10. Das Beethoven-Gymnasium in den 60er und 70er Jahren:

Tradition und Kontinuität versus Wandel und Reformen

 

10.1.1 Schulleiterwechsel in einer Zeit des Umbruchs und der Reformen

 

Mit der Saarbrücker „Rahmenvereinbarung zur Ordnung des Unterrichts auf der Oberstufe des Gymnasiums“ (1960) verminderte sich die Zahl der Pflichtfächer, wobei für Unter- und Oberprima (Stufe 12/13) die vier Kernpflichtfächer auch gleichzeitig im schriftlichen Abitur verbindlich waren: im altsprachlichen Gymnasium Deutsch, Mathematik, Latein, Griechisch, – in seinem neusprachlichen Zweig stattdessen Französisch; im neusprachlichen Gymnasium Deutsch, Mathematik, zwei Fremdsprachen. Diese vier waren außerdem mögliche mündliche Prüfungsfächer, ein weiteres vom Schüler zu wählendes Fach aus den Primen und die für alle verbindliche Gemeinschaftskunde (Geschichte, Erdkunde, Sozialkunde). Nachdem mehrere neue Gymnasialtypen entstanden waren, beschränkte das „Hamburger Abkommen“ 1964 die Unterscheidung nach Schultypen auf die Oberstufe. Das humanistische Gymnasium zog ab September 1967 mit dem neusprachlichen gleich und ließ Griechisch als dritte Fremdsprache erst in Obertertia (Klasse 9) (10 Jahre nach dem Beginn von Französisch in OIII ) beginnen.

 

Nach 10 Jahren als Schulleiter des Beethoven-Gymnasiums trat Ende März 1962 Professor Dr. Wilhelm Grenzmann von seinem Amt zurück, um seine wissenschaftliche Tätigkeit nur noch an der Universität Bonn und der Pädagogischen Hochschule Neuß fortzusetzen. Sein Nachfolger, Dr. phil. habil. Heinrich Otto Schröder, schon acht Jahre Schulleiter des Stiftischen Gymnasiums in Düren, trat am 2. November 1962 sein neues Amt am Beethoven-Gymnasium an. Er hatte in München Kunstgeschichte, in Rom Philosophie und Theologie, später in Freiburg, Berlin und Gießen Griechisch, Latein und Deutsch studiert und nach dem Assessorexamen die wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen (Habilitierung), die durch den Einsatz während des ganzen Krieges beendet wurde. Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft 1946 ging er in den Schuldienst zurück.

Mit und kurz nach Grenzmann verließen eine ganze Reihe Kollegen die Schule, um eine Schulleitung zu übernehmen, die Universitätslaufbahn einzuschlagen, in die Kommunalpolitik zu wechseln oder in den Ruhestand zu gehen. Eine neue Lehrergeneration bereicherte das Kollegium, darunter die einzige Kollegin; sie war „zur Deckung besonders des mathematischen Unterrichtsbedarfs“ an das Beethoven-Gymnasium versetzt worden und fühlte sich anscheinend „sehr wohl“, so dass sie auch dort bis zu ihrer Pensionierung blieb.

Schröder nahm sogleich die Idee Grenzmanns auf, 1964 das 325jährige Bestehen des Beethoven-Gymnasiums zu feiern und eine Festschrift herauszugeben. Ende 1963 ließ er eine Kommission einsetzen mit dem Auftrag, das genaue Gründungsjahr der Schule herauszufinden. Das Kollegium beschloss allerdings, auf eine Festschrift zu verzichten und das Fest „in Verbindung mit den Ehemaligen familiär“ zu begehen. Dabei sollte „in gebührender Form die Gedenktafel für die in den Weltkriegen gefallenen ehemaligen Schüler errichtet werden“. Doch Dr. Anton Henseler, maßgebendes Mitglied der Kommission und der „wohl beste Kenner der Bonner Stadtgeschichte“ im Kollegium, hielt das Gründungsjahr 1639 „für wissenschaftlich nicht genügend gesichert“ und plädierte dafür, in der 1673 von den Jesuiten übernommenen Schule eine „direkte Vorläuferin“ des Beethoven-Gymnasiums zu sehen. Auch im „Kunze“, dem Philologen-Jahrbuch, stand dies schon 1948 als Gründungsdatum. Doch Henseler starb völlig unerwartet in den Sommerferien 1964 und das Projekt wurde nicht weiter verfolgt.

