren Schullebens, wodurch die Entwicklung demokratischen Denkens und Handelns ermöglicht werde. Die Beziehungen zwischen Schulleitung und Kollegium sowie Lehrern und Schülern sollten von ihren autoritären Strukturen befreit werden. Dieses Ziel lag ganz auf der Linie der Direktive Nr. 54 vom 25. Juni 1947 des Alliierten Kontrollrates, die die Schulen auf eine Erziehung zur bürgerlichen Verantwortlichkeit und zu einer demokratischen Lebensweise festlegte.

Die britischen „Vorschläge für Bürgerrecht-Erziehung“ vom 18. April 1947 wollten sich nicht mit theoretischen Kenntnissen demokratischer Regierungsverfahren begnügen, sondern verlangten von den Schulen, ihren Schülern ein Höchstmaß an praktischen Erfahrungen zu ermöglichen und sie den Gebrauch parlamentarischer Methoden üben zu lassen. Neben dem Schülerrat als einer Einrichtung der Schule sollte für jedes Schuljahr ein Präsident, ein Vizepräsident, ein Schatzmeister und verschiedene Ausschüsse gewählt werden. Darüber hinaus enthielten die „Vorschläge“ viele Ideen zur Erhöhung der Eigenverantwortlichkeit der Schüler und der Praktizierung demokratischer Umgangsformen. Einkalkuliert waren bei der Umsetzung „schwerwiegende Änderungen sowohl der Lebensgewohnheiten, der Lehrmethoden und der Lehrmittel als auch in der Geisteshaltung und der Vorbildung des Schulmannes“.

 

Am 13. Juni 1947 entschied die Lehrerkonferenz des Beethoven-Gymnasiums über die „Schülerselbstverwaltung zum Zwecke einer staatsbürgerlichen Erziehung“: ab UII (Klasse 10) sollten die Schüler einen Klassensprecher, einen Klassenordner, einen Klassenbuchführer und deren Stellvertreter wählen; in den unteren Klassen bestimmte der Klassenlehrer diese Ämter. Die weitere Entwicklung der Schülerselbstverwaltung „aus diesen Anfängen heraus“ wollte die Konferenz „einem späteren Zeitpunkt zuweisen“. Einer der jüngsten Studienräte (geb. 1908) erhielt die Aufgabe, „die Schülerselbstverwaltung mehr zu fördern“ und „Anregungen“ entgegenzunehmen. Anfang 1948 kam es zwischen einem „Schülerausschuß“ und einigen Lehrern zu einer längeren Aussprache, bei der die Schüler ihre Wünsche zu organisatorischen Aufgaben und eigener Verantwortlichkeit innerhalb des Schullebens vortrugen.

Diesem Anliegen kamen die nordrhein-westfälischen „Richtlinien betr. Erziehung zur Selbständigkeit und Verantwortlichkeit in der höheren Schule“ vom 19. Januar 1948 entgegen, die die „Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung des in seiner lebendigen Einheit verstandenen Menschen“ wecken wollten durch „eigenständige Selbsttätigkeit der einzelnen Schulen und der in ihr gestaltenden und gestalteten Persönlichkeiten“. Die Vorschläge für eine Selbstbetätigung der Schüler im Rahmen ihrer Schule bezogen sich auf die äußere Organisation: Klassenämter, Übernahme von Aufsicht und Ordnungsdienst, Mitwirkung bei der Aufrechterhaltung der Schuldisziplin, auf die selbstständigen Veranstaltungen der Schüler sowie die Hilfe beim Ausbau der Schulsammlungen und Schulbüchereien. Dem Kollegium war bewusst, dass der „Schwerpunkt der Schülerselbstverwaltung nicht im Äußeren liegen dürfe; die Freude an dem Mittragen von Verantwortung, vor allem innerhalb der eigenen Klasse, sei das Wesentliche“.

Unter den damaligen äußerst schwierigen Bedingungen im Schulalltag und angesichts des überalteten Kollegiums sowie eines großen Lehrermangels ergab sich das natürliche Bestreben der Schüler, die Lehrer zu entlasten, die ihrerseits froh waren, die oft überdurchschnittlich alten Schüler an der Organisation des Schulalltags zu beteiligen. Der Schulleiter gab die Parole aus: „Die Schülerselbstverwaltung kann und soll mitwirken bei der Aufrechterhaltung der Schulzucht“. Die Oberstufenschüler jedenfalls freuten sich über die ihnen zugewiesenen Aufgaben bei der Gestaltung des Schullebens neben und mit der Lehrerschaft in eigener Verantwortung: – zunächst mehr organisatorischer Art, z. B. Aufsichten, Regelung der Fahrradunterstellung, Hilfe bei der Organisation der Schulspeisung, Vorschläge für die Praktizierung der Schulordnung und Übernahme von Verantwortung bei deren Durchführung (wobei die Aufsichtspflicht und Verantwortlichkeit der Lehrer unberührt blieb), dann aber auch die Gestaltung von Schulfeiern, Einrichtung von Arbeitsgemeinschaften und Nachhilfeunterricht innerhalb der Klassen. Am Ende des Schuljahres 1949/50 lobte der Schulleiter den weiteren Ausbau der Schülerselbstverwaltung am Beethoven-Gymnasium, die sich „zu einer erfreulichen Höhe entwickelt“ hätte. „Ein Teil der Aufsichten wurde von ihr übernommen, Sportfest und Theateraufführung selbständig durchgeführt. Neu entwickelt wurde ein Betreuungssystem für Schüler der unteren Klassen durch besonders geeignete Sekundaner und Primaner.“

 

Schließlich gab sich die (nunmehr umbenannte) Schülermitverwaltung eine eigene Satzung: „Die SMV soll das gemeinschaftliche Leben innerhalb und außerhalb der Schule mitgestalten und fördern. Sie soll sich bemühen, neben dem Unterricht sich eine eigene Form des Lebens innerhalb der Schule zu geben. – Als Grundeinstellung setzt die Arbeit der SMV ein Verantwortungsgefühl gegenüber den Kameraden und der Schule voraus. Diese Verantwortung bezieht sich auf den Eindruck, den die Schülerschaft in der Öffentlichkeit macht, die innere Ordnung und die Gesinnung innerhalb der Schülergemeinschaft. – Die SMV soll das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern fördern. – Die Schüler haben Gelegenheit, ihre Meinungen und Interessen vorzubringen und durch ihre Vertreter über den Schulsprecher an die Schulleitung weiterzugeben.“

Auch später im neuen Gebäude an der Koblenzer Straße überwachte die SMV vor Schulbeginn und nach Schulschluss die Zugänge zur Schule, leistete vor dem Gebäude, wenn einmal kein Polizeibeamter anwesend war, Lotsendienste und sorgte für ein möglichst diszipliniertes Verhalten der Schüler im Verkehr. Außerdem richtete die SMV Kulturfilmveranstaltungen ein mit kurzen, interessanten und lehrreichen Kultur- und Dokumentarfilmen. Der „Theater-Club“, früher „Schülerbühne des Beethoven-Gymnasiums“, führte meist mehrere Stücke im Jahr auf. Die Redaktion der Schülerzeitung „Unser Forum“ brachte manchmal fünf Nummern jährlich heraus. An den Schulfesten beteiligte sich die SMV an der Organisation und mit vielen eigenen Beiträgen.

 

9.2 Verlegung, Wiederaufbau oder Neubau des Beethoven-Gymnasiums?

 

Bei den Plänen für einen Wiederaufbau des Beethoven-Gymnasiums wurde die zu stark beschädigte Vorderfront nicht mehr in Erwägung gezogen, zumal auch der zunehmende Verkehr auf der Koblenzer Straße (1967 in Adenauerallee umbenannt) den Unterricht stören würde. Dabei war das alte Gebäude „bereits 1928 für die damalige Zahl von 516 Schülern zu klein“. Die augenblickliche Beschränkung auf zwei Eingangsklassen (bei 86 Sextanern 1947 und 78 Ostern 1950), wozu die „Behelfsmäßigkeit der Liebfrauenschule zwang“, bildete nicht „die Normalzahl“. Nach der Entscheidung für Bonn als Bundeshauptstadt erwartete Schümmer im Laufe des Jahres 1950 den Zuzug tausender Beamter und Angestellter, „die ihre Söhne zumeist dem alt- und neusprachlichen Gymnasium, d. h. dem Beethoven-Gymnasium zuführen“ würden. Schule, Elternschaft und Kultusministerium drängten auf die schnelle Lösung eines Wiederaufbaus, die allerdings durch die noch nicht abgeschlossene Planung für Ministeriumsgebäude an der Koblenzer Straße verhindert wurde, da man nicht bereit war, Gelder für den Kauf von Nachbargrundstücken für den notwendigen Neubau zur Rheinseite hin zu bewilligen.

Eher brachte der Finanzminister immer wieder die Verlegung des Beethoven-Gymnasiums an eine andere Stelle der Stadt ins Spiel (Endenicher Straße 140, Grundstück pharmakologisches Institut, Grundstück des Hauses Melb, Sportgelände an der Reuterstraße); doch alle in Erwägung gezogenen Bauflächen erwiesen sich als ungeeignet. Schümmer verwies auf die lange Tradition des Beethoven-Gymnasiums und die „besonders bevorzugte und seiner Bedeutung entsprechenden Lage am Rhein“, deren „landschaftliche Schönheit“ für das Gelingen von Erziehung und Unterricht nicht zu unterschätzen sei. Auch das Kultusministerium wollte auf keinen Fall einer Verlegung zustimmen, da das „staatliche Beethoven-Gymnasium … nach seiner ganzen geschichtlichen Vergangenheit, seinem mehrhundertjährigen Bestehen und seiner besonderen Bedeutung als humanistische Bildungsstätte Anspruch auf eine bevorzugt Lage“ erheben könne. Die Eltern lehnten ebenfalls die „völlig indiskutablen Projekte“ einer Verlegung ab; für die Jugend sollte „das Beste und Schönste gerade gut und schön genug sein“ und sie müsse „vor dem Anliegen bundeshauptstädtischer Repräsentanz den Vorrang haben“. Nach einer Besichtigung des Schulgrundstückes anlässlich einer Bundesratssitzung lenkte der Finanzminister schließlich ein. Nach längeren Verhandlungen konnten im Herbst 1950 zwei nördlich angrenzende Grundstücke am Rhein mit dem nicht zerbombten Untergeschoss des kurfürstlichen Lustschlösschens „Vinea Domini“ erworben werden.