Anlässlich der Vereinigung der „Ehemaligen“ am 26. September 1964 lud die Schule daher nur zu einem einfachen Schulfest ein. Das nunmehr akzeptierte 300jährige Schuljubiläum sollte, nach dem Willen der Schulleitung, erst in neun Jahren gefeiert werden. Dem heutigen Betrachter fällt auf, dass man sich zu früheren Zeiten anscheinend kaum Gedanken um ein Jubiläum des einzigen staatlichen humanistischen Gymnasiums in Bonn gemacht hatte, da es wohl jeglicher äußerer Legitimation entbehren durfte. Dagegen ist das Bedürfnis für eine Herausstellung der besonderen und traditionsreichen Rolle des Beethoven-Gymnasiums innerhalb des Bonner Bildungswesens gerade in dieser Zeit des Umbruchs und der Reformen nachzuvollziehen.

 

Vom Schuljahr 1959/60 bis 1964/65 gingen nämlich die Schülerzahlen am Beethoven-Gymnasium von 836 auf 634 zurück. Die Hauptursache lag sicherlich darin, dass in Godesberg zwei und in Duisdorf und Röttgen je ein Gymnasium gegründet wurden, um hauptsächlich die dort wohnenden Kinder der Bundesbeamten und Diplomaten aufzunehmen. Darüber hinaus entstand erstmalig auf der rechtsrheinischen Seite eine „Konkurrenz“: Ostern 1964 öffnete das Erzbischöfliche Gymnasium in Beuel seine Tore für Schüler, die die gleiche Sprachenfolge wie auf dem Beethoven-Gymnasium wählen konnten.

 

 

 

 

  • Einführung eines „romanischen Zweiges“: Eine „fruchtbare Symbiose“ der sprachlichen Fächer in der Oberstufe

 

Das Beethoven-Gymnasium führte in den 60er Jahren als Variante des altsprachlichen Gymnasiums – unter Aufgabe des ursprünglichen neusprachlichen – einen „romanischen Zweig“ ein: mit einem fünfjährigen Englischkurs von Quarta bis Obersekunda (Klasse 7 bis 11) sowie Latein und Französisch durchgehend bis zum Abitur als schriftliche Prüfungsfächer. Da die Schule von Anfang an die Trennung der Sextaner in einen alt- und neusprachlichen Zweig abgelehnt hatte in der Überzeugung, die spezifische Begabung für eine der Sprachen noch nicht einschätzen zu können, entstand nun mit dem romanischen Zweig eine sehr kontroverse Diskussion, wie am Ende der Quarta die Differenzierung in Griechisch bzw. Französisch vorgenommen werden sollte. Schröder sah in der Trennung der Zweige die Gefahr von Spannungen unter Schülern und Lehrern und fürchtete eine Verfälschung der Wahl von Eltern, die ihren durchschnittlich begabten Kindern von Anfang an das Griechische nicht zumuten wollten. Er möchte die bisherigen Quartaverbände weiterführen und die Klassen nur im Fach Griechisch bzw. Französisch differenzieren, um so auf der Oberstufe mit einer „fruchtbaren Symbiose“ die vorige „Einseitigkeit“ zu überwinden. Der „Lateinunterricht könnte in der Ausrichtung auf die mittelalterliche Latinität ein Bindeglied darstellen, der Deutschunterricht eine andere Spannweite erhalten“.

Ein Teil der Kollegen stand allerdings auf Grund der Erfahrung mit den kombinierten Klassen (Schüler mit Französisch bzw. Griechisch in der gleichen Klasse) der „fruchtbaren Begegnung“ recht skeptisch gegenüber, da sie dort keine „den Unterricht fördernde Ergänzung der Mentalitäten“ erkennen konnten. Das Kollegium entschied sich schließlich doch mit Mehrheit für die Weiterführung der Quartaverbände, in denen dann für jede Klasse getrennt Griechisch und Französisch unterrichtet werden sollte. Das aber führte zu raummäßigen und organisatorischen Schwierigkeiten und zu einer Erhöhung der erforderlichen Lehrerstunden. Jedenfalls zeugen die Klassenbezeichnungen bald von „reinen“ Griechisch- bzw. Französischklassen und einigen wenigen kombinierten. Ostern 1966 absolvierten die ersten Schüler des neuen Zweiges ihre Reifeprüfung.

 

10.1.3 Verzicht auf die Schullandheimfahrten: Zweifel an ihrem pädagogischen Sinn

 

Bei den außerunterrichtlichen Aktivitäten erreichte der Gymnasial-Turnverein (GTV) mit seinen Leistungen in der ganzen ersten Hälfte der 60er Jahre einen besonderen Höhepunkt. 1961 wurden die bisherigen Übungsgemeinschaften für Leichtathletik und Basketball in den Verein überführt. Das viel beachtete Schauturnen anlässlich des 70jährigen Bestehens des GTV im Dezember 1961 offenbarte in den Vorführungen der verschiedenen Turnstufen den Einfluss des „rhythmischen Turnens“. „Eine geschickte Choreographie, besonders beim Spiel mit dem Ball“, so lobte die Verbandspresse, „beim Bodenturnen und den verschiedenen Gerätekombinationen, zeigte eine bewußte Abkehr vom taktgebundenen Schauturnen.“ Auch die neu gegründete Spiel- und vor allem die Leichtathletikabteilung standen mit ihren Leistungen während der nächsten Jahre den Turnern in nichts nach; besonders hervorzuheben seien hier die Leistungen des Europameisters im 100- und 400 Meter-Lauf und Olympiateilnehmers (1964) Hannes Schmidt.