 

Die im Juni 1950 begonnenen Bauarbeiten im hinteren Teil des alten Schulgebäudes verzögerten sich immer wieder, so dass erst am 6. April 1951 der „schönste Schulhof Deutschlands“ sich wieder mit Schülerscharen belebte und der Unterricht für die Unterstufe (darunter 112 Sextaner in nunmehr drei Eingangsklassen) und zwei Primen in den neu erstellten Klassenräumen in einem „äußerlich unverputztem, innerlich aber recht freundlich anmutendem Schulneubau“ beginnen konnte. Allerdings vermochte selbst ein ausgeklügelter Stundenplan nicht zu erreichen, dass bei dem Lehrerwechsel von der Königstraße zur Koblenzer Straße und umgekehrt (wegen der häufig geschlossenen Bahnschranke!) der Unterricht pünktlich begann. Nachdem die Verwendung des alten Vorderteils der Schule für Unterrichtszwecke grundsätzlich verworfen worden war und der Abbruch unbrauchbarer Mauerteile weiterging, erreichte die Schule die Genehmigung für die Errichtung einer Turnhalle von der Straßenfront aus rechts und einer Aula mit Nebenräumen auf der linken Seite.

 

Für den Neubau wünschte sich das Kollegium ein Klassengebäude parallel zum Rhein an der Böschung und die übrigen Nebenräume in einem Flügel an der Nordseite bis zum alten Schulbau. Das Staatshochbauamt wollte hingegen einen viergeschossigen Trakt quer zur Rheinfront mit einer leichten Schwenkung mit Südostlage. Nach langen Verhandlungen erreichte die Schule als Kompromiss zu dem kritisierten Neuentwurf des Wiederaufbauministeriums einen nördlich gelegenen dreigeschossigen Klassentrakt mit einer Pausenhalle zum Rhein hin und einen Verbindungstrakt „in leichter Kurve“ nach dem alten Bau für die naturwissenschaftlichen Räume; der gesamte Schulhof gestattete damit eine Aussicht auf den Rhein und das Siebengebirge.

 

Zu erheblichen Differenzen zwischen Schule und Wiederaufbauministerium führte auch der Wunsch der Lehrerschaft, die bei der Enttrümmerung freigelegten, allerdings nur wenigen Reste des kurfürstlichen Weinschlösschens „Vinea Domini“, eines oktogonalen Pavillons mit niedrigeren flachen Nebentrakten und einem Souterrain mit Küche und Geschirrkammer, in den Neubau einzubeziehen. Eine besondere Attraktion des von Guillaume Hauberaut für Kurfürst Clemens August um 1722 vollendeten, französisch geprägten Barockbaus war das „Tischleindeckdich“, eine Apparatur, mit der man den im Keller angerichteten Tisch mit Hilfe einer Winde durch den geöffneten Fußboden zur Überraschung der Gäste in den achteckigen gewölbten Speisesaal des Mittelbaus heben konnte. Den erhalten gebliebenen oktogonalen Keller mit Sternengewölbe und der Öffnung für das „Tischleindeckdich“ wollte die Schule in die geplante Pausenhalle gewissermaßen als „Schmuckstück“ für das Beethoven-Gymnasium einbeziehen.

Wiederaufbauministerium und Landeskonservator waren jedoch zu der Überzeugung gekommen, dass sich der restliche Kellerraum der „Vinea Domini“ weder technisch noch architektonisch   einwandfrei mit dem neuen Gebäude vereinigen ließ. Außerdem gab die Ablehnung des Regierungspräsidenten unter dem Aspekt der Mehrkosten von 20.000 DM und des angeblich zweifelhaften künstlerischen Wertes den Ausschlag. Einzig ein Wandgemälde in Sgrafittotechnik an der Nordwand der Pausenhalle sollte die Erinnerung an diesen historischen Ort wach halten. Von dort aus werde, so versuchte das Wiederaufbauministerium die Schule zu beruhigen, „genau derselbe Blick, wahrscheinlich noch schöner und umfassender für die heranwachsende Jugend geschaffen werden, den man früher von der Vinea Domini aus hatte“. Als Schümmer immer noch „gegen die geplante Zerstörung dieses ehrwürdigen Restes der Vergangenheit Einspruch“ erhob, wurde das Schulkollegium von der Kultusministerin angewiesen, dem Schulleiter „alsbald zu eröffnen“, es sei „Sache des Direktors, sich der ministeriellen Entscheidung zu fügen und dafür zu sorgen, daß weitere, völlig überflüssige Erörterungen hierüber“ unterblieben. Die restlichen freigelegten Bauteile der „Vinea Domini“ ließ das Wiederaufbauministerium mittlerweile trotz anhaltender Widerstände der Schule abreißen, um den Neubau nicht noch weiter zu verzögern.

 

Zum Richtfest am 14. November 1951 lobte die „Bonner Rundschau“: „Das alte Gebäude, wo Jahrzehnte der ‚vinea domini’-Villensitz ein Begriff war, ist nunmehr in schwungvoller Planung für die Rheinfront neu entstanden … Die jetzigen und künftigen Schüler des Beethoven-Gymnasiums sind zu beneiden, denn wo fände sich ein schulischer Ort, der Tag und Nacht, auch während der Unterrichtsstunden durch große Fenster den Strom mit seinem Leben und die Sieben Berge bis an die Schulbänke heranbringt?“ Nach den Osterferien am 17. April 1952 begann der Unterricht nunmehr für alle Schüler in einem neuen eigenen Gebäude, – 7 ½ Jahre nach der Zerstörung der alten Schule und nach 6 ½ Jahren „zu Gast“ in der Liebfrauenschule. Obwohl drei neue Eingangsklassen und der weitere starke Zuzug auswärtiger Familien schon zukünftigen Raummangel ankündigten, konnten die 23 Klassen in 18 Klassen- und fünf Nebenräumen – ohne den ungeliebten Schichtbetrieb – untergebracht werden. „Die ganze Umgebung des neu errichteten Gymnasiums und die moderne und lichte Bauweise des Hauses“, so glaubte die „Bonner Rundschau“ optimistisch, würden „über die ersten Einschränkungen hinweghelfen und besonders auch der Lehrerschaft ihre große Aufgabe erleichtern“.