Das moderne Programm des Schauturnens 1963 fand die besondere Anerkennung des Rheinischen Turnerbundes. Die Rheinische Turnzeitung rühmte das Schauturnen 1964 als einen Höhepunkt „turnerischen Übungsgutes, das wieder in neuzeitlichen Bewegungsaufgaben nach dem rhythmischen Prinzip in Bewegungsablauf und Darbietung gestaltet war“. Durch den Abgang einer Reihe leistungsstarker Mittelstufenschüler und Abiturienten in den Jahren 1964/65 stand der GTV wieder vor einem Neuanfang, zumal auch die Schülerzahl des Beethoven-Gymnasiums ständig zurückging. Der GTV hatte sich zwar in seiner neuen Satzung (1963) zum Ziel gesetzt: „Aus den Riegen des Vereins soll stets ein frischer, guter Geist der Kameradschaft und des aufrichtigen, sauberen Verhaltens in die Klassen strömen und den Geist der Schule entscheidend mitprägen“. Ob ihm dies aber bei der neuen, Ende der 60er Jahre heranwachsenden Schülergeneration gelingen würde, war zum damaligen Zeitpunkt nicht absehbar.

 

Die Einstellung von Lehrern und Schülern zu den Schullandheimaufenthalten im GTV-Heim in Gemünd veränderte sich in diesen Jahren. Mit Zuschüssen und eigenen Mitteln der „Gesellschaft der Freunde und Förderer des Beethoven-Gymnasiums“ konnten zwar in der ersten Hälfte der 60er Jahre die Toiletten, je ein Wasch-, Lese- und Garderobenraum ausgebaut und modernisiert werden, doch die Gesamtunterhaltskosten waren der Schule zu hoch, und ein Teil des Kollegiums hielt den Unterrichtsausfall und die notwendigen Vertretungen für nicht mehr tragbar, zumal auch der pädagogische Nutzen von einigen angezweifelt wurde. Die Mehrheit, die den „Gedanken des Landschulheims“ auch damals noch „für pädagogisch sinnvoll“ hielt, wollte allerdings Gemünd für einen einwöchigen Aufenthalt der 6. bis 9. Klassen nutzen, nachdem man die zusätzliche Belegung durch das Stiftische Gymnasium in Mönchengladbach erreicht hatte.

Ende der 60er Jahre wuchs die Zahl der Kritiker im Kollegium. Neben dem Unterrichtsausfall brachten sie die „Gefahr des Alkoholismus und die Verbreitung von Haschisch unter den Schülern“ ins Spiel sowie den „Mangel an sinnvoller Beschäftigung bei schlechtem Wetter“. Außerdem sei die kommende Entwicklung des Beethoven-Gymnasiums angesichts der sinkenden Schülerzahlen zu unübersichtlich, um die hohen Kosten des Heims noch zu tragen. Da der Altherren-Verband des GTV beschlossen hatte, das Heim zu verkaufen, war das Kollegium (12 ja, 6 nein, 13 Enthaltung) nur bereit, sechs Klassen jährlich dorthin zu schicken, wenn die Trägerschaft in die öffentliche Hand überginge und die Finanzierung des Aufenthalts über das Tagegeld durchgeführt würde. Da sich diese Vorgabe nicht realisieren ließ, musste die Idee des Landschulheims begraben werden. Die „Gesellschaft der Freunde und Förderer“ gab 1969 die Unterstützung für eine Bewirtschaftung des Heimes auf; das Haus wurde verkauft. Im Frühjahr 1971 und noch einmal 1978 hielt sich eine 6. Klasse in Gemünd auf.

 

10.1.4 Das Beethoven-Gymnasium kommt nicht „zur Ruhe

 

Auch die Einführung des romanischen Zweiges konnte eine kontinuierliche Abnahme der Schülerzahlen seit Mitte der 60er Jahre nicht verhindern (1969 besuchten das Beethoven-Gymnasium nur noch 550 Schüler). Es gab dafür eine Vielzahl von Gründen: die wachsende Zahl neuer Gymnasien („Besonders das Erzbischöfliche Gymnasium in Beuel hielt viele Gymnasiasten im rechtsrheinischen Bonn“, Bonner General Anzeiger, 6. März 1970); die Abwanderung der Bonner Bevölkerung aus der Innenstadt; die sinkende Akzeptanz der rein altsprachlichen Ausrichtung des Beethoven-Gymnasiums, zumal das „Schicksal der gescheiterten Lateinschüler“ auch im Kollegium als „Problem“ erkannt wurde; die Zunahme des Englischen als allgemeine erste Fremdsprache; mangelnde Werbung bei den Eltern der Grundschüler; das „Vorurteil“ der Grundschullehrer, der Besuch des Beethoven-Gymnasiums komme nur für die „Spitzen“ in Frage.

Auch die räumliche Einschränkung und der Baulärm durch die Errichtung der neuen Gymnastikhalle hatten Einfluss auf die Anmeldezahlen. Seit Beginn der 60er Jahre zeichnete sich nämlich ab, dass die Turnhalle im Aulagebäude für die vielen Schüler nicht ausreichte. Die Schule musste in die Gymnastikhalle der Universität und seit 1964 auch in die Turnhalle der Münster-Grundschule ausweichen. Für eine neue Gymnastikhalle, in der vollwertiger Sportunterricht gegeben werden konnte, bot sich als einzige Stelle das zur Rheinseite unter dem Schulhof gelegene Grundstück an. Allerdings musste Rücksicht auf die landschaftsgeschützte Rheinfront und die Statik der im Süden benachbarten Bremer Landesvertretung genommen werden.

Im August 1964 begannen mit Presslufthämmern die Abbrucharbeiten des „nicht sehr zweckmäßig gebauten“ Ruderkellers, – unter beträchtlicher Störung des Unterrichts. Darüber hinaus wurde der Schulhof zu einer einzigen Baustelle, so dass die Schüler in der großen Pause auf die Wandelhalle und die Gänge angewiesen waren, – mit erheblichen Konsequenzen für den Lärm und die Sauberkeit im Schulgebäude. Der nach 2 ½ jähriger Bauzeit im Februar 1967 fertig gestellte Baukörper aus Sichtbeton bestand im Untergeschoss aus einer großen Bootshalle (mit Platz für 16 Boote, auch einen Achter), darüber aus der Gymnastikhalle, einem Geräte- und zwei Umkleideräumen, einem Wasch- und Duschraum, einem Lehrer- und dem Rudernebenraum. Bis auf das Hochreck besaß die 18 x 15,5 m große Halle die Ausstattung einer normalen Turnhalle mit Spiel- und Übungsmöglichkeiten für Basketball. Der Schulhof wurde durch den Bau nicht nur um 135 m² vergrößert, sondern erhielt auch von der Rheinseite her einen neuen Treppenaufgang. Bis zu den Sommerferien 1967 war dann auch der Schulhof von den Baustellenresten befreit und soweit wieder instand gesetzt, dass er bis zur Mauer an der Böschung benutzbar war.

 

Doch größere Ruhe und geregelte Außenverhältnisse hielten nicht lange an, da der Bau der Untergrundstraßenbahn (U-Strab) unter der Adenauerallee mit einer Haltestelle vor den Toren der Schule begann. Die Lärmbelästigung nahm nunmehr ein bisher nicht für möglich gehaltenes Ausmaß an und die Rammarbeiten ließen das ganze Vordergebäude zeitweilig erzittern; an manchen Tagen war in bestimmten Klassen der Unterricht kaum möglich. Die Schule versuchte vergeblich, den Beginn der „unerträglichen“ Rammstöße auf den späten Vormittag verschieben zu lassen, und der Vorschlag des Staatshochbauamtes, schallschluckende Wände und Fenster zu installieren, ließ sich kurzfristig nicht realisieren. So blieb nur die Hoffnung auf eine zügige Fertigstellung der „U-Strab“.

 

Eine ebenso äußere wie innere Unruhe brachten seit Ende der 60er Jahre die Proteste und Demonstrationen von der Universität und dem Hofgarten her (vornehmlich im Zuge der Verabschiedung der Notstandsgesetze) in das nahe gelegene Beethoven-Gymnasium. Studenten verteilten auf dem Hof Handzettel und Flugblätter und versuchten bis in einzelne Klassen vorzudringen, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Den größten Wirbel verursachte jedoch eine Fragebogenaktion der Redaktion der langjährigen Schülerzeitung „Forum“ zum Sexualverhalten im Januar 1970. Vorausgegangen waren Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zur „Geschlechtserziehung in der Schule“, die die Schulleitung zum Anlass für die Gründung eines Ausschusses nahm (6 Lehrer, 1 Elternvertreterin und 1 Oberprimaner), der die Wünsche und Ansichten der Lehrer, Schüler und Eltern erfragen und daraus eine konkrete Form der Verwirklichung der Geschlechtserziehung erarbeiten sollte. Auf vier Versammlungen seit November 1969 begrüßten die Eltern der Unter- und Mittelstufe eine schulische Geschlechtserziehung als Ergänzung einer Aufklärung im Elternhaus, aber nicht als eigenständiges Fach, sondern „wie ein roter Faden“ in vielen Fächern und allen Schuljahren.