 

Noch im Juni 1952 begannen an der Vorderfront zur Koblenzer Straße die Arbeiten des dritten Bauabschnitts mit der Aula, der Turnhalle und den Räumen für das Staatliche Studienseminar. Im August wurde der „in der rheinseitigen Böschung vorgesehene Bootsbunker an dem Wilhelm-Spiritus-Ufer in Angriff genommen“. Die neue Aula, ein in hellen Pastellfarben gehaltener „Repräsentativ-Saal für 700 Personen“, wurde als eine „Sehenswürdigkeit der Schule“ gepriesen, die „an sich schon ein Schmuckstück darstelle, um das viele Städte Bonn beneiden“ würden. Bis zur Decke mit Eschenholz getäfelt, unterstrichen auch das Eichenholzparkett, die 10 Deckenlampen mit Aluminiumgestänge und die Glasstablampen an der Innenwand die Helligkeit der Farben des Raumes. Vor der Bühne mit hellblauem Vorhang waren die Stuhlreihen mit Klappsitzen nach hinten aufsteigend angeordnet. Eine besonders starke Isolierschicht auf den schallschluckenden Wänden sollte vor dem Lärm auf den Gängen und im Zwischentrakt schützen, eine dreifache Glasschicht die Verkehrsgeräusche auf der Koblenzer Straße fernhalten.

 

Als „Kunst am Bau“ zierte seit Juni 1952 oberhalb des Lehrerzimmerbalkons eine Sonnenuhr „zu Lehr- und Anschauungszwecken“. Um die Erkennbarkeit der Linien, römischen Zahlen und Tierkreiszeichen vom Schulhof aus zu erhöhen, war auf Sgrafittoplatten eine rote und eine schwarze Farbschicht aufgetragen, die dann mit dem weißen Putz der Gesamtfront überzogen wurde. Aus den noch frischen, feucht gehaltenen Putzschichten schnitt man die Markierungen heraus, um durch „Farbe und plastische Gestaltung“ eine „künstlerische Note“ zu erreichen. Über der Uhr konnten die Schüler in großen lateinischen Buchstaben den Spruch: „Transit umbra, manent opera“ lesen.

Eine „plastische Bilddarstellung des Namensgebers der Schule“, eine „Portraitbüste“ oder ein Bildnisrelief“ in Stein oder Bronze, sollte die Eingangshalle des Gymnasiums schmücken. Man entschied sich schließlich Ende 1952 für den Entwurf des Düsseldorfer Bildhauers Kurt Zimmermann, der ein überlebensgroßes plastisches Bildnis in Maskenform auf einer Konsole ruhend vorgeschlagen hatte. Der Künstler wollte mit der annähernden Wiedergabe der Totenmaske einen „im wesentlichen symbolhaften Eindruck“ erreichen, ohne dabei auf die deutlich erkennbaren Züge Beethovens zu verzichten. Zu einem für notwendig gehaltenen, architektonisch ergänzenden Hintergrund ist es allerdings nicht mehr gekommen.

 

Mit der Fertigstellung des Lehrschwimmbeckens (7,5 mal 4,5 Meter), der Umwälzanlage und der Ruderschule im Keller des Hauptgebäudes waren 1956 die geplanten Baumaßnahmen abgeschlossen. Nun konnte der Schwimmunterricht auf alle Nichtschwimmer der Schule ausgedehnt werden. Zum vollständig gekachelten Schwimmbecken gehörten eine praktische Brause- sowie eine Be- und Entlüftungsanlage und ein Umkleideraum. Die ständig umgewälzten, 22-23° warmen 40 m³ Wasser wurden mit Filtern und einem Chlorzusatz keimfrei gehalten.

Außerdem konnte nun der Gymnasial-Ruderverein (GRV) mit einem Gerät für eine Viererbesatzung im Winter die neuen bzw. noch ungeübten Mitglieder im sogenannten Ruderkasten für das Rudern auf dem Rhein vorschulen; das in einem Oval umlaufende Wasser schaffte hierfür die natürlichen Bedingungen

 

Im Oktober 1992 wurde das Beethoven-Gymnasium als typischer Bau der 50er Jahre unter Denkmalschutz gestellt. Die offene, nicht immer symmetrische Anordnung der Gebäudeteile sollte nach dem Krieg die alte „Schulkaserne“ verdrängen. Hohe Fensterwände ließen viel Licht in die Treppenhäuser; auch von außen sollte ein Blick auf hin- und herlaufende Schüler geworfen werden. Durch solche Transparenz wurde ebenfalls die Umgebung der Schule, der Rhein, das gegenüberliegende Ufer und das Siebengebirge, einbezogen.

 

9.3 Die Elly-Heuß-Knapp Schülerinnen als „Gäste“ im Beethoven-Gymnasium

 

Am letzten Schultag vor den Osterferien, Samstag 29. März 1952, mussten die Schüler mit ihren Klassenlehrern nach dem Gottesdienst solange in ihren Räumen bleiben, bis „der Herr Direktor sich persönlich von den einzelnen Klassen verabschiedet“ hatte: Die Behörde gönnte nunmehr dem bald 67jährigen Schümmer den Ruhestand. Am 31.März fand in der Aula der Clara-Schumann-Schule die offizielle Abschiedsfeier statt. Am Donnerstag, 17. April 1952 sollten sich nach dem Gottesdienst alle Schüler anschließend „in die Koblenzer Straße“ begeben.

Schümmers Nachfolger wurde Dr. Wilhelm Grenzmann, Mitglied des Kollegiums seit dem Wiederbeginn 1945 und seither seinem Vorgänger kollegial eng verbunden. Grenzmann, an der Ausbildung der nachfolgenden Lehrergeneration maßgebend beteiligt, war Fachleiter für Englisch, Deutsch und Philosophie, Mitglied mehrerer Prüfungsämter und schließlich einige Jahre Leiter des Studienseminars. Von seinen Kollegen „vir sapiens“ genannt, verfasste er viele Beiträge zur Methodik des Deutsch- und Philosophieunterrichts und veröffentlichte als Wissenschaftler maßgebliche Bücher seines Fachgebietes, so dass ihm schließlich eine Professur an der Bonner Universität übertragen wurde.

 

Grenzmann musste sich gleich nach seinem Amtsantritt mit dem Problem der ständig wachsenden Schülerzahl und der steigenden Klassenfrequenzen bei zu wenigen und oft zu kleinen Räumlichkeiten auseinandersetzen. Ostern 1953 waren in dem für 18 Klassen geplanten Gebäude 27 Klassen unterzubringen. Ein Jahr später besuchten 893 Schüler (je zur Hälfte katholisch und evangelisch; 20% waren „Flüchtlingskinder“) das Beethoven-Gymnasium, so dass auch bisherige Kellerräume genutzt wurden. 5 Räume im oberen Stockwerk des Vordergebäudes belegte außerdem das Studienseminar für Referendare an höheren Schulen, das erst 18 Jahre später auszog.

Der ständige Zuzug von Beamtenfamilien nach Bonn und Godesberg führte zu einer Überfüllung der höheren Schulen, die räumlich und pädagogisch untragbar wurde. Nach dem Nicolaus Cusanus Gymnasium in Godesberg kam es 1954 in Bonn zur Gründung von Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium II (Friedrich-Ebert-Gymnasium) und Clara-Schumann-Schule II, die den Namen Elly-Heuß-Knapp-Schule erhielt und auf Anordnung des Kultusministers – bis zur Fertigstellung eines eigenen Gebäudes in Kessenich – im Beethoven-Gymnasium untergebracht werden sollte. Dessen Schulpflegschaft protestierte zwar dagegen besonders unter dem Aspekt des drohenden erneuten Schichtunterrichts, doch der ungehaltene Kultusminister ermahnte Eltern und Schüler, „dankbar“ anzuerkennen, dass „ihr Gymnasium in so ausgezeichneter Ausführung wieder errichtet werden konnte“. Aus dieser Tatsache dürften sie keine „Sonderbehandlung herleiten“ und müssten die „gegebenen Notwendigkeiten hinnehmen“.

 

So nahm das Beethoven-Gymnasium Ende 1954 die Elly-Heuß-Knapp-Schule auf: Das an der Koblenzer Straße gelegene Vordergebäude samt der neuen Aula, die vormittags als Unterrichtsraum (und vom Jugendfilmring als Filmvorführungsraum) diente, der Verbindungstrakt und vier Klassen im ‚Rheingebäude fielen der Gastschule zu. Die in 27 Klassen eingeteilten 893 Beethoven-Schüler mussten sich in 14 Normal-, 5 Fach- und 5 „Noträumen“ hineinzwängen. Mehrere Räume waren ungeeignet, so 3 Keller- und 3 Sammlungsräume sowie ein kleines schmales Elternsprechzimmer, in dem die Schüler wegen der Enge im Sommer nur bei geöffnetem Fenster sitzen konnten. Am härtesten waren die Fächer Physik, Biologie, Chemie und Erdkunde betroffen, da sie ihre Räume verloren hatten. Die physikalische Sammlung und der Schülerübungsraum litten durch die Überbelegung. Lehrermangel und die Benutzung der Turnhalle mit 20 Wochenstunden durch die Gastschule schränkten den Sportunterricht stark ein, so dass nur die Hälfte der Soll-Stunden gegeben werden konnte. Auch die Musikerziehung war durch den Ostern 1954 eintretenden Schichtunterricht insofern beeinträchtigt, als Orchester und Chor in den Hintergrund treten mussten.

Da nämlich die zur Verfügung stehenden Klassenräume nicht ausreichten, war die Schule wieder zu dem ungeliebten Nachmittagsunterricht für 20 Klassen gezwungen, diesmal für Sexta bis Untersekunda (Klassen 5 bis 10) dergestalt, dass jeweils eine Klasse pro Stufe abwechselnd nachmittags zur Schule ging. Die im Rheingebäude zusammengedrängten fast 1000 Schüler haben die „Aufrechterhaltung der Disziplin … außerordentlich erschwert“. Im Schuljahr 1955/56 musste auch die Gastschule zum Schichtunterricht übergehen, so dass das gesamte Gebäude vormittags und nachmittags ganz besetzt war.

Schon im Herbst 1956 konnten die Schülerinnen der Elly-Heuß-Knapp-Schule in ihr neues Domizil in Kessenich umziehen: Als „ungebetene Gäste“ des Beethoven-Gymnasiums waren sie, nach eigenem Bekunden, nie als „Eindringlinge … in fremdem Hause“ behandelt worden; sie fühlten sich wohl und genossen auch „viele Annehmlichkeiten des räumlichen Nebeneinander“.