Bevor aber die Kommission die Schülermeinungen erfragen konnte, wurden Redakteure des „Forum“ tätig. Sie glaubten nicht, dass Lehrer und Eltern auf Grund ihrer eigenen „repressiven“ Erziehung und des bestehenden politischen (kapitalistischen) Systems die richtige Sexualaufklärung leisten könnten. Sie wollten daher selbst „Informationen über das Sexualverhalten von Jugendlichen“ sammeln, um für ihre „an der Sexualtheorie Reichs orientierten Analyse unterdrückter Sexualität einen empirischen Befund zu erhalten“.

Für ihren Fragebogen nahmen sie als Vorbild die Aktion der Frankfurter Schülerzeitung „Bienenkorb-Gazette“: Abgefragt wurde u. a. die Meinung zu sexuellen Problemen, Selbstbefriedigung, körperlicher Enthaltsamkeit, Verhütungsmitteln, Orgasmus usw. sowie zu den politisch-ökonomischen Ursachen und Folgen verdrängter Sexualität. Der Fragebogen sollte nämlich Anstoß geben zu einer „in vielen Fällen ersten Auseinandersetzung mit der erlebten Unterdrückungssituation“ in Familie und Schule, um die latenten Konflikte innerhalb der „autoritären Erziehungsinstitutionen“ zum „Ausbruch“ zu bringen.

Zur Rede gestellt, versprach der „verantwortliche“ „Forum“ – Redakteur aus der Unterprima (Stufe 12) dem stellvertretenden Schulleiter, den Fragebogen nicht an die Sextaner und Quintaner (Klassen 5 und 6) zu verteilen und bei der endgültigen Abfassung den Sexualkunde-Ausschuss hinzuzuziehen. Beides unterblieb, denn der unveränderte Fragebogen wurde anderntags vor den Toren der innerstädtischen Gymnasien – außerhalb der Eingriffsmöglichkeiten der Schulleitungen – an alle, auch die jüngeren Schülerinnen und Schüler verteilt. Es kam zu Handgreiflichkeiten mit empörten Eltern vor den Mädchenschulen, zu einer polizeilichen Durchsuchung der Forum – Redaktion und zur vorübergehenden Schließung des Redaktionsraumes, zu Schulstrafen für die Hauptbeteiligten, zu Gegenflugblättern, zu Strafanzeigen gegen die Verfasser und ihre Helfer bei der Verteilung und zu einer Beschlagnahme der als „jugendgefährdend zu bezeichnenden Schriften“, zu wütenden Leserbriefen und zu einer ausführlichen Berichterstattung in den regionalen und überregionalen Medien (Rheinischer Merkur) und zu einer reißerischen Aufmachung im Boulevard („Sex für Sextaner, Die Herren Schüler bitten zu Bett!“).

In einer spontanen Unterschriftenaktion erklärte sich ca. die Hälfte der Schüler des Beethoven-Gymnasiums mit dem Protest einiger Oberprimaner („Uns stinkt’s! Das Maß ist voll!!) solidarisch, die die „Plattitüden einiger autoritärer Möchtegern-Linker“ unerträglich fanden und sich gegen die „autoritäre Minderheit“ in der „Forum“-Redaktion wandten. Die Elternpflegschaft des Beethoven-Gymnasiums, die ihr Erziehungsrecht durch „Dritte“ beeinträchtigt sah, wandte sich schließlich an den Ministerpräsidenten, den Erlass über Schülerzeitungen (27. März 1968) und dessen Erläuterung (7. März 1969) so zu ändern, dass in Zukunft die Schulleitung „zusammen mit den Eltern gemeinsam das uneingeschränkte Recht behielten, auch bei der Abfassung und Verbreitung von Schülerzeitschriften angemessen erzieherisch tätig zu sein“.

 

Die Aufregung über die „Sex“ – Fragebogenaktion und über angebliche Verteilung und Konsumierung von Drogen auf dem Schulhof erreichte gerade ihren Höhepunkt, als die neuen Sextaner angemeldet werden sollten: Das Beethoven-Gymnasium konnte 1970 nur noch eine schwache Sexta verbuchen. Im Schuljahr 1971/72 sank die Schülerzahl auf 450. Schulleitung und Kollegium mussten sich ernstlich Sorgen um die zukünftige Entwicklung der Schule machen. Der Plan, das Beethoven-Gymnasium an der Peripherie Bonns (Duisdorf, Lengsdorf) neu zu errichten, um aus der immer schwieriger werdenden Verkehrssituation herauszukommen, wurde allerdings im März 1969 vom Kollegium (bei einer Prostimme) abgelehnt: Eine für die Zukunft der Schule ebenso bedeutsame Entscheidung wie die Ergebnisse der intensiven Diskussion von Ende 1967 bis 1970 über Maßnahmen zur inneren und äußeren „Reorganisierung“ des Beethoven-Gymnasiums, – herrschte doch allgemeiner Konsens, nur innere Reformen könnten den „ramponierten Ruf“ wiederherstellen.