 

9.4 Beethoven-Gymnasium – endlich „allein im Haus

 

9.4.1 Allein, aber räumlich eng

 

Doch schon Ende des Schuljahres 1956/57 drohte neues Ungemach, da vier Tage vor Schluss dem Schulleiter im Kultusministerium mitgeteilt wurde, dass das Beethoven-Gymnasium nach Ostern 1957 450 Schüler des Nicolaus-Cusanus-Gymnasium II aufnehmen und „deshalb einen Schichtunterricht einrichten müsse“. Der geharnischte Protest der entrüsteten Eltern, die sich nicht auf einen erneuten Nachmittagsunterricht einlassen wollten, führte schließlich im Sommer 1957 dazu, dass der Kultusminister, der zwischenzeitlich auf die Bundesbeamten unter den Elternvertretern dienstlich Einfluss zu nehmen versuchte, von einer „Zwangseinquartierung“ absah und im Einvernehmen mit der Stadt eine andere Lösung suchte.

Die neuen Schulgründungen und schwächere Geburtsjahrgänge führten im Schuljahr 1956/57 zu einem Rückgang auf 26 Klassen. So konnte zur großen Erleichterung aller Betroffenen nicht nur jeder Klasse ein fester Raum zugeteilt, sondern auch ein regulärer Vormittagsunterricht eingeführt werden, während der Nachmittag für zusätzliche Veranstaltungen im Bereich Sport, Musik und Schülermitverwaltung frei war. Für die aus Schülern des alt- und neusprachlichen Zweiges kombinierten Klassen wurde auf die Dauer ein festes System von Ausweichräumen eingerichtet, um den jeweiligen getrennten Sprachunterricht durchzuführen. Zwei Kellerräume dienten als Klassenzimmer, ein Kellerraum als Ausweichraum für kombinierte Klassen und für den Religionsunterricht. In den drei Elternsprechzimmern waren die Schülerbibliothek, die altsprachliche Sammlung und eine kombinierte Ausweichklasse untergebracht.

Im Schuljahr 1957/58 besuchten das Beethoven-Gymnasium 858 Schüler (je zur Hälfte katholisch bzw. evangelisch), in der Mittel- und Oberstufe jeweils ca. 30 Jungen mehr mit Griechisch als mit Französisch; unter den 26 Klassen gab es ab Untertertia (Klasse 8) 5 kombinierte. Im Schuljahr 1958/59 lag – bei 841 Schülern und 25 Klassen – die durchschnittliche Klassenstärke in der Unterstufe bei 38,6 (ein Jahr später 39,5), in der Mittelstufe bei 34,4 und in der Oberstufe bei 29,5 Schülern. In diesem und im nächsten Schuljahr gab es nur noch zwei Eingangsklassen. Die Neusprachler in der Mittelstufe überwogen erstmalig die Altsprachler (1958/59 ca. 20, 1959/60 über 40 mehr als Altsprachler, in der Oberstufe dagegen war noch das umgekehrte Verhältnis). Die für die einzelnen Fächer vorgeschriebene Stundenzahl konnte zu dieser Zeit nicht voll erteilt werden; vor allem in den alten Sprachen und im Sport machte sich der Mangel an Fachkräften bemerkbar. Ohne die Mitarbeit pensionierter Kollegen und der Referendare wäre man den Anforderungen der Lehrpläne nicht gerecht geworden. Von März bis September 1959 übernahm Grenzmann einen Lehrauftrag an der katholischen Sophia-Universität in Tokio und fungierte gleichzeitig als Oberschulrat für die dortige Deutsche Schule.

 

  • Erziehung zur Gemeinschaft durch die Gemeinschaft“: Wander- und Klassenfahrten

 

In dem häufigen Wechsel der Klassenbilder spiegelte sich die besondere Entwicklung der provisorischen Hauptstadt Bonn wider: der Aufbau ständig neuer Behörden, die Neugründung von Ministerien, Zuzug und Versetzung der Bundesbeamten, zeitweiser Aufenthalt von Mitgliedern des Auswärtigen Dienstes. Der Abitur-Jahrgang 1959, der in der Regel nach dem Krieg erstmalig zur Schule ging, möge hier als Beispiel dienen: Von den 68 Abiturienten waren 16 von Sexta (Klasse 5) an in den drei Klassen gewesen; 16 kamen aus Bonn, 20 aus Nordrhein-Westfalen, 17 aus dem übrigen Bundesgebiet und 15 anderen Gebieten des ehemaligen Deutschen Reiches. Der ständige Zugang neuer Schüler stellte Lehrer und Schüler vor große Herausforderungen; er verlangte gegenseitige Eingewöhnung und Rücksichtnahme und bereitete Schwierigkeiten durch die unterschiedliche und andersartige Vorbildung.