 

10.1.5 Überlegungen und Maßnahmen zu einer „inneren Reform“ der Schule

 

Diesen Überlegungen kam im Januar 1968 ein Erlass des Kultusministeriums für die Gymnasien entgegen, ein breiteres Unterrichtsangebot aufzustellen. Die Fachkollegen Latein und Deutsch wollten sich auf individuelle Begabungen und Interessen der Oberstufenschüler einstellen: So konnten seit 1968 die Schüler der Oberprima (Stufe 13) in Latein einen von drei getrennten Kursen belegen, entweder mit historischem, philosophischen oder poetischem Schwerpunkt. Einige Lehrer und Schüler arbeiteten für die Primen (Stufe 12/13) ein Wahlprogramm für Deutsch aus: Die Oberstufe teilte sich in 12 Abschnitte zu zwei Monaten mit jeweils fünf parallelen Kursen zur Auswahl, wobei die Schüler immer ein Referat, ein Stundenprotokoll und eine Facharbeit schreiben sollten. Die Noten flossen in den Leistungsnachweis für jeden Abschnitt ein; alle zwölf ergaben die Gesamtnote vor dem Abitur. Da die Unterprima (Stufe 12) 1968/69 es mehrheitlich ablehnte, an der Reform teilzunehmen, startete diese erst mit dem Schuljahr 1969/70, jedoch in deutlich abgeschwächter Form mit Viertel-, anschließend sogar mit Halbjahreskursen.

 

Schon Ende 1967 vermisste Schröder immer noch das „Zusammenwirken der Fächer Latein und Französisch im romanischen Zweig“ und regte eine Diskussion an, ob dieser nicht wieder durch die alte neusprachliche Variante ersetzt werden sollte. Nach eineinhalb Jahren kam die überwiegende Mehrheit des Kollegiums im Mai 1969 schließlich zur der Überzeugung, den bisherigen romanischen Zweig auslaufen zu lassen. Bei der Sprachenwahl für die zukünftige Obertertia (Klasse 9) im Sommer 1970 gab es eine so eindeutige Mehrheit für die neusprachliche Variante (Englisch und Französisch bis einschließlich schriftlichem Abitur, Latein bis Obersekunda (Stufe 11)), dass das „gewünschte Ziel“ der Lehrer erreicht war. 1976, mit dem Ende der alten Oberstufe, absolvierten die letzten, wenigen Schüler mit Latein und Französisch im Abitur (Englisch Klasse 7 bis 11) ihre Schullaufbahn.

 

Neben der nicht mehr verfolgten Idee, ein Aufbaugymnasium von der 8. bis zur 13. Klasse für Volksschulabsolventen einzurichten, wurde dagegen seit Sommer 1967 ernsthaft erwogen, einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig mit fachgebundener Hochschulreife anzugliedern, so dass schließlich im März 1969 die Lehrerkonferenz bei einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen für das Vorhaben votierte. Schröder stufte dies zunächst als „Meinungsumfrage“ herab, doch nach einem am 1. Oktober 1969 einstimmig gefassten Beschluss erging ein Antrag an das Kultusministerium. Am 6. März 1970 verkündete der Bonner General-Anzeiger: „Mathematisch-naturwissenschaftlicher Zweig wird zum 1. August eingeführt“. Obwohl die Genehmigung für eine Erweiterung des Typenangebots am 5. Juli 1970 eintraf, wurde das Vorhaben dilatorisch behandelt, bis es sich mit der Einführung der Reformierten Oberstufe 1972 von selbst erledigte.

 

Eine weitere Möglichkeit, die Schülerzahlen zu erhöhen, diskutierte das Kollegium (zu dieser Zeit gab es nur eine Kollegin) seit Ende 1967: die Einführung der Koedukation, die in der Öffentlichkeit immer mehr Anhänger gewonnen hatte. Ein Teil der Lehrer glaubte allerdings, eine Tradition von über 300 Jahren nicht einfach aufgeben zu müssen, zumal man negative Rückwirkungen auf die Mädchen-Gymnasien (Clara-Schumann-Schule, Elly-Heuß-Knapp-Schule) befürchtete. Die Realität mangelnder Anmeldungen überzeugte schließlich nach eineinhalb Jahren alle zögernden Kritiker (auch in den Reihen der Eltern), einem entsprechenden Antrag an das Kultusministerium (mit Einstimmigkeit) zuzustimmen. Die Mehrheitsfraktion der CDU im Bonner Stadtrat und die Schulverwaltung taten sich allerdings recht schwer, der neuen Entwicklung nachzukommen. Da die Genehmigung zur Koedukation erst am 5. März 1970 eintraf, konnte sie kaum noch das Anmeldeverfahren beeinflussen, so dass ab 1. August 1970 nur drei Mädchen in die einzige Sexta aufgenommen wurden. (Im Schuljahr 1970/71 unterrichteten 29 hauptamtliche Lehrer und 5 Lehrerinnen, darunter 4 Assessorinnen des Lehramtes). Die Hoffnung des Bonner General-Anzeigers, die Einführung der Koedukation möge „Bonns ältestem Gymnasium zu einem neuen Aufschwung verhelfen“ (6. März 1970), erfüllte sich recht schnell. Besuchten 1972/73 erst 24 Mädchen (gegenüber 81 Jungen) die Sexta, so waren es im nächsten Schuljahr schon mehr als ein Drittel der Eingangsklassen. Der zwischenzeitliche Umbau einer Toilette zur Mädchentoilette beseitigte auch dieses prekäre Problem. Im Schuljahr 1976/77 vertrauten sich schon 248 Mädchen (541 Jungen) dem Beethoven-Gymnasium an.

 

Der folgenreichste und kontroverseste Vorschlag sollte schließlich die Einführung eines neusprachlichen Zweiges mit Englisch ab Sexta werden, zumal man mit der Neuordnung des 5. und 6. Schuljahres 1968 und der Vereinheitlichung der Lehrpläne ein baldiges Ende des altsprachlichen Gymnasiums fürchtete. Bei weiterhin rückläufigen Schülerzahlen von 550 (1969/70) auf 492 im Schuljahr 1970/71 kam die – anschließend doch verworfene – Idee auf, 1971/72 eine „Auffang-Sexta“ einzurichten, um den Überhang an anderen Schulen „im Rahmen der Amtshilfe“ aufzunehmen.

Die Befürworter einer Englisch-Sexta verwiesen auf die verbesserten Zukunftsaussichten und ausgeglicheneren Koedukationsziffern, da Mädchen erfahrungsgemäß eher mit Englisch anfingen. Auch ließe sich das Problem „falsch eingesetzter Latein – Beginner“ leichter im eigenen Haus lösen. Doch die Altsprachler verhielten sich hinhaltend skeptisch und die Mehrheit des Kollegiums sah den Beginn mit Englisch als erste Fremdsprache nicht als erstrebenswert an, auch als Ende 1971 Schröder in Pension gegangen war.

 

 

10.2.1 Schulleiterwechsel und „Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe“

 

Erst mit dem neuen Schulleiter seit dem 8. Februar 1972, Dr. Manfred Seidler, selbst Englisch- und Deutschlehrer, wurden die entscheidenden Weichen gestellt (ohne jedoch die Bedeutung des Lateinbeginns herabzustufen), zumal der Kultusminister Englisch als Anfangssprache befürwortete. Seidler, in Königsberg geboren und aufgewachsen, hatte in Bonn Germanistik, Anglistik und Philosophie studiert und war seither Lehrer am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium gewesen. Als Mitbegründer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Bonn arbeitete er 20 Jahre in ihrem Vorstand. Als Sprecher des Bensberger Kreises seit 1966 war er maßgeblich an der Abfassung des „Memorandums deutscher Katholiken zu den polnisch-deutschen Fragen“ beteiligt.

 

Mit dem Schuljahr 1972/73 begannen erstmalig am Beethoven-Gymnasium Jungen und Mädchen auch mit Englisch, wobei sie in der 7. Klasse die Wahl zwischen Latein oder Französisch haben sollten. Sechs Jahre später überwogen die „Englisch-Beginner“ und die Schülerzahlen hatten sich verdoppelt (1978/79: ca. 950). Der Schulleiter stellte im Sommer 1973 sogar die Idee eines englisch-bilingualen Zweiges für Klasse 7 bis 10 in den Raum, doch fand er damit keinen entscheidenden Widerhall im Kollegium, das wohl eine weitergehende Veränderung der altsprachlichen Tradition befürchtete.