 

Umso mehr versuchte die Schule die „Erziehung zur Gemeinschaft durch die Gemeinschaft“ durch einen Aufenthalt im Schullandheim Gemünd zu fördern. Da sich die Schule finanziell an der Unterhaltung des Heims stark beteiligt hatte, wollte sie auch entscheidende Mitspracherechte erhalten, die ihr der Altherrenverband (AHV) des Gymnasial-Turnvereins (GTV) bisher verwehrt hatte. Spannungen und gegenseitiges Misstrauen Anfang der 50er Jahre führten dazu, dass das Kollegium nicht mehr weiter mit dem AHV verhandeln wollte und nach Alternativen (Hellenthal, Kalterherberg) suchte, die sich am Ende allerdings aus finanziellen Gründen nicht realisieren ließen. Ende 1954 ging man aufeinander zu, so dass Grenzmann am 10. Januar 1955 den Kollegen berichten konnte, das Verhältnis zum AHV des GTV sei „wieder besser geworden“. Das Kollegium beschloss, in neue Verhandlungen einzutreten, zumal die für 1955 geplante Erweiterung eine größere Geräumigkeit erreichen sollte, um eine Stätte der Begegnung von Lehrern und Schülern des Beethoven-Gymnasiums entstehen zu lassen. „Mit einem Appell an die Herren des Kollegiums“, Mitglieder des 1953 gegründeten „Vereins der Freunde und Förderer des Beethoven-Gymnasiums“ zu werden, „der ja auch die juristische Person bei Schullandheimprojekten“ sei, endete die jahrelange Debatte über Gemünd.

Das Heim nahm nunmehr im schulischen Wander- und Fahrtenprogramm einen besonderen Platz ein in dem Bemühen, „die Zucht geistiger Arbeit mit der freien Entfaltung der Jungen in der Gemeinschaft der Altersgenossen zu verbinden“. Während die Oberstufe ausgedehnte Wanderfahrten und Studienreisen unternahm, verbrachten fast alle Klassen der Unter- und Mittelstufe sowie die Obersekunden (OII, Klasse 11) (die sich auch als Alternative für eine Fahrt nach Berlin „mit ausgeprägter staatspolitischer Aufgabenstellung“ entscheiden konnte) eine Woche in Gemünd. Dort hatte inzwischen der Altherrenverband des GTV ein anliegendes Gelände erworben, auf dem mit Mitteln des Landesjugendplanes, des Kreises Schleiden und vor allem der „Gesellschaft der Freunde und Förderer des Beethoven-Gymnasiums in Bonn e.V.“, die sich schwerpunktmäßig den Ausbau des Landheimes zum Ziel gesetzt hatte, ein Erweiterungsbau im November 1957 fertig gestellt wurde: ein Tagesraum, ein Leseraum, 6 Schlafräume, zwei Lehrerzimmer, Küche und Wirtschaftsräume nebst einem Telefonanschluss. Da nun auch der Aufenthalt im Winter möglich war, ließen sich einige Klassen das damit verbundene Wintersportvergnügen nicht entgehen. Schließlich sorgte endlich eine zwei Kilometer lange Wasserleitung seit Pfingsten 1960 für frisches Trinkwasser, so dass die alte unzugänglich gewordene Pumpanlage stillgelegt werden konnte. Sorge bereiteten aber immer die Kosten für die Unterhaltung des Landheimes, die vor allem aus den Zuwendungen der „Gesellschaft der Freunde und Förderer“, dem „Landheimgroschen“ und den von den Eltern zu zahlenden „Schlafgeldern“ bestritten werden mussten.

 

9.4.3 Die Neuentwicklung der beiden Schülervereine: GTV und GRV

 

Aus der damaligen rührigen Unterprima (Stufe 12), die 1947 in Gemünd den Schutt aufräumte, erwuchs die Keimzelle des neuen GTV, der sich aber erst nach der intensiven Förderung durch zwei Sportlehrer zu seiner alten Bedeutung entwickelte und schon im Dezember 1955 ein erstes Schauturnen veranstaltete, das einen „erfreulichen Leistungsfortschritt“ zeigte. Dank jahrelanger zielbewusster Aufbauarbeit durch seinen Protektor, einen Sportlehrer des Beethoven-Gymnasiums, konnte sich der GTV 1957 an öffentlichen Wettkämpfen beteiligen und „erregte mit seinen Leistungen und seinen Erfolgen die Anerkennung und das Erstaunen der rheinischen Turnwelt“. Um 1960 war die Epoche des Neuaufbaus und des Aufstieges des GTV nach dem Zweiten Weltkrieg beendet. Wie seit 1919 gingen die aktiven Mitglieder nach dem Abitur in den Altherrenverband über, der alljährlich zu Pfingsten sich zu einem großen Treffen in Gemünd zusammenfand.

 

Ähnlich wie 60 Jahre vorher leistete der Akademische Ruder-Club Rhenus zu Beginn der 50er Jahre wieder Schützenhilfe beim Aufbau des Schülerruderns. 1954 gründete er eine Schülerriege aus allen Bonner Gymnasien und stellte sein Clubhaus und Bootsmaterial zur Verfügung. Dank der Förderung durch die Schule wuchs seit 1956/57 am Beethoven-Gymnasium die Zahl derjenigen Schüler, die sich für den Rudersport interessierten, so sehr, dass eine ständige Beaufsichtigung durch die drei Sportlehrer nicht mehr möglich war. Sie ließen daher gute und zuverlässige Schüler als Steuerleute ausbilden und ergänzten die vorhandenen drei Boote durch die Beschaffung zweier weiterer, um die vielen Interessenten am Schülerrudern zufrieden zu stellen.