 

In der Zeit der Einführung des neuen Schulleiters änderten sich ganz entscheidend die äußeren und schulischen Rahmenbedingungen des Beethoven-Gymnasiums, – in ermutigender Weise, aber auch mit ungewisser Perspektive. Mit der Fertigstellung der Untergrund-Straßenbahn und der Haltestelle „Juridicum“ vor dem Schuleingang hörten nicht nur die überaus störenden Lärmbelästigungen und Verkehrsbehinderungen auf. Das Beethoven-Gymnasium war nunmehr für alle abgehenden Grundschüler aus dem links- und gleichermaßen aus dem rechtsrheinischen Bonn – sowie darüber hinaus – gut erreichbar. Gleichzeitig begannen nach den Sommerferien 1972 die lang erwarteten Schallschutzmaßnahmen mit dem Einbau von Doppelfenstern zur Rheinseite hin (wegen der Lärm und starke Vibrationen erzeugenden Schleppschiffe). Damit einher gingen die Renovierung der Klassenräume und die Verbesserung der Lichtverhältnisse durch eine neue Beleuchtung. Die eigentlich für 1973 vorgesehene Übernahme des staatlichen Beethoven-Gymnasiums durch die Stadt verschob sich allerdings auf den 1. Januar 1974.

 

Aber der Dienstantritt des neuen Schulleiters und die erstmalige Möglichkeit einer Sprachenwahl in der Eingangsklasse (Latein/Englisch) waren von der einschneidendsten Umgestaltung des höheren Schulwesens Humboldtscher Prägung begleitet: Die „Vereinbarung zur Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sek. II“ (7. Juli 1972) leitete das Ende der verschiednen Schultypen ein (mit Unterricht im Klassenverband bis zum Abitur) zu Gunsten einer enttypisierten Oberstufe mit einem Kurssystem, in dem die Schüler unter Beachtung bestimmter Pflichtvorgaben – gemäß ihren Neigungs- und Begabungsschwerpunkten ihre Schullaufbahn selbst wählen und damit auch ihren Stundenplan festlegen konnten. Um trotz individueller Optionen eine allgemeine Grundbildung und die Studierfähigkeit zu gewährleisten, mussten die Schüler zwei (fünf- bis sechsstündige) Leistungskurse, die eine vertiefte wissenschaftspropädeutische Arbeitsweise und erweiterte Kenntnisse vermitteln sollten, sowie eine vorgegebene Anzahl von (dreistündigen) Grundkursen belegen. Hierbei gab es gewisse Beschränkungen bei der Auswahl, Anzahl und Kombination der Kurse aus drei Aufgabenfeldern zu beachten, die den bisherigen und erweiterten Kanon nunmehr gleichwertiger Fächer umfassten: aus dem sprachlich-literarisch-künstlerischen, dem gesellschaftswissenschaftlichen und dem mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Aufgabenfeld (ergänzt durch Religionslehre und Sport). Dadurch ließen sich grundlegende Einsichten in fachspezifische Denkweisen und Methoden exemplarisch gewinnen.

Die Leistungen in der Qualifikationsphase (in den Stufen 12/13) gingen zu zwei Dritteln in die Gesamtnote ein und wurden nach einem sehr differenzierten Punktsystem (0 – 15 Punkte für „ungenügend“ bis „sehr gut plus“) bewertet. Das Abitur reduzierte sich nicht mehr auf eine Abschlussprüfung, sondern ging – einschließlich der Abiturfächer im zweiten Halbjahr der Stufe 13 – mit unterschiedlicher Gewichtung der Kurse zu einem Drittel in die Gesamtqualifikation ein. Gleichwohl musste die Reifeprüfung unabhängig von den bis dahin erbrachten Ergebnissen als eigenständige Leistung bestanden werden. Die Schüler wurden in den beiden Leistungskursen und einem vorher festgelegten Grundkurs schriftlich (bei Abweichungen von der Durchschnittsnote auch mündlich) und in einem vierten Grundkurs nur mündlich geprüft, wobei die Prüfungskommissionen nicht aus dem Gesamtkollegium, sondern aus drei/vier Fachkollegen bestanden.

 

  • Die „300-Jahr-Feier“ 1973: Rückbesinnung auf die Übernahme des Gymnasiums durch die Jesuiten

 

Mit der Oberstufenreform ging das Beethoven-Gymnasium einer ungewissen Zukunft entgegen, denn das Ende des humanistischen Gymnasiums war eingeleitet. Bisher hatte sich die Schule seit ihrer Gründung einem kontinuierlichen Anpassungsprozess an die Zeitverhältnisse und die Vorstellungen der jeweiligen „Landesherren“ bzw. staatlichen Behörden unterworfen, ohne den überzeugenden Charakter einer Sprachenschule mit altsprachlichem Schwerpunkt aufzugeben. Mit dem unwiderruflichen Ende der höheren Schule Humboldtscher Prägung galt es nun, das Bewusstsein geschichtlicher Kontinuität im Bildungswesen wieder zu schärfen und über allen Wandel organisatorischer Formen hinaus die Geschichtlichkeit entscheidender Elemente gymnasialer Bildung in Erinnerung zu rufen. Was bot sich besser an, als Tradition und Kontinuität sowie Wandel und Reformen der „Gymnasialität“ am Beispiel der eigenen Geschichte des Beethoven-Gymnasiums aufzuzeigen