Ostern 1958 konnte somit der Gymnasial-Ruderverein (GRV) wieder gegründet werden. Die ausgebildeten Schüler übernahmen nunmehr das Rudern der Fortgeschrittenen in eigener Regie, assistiert von dem Protektor, einem Sportlehrer des Kollegiums. 50 bis 70 Schüler bildeten damals den aktiven Verein, der sich allmählich einen festen Jahresablauf für seine Übungen, Ruderfahrten und sein Vereinsleben schuf: Die zukünftigen Steuerleute gingen im Winterhalbjahr zu ihren Lehrgängen, während die Anfänger- und Trainingsmannschaften im „Ruderkasten“ (unter dem Foyer des Aulagebäudes) ausgebildet wurden. Bei günstiger Witterung begann im Frühjahr das Rudern auf dem Rhein; in den Pfingst- und Sommerferien wurden die größeren Wanderfahrten auf der Lahn, der Mosel, der Weser, der Donau oder nach Holland unternommen. Die gut Trainierten nahmen zwischendurch an mehreren Regatten teil; eine eigene Vereinsregatta für alle Mitglieder und das Stiftungsfest ließen das „Ruderjahr“ ausklingen.

 

In dem Bemühen der Schule, „eine Erziehung zum Geist der Gemeinschaft und zur Freude an dieser Gemeinschaft“ zu verwirklichen, nahm auch die musische Erziehung in Musik, Kunst, Theaterspiel, Chor und Orchester einen bedeutenden Platz ein. Fast in jedem Jahr gab es ein Schulfest, öffentliche Aufführungen, Ausstellungen, Schulkonzerte, einen Theaterabend, gelegentlich eine Gedächtnisfeier für einen bedeutenden Dichter oder Musiker, „vaterländische“ Gedenkstunden; zu allen Veranstaltungen im Jahr trugen Chor und Orchester bei.

 

  • Bewahrung der Tradition angesichts sich ankündigender Veränderungen gymnasialer Struktur und Methodik

Ein Erlass des Kultusministers im Schuljahr 1958/59 veränderte die innere Struktur des neusprachlichen Gymnasiums, denn Französisch begann fortan erst mit der Obertertia (Klasse 9). Im neusprachlichen Zweig des Beethoven-Gymnasiums stand daher Französisch erst in der 9. Klasse auf dem Stundenplan, während Griechisch weiterhin in Untertertia (Klasse 8) erschien. Ein weiterer Erlass des Kultusministers vom 1. November 1958 über Hausaufgaben und Klassenarbeiten sollte auch die unterrichtliche Methodik verändern: Neben Anzahl, Anforderungen und Bewertung von Klassenarbeiten, Sinn und Umfang von Hausaufgaben und deren Fortfall von Samstag auf Montag enthielt der Erlass die Vorschrift, Klassenarbeiten nur noch in den Fächern zu schreiben, die auch im Abitur schriftlich geprüft wurden. Gleichzeitig sollten die mündlichen Leistungen in diesen Fächern für die Gesamtbeurteilung verstärkt herangezogen werden. Schriftliche Übungen, unter methodischen Gesichtspunkten, waren überall gestattet.

 

Am 30. 4. 1960 kündigte Grenzmann – auf einer Versammlung von fast 400 ehemaligen Schülern – erstmalig den Wunsch der Schule an, „in wenigen Jahren“ das 325. Jubiläum zu feiern; er bezog sich damit – höchstwahrscheinlich – auf die Wiedereröffnung des Minoritengymnasiums 1639 und legte die eigentliche Gründung des Beethoven-Gymnasiums auf dieses Datum fest. Zwar nicht in den damaligen Mauern, aber in der „Tradition der Schule als Institution“ sei ein „gutes Stück Bonner Bildungsgeschichte“ zu erleben; sie verkörpere „deutsche und abendländische Bildungsgeschichte im kleinen Ausschnitt, in der Beharrung dessen, was bleiben muß im Wandel der Geschichte, der Ideen und der Mächte“. Für Grenzmann stand die Schule in der Verpflichtung dieser langen Tradition, die es gebiete, „Leitbilder“ aufzunehmen und „gegenüber Neuerungen zurückhaltend zu sein“. Wenn die allgemeine Aufgabe der Schule für ihn war, eine „grundwissenschaftliche Bildung“ zu vermitteln, so die „spezielle“ des Beethoven-Gymnasiums die „allmähliche, langsame Erschließung der Antike, der Einmaligkeit ihrer Erscheinung in der Geschichte der Menschheit“. Bildung sei nicht zu erreichen „ohne Kenntnis des geschichtlichen Werdegangs, ohne Rückkehr zu den Ursprüngen“, die für die Menschen des Abendlandes in der Antike lägen.

Die Neusprachler seien in diesen Bildungsgang in anderer Weise einbezogen. Bei gleich bleibender Bedeutung der Antike würden sie an die „Geburtsstunde des neuzeitlichen Europa und dessen Geschichte, an die Gemeinsamkeit des europäischen Bewußtseins, an die innere Verflechtung des Deutschen mit dem Französischen und Englischen“ herangeführt. Die klassischen ebenso wie die neueren Sprachen seien nicht „eine Sache des Auftrags, sondern des Herzens“. Bei der feierlichen Abiturfeier verabschiedeten sich denn auch die ehemaligen Schüler mit „wohlgeformten Reden“ in Deutsch, Griechisch, Latein, Französisch und Englisch von ihren Lehrern. Schulleitung und Kollegium zeigten sich bereit, den Geist der Tradition zu pflegen, aber auch gegenüber bildungspolitischen Veränderungen zu verteidigen. Sie hielten fest „an den Grundlagen des Gymnasiums“ in seiner damaligen Gestalt „in der Überzeugung, daß alles Nachgeben und Abgleiten zum Schaden der allgemeinen deutschen Bildung führen würde“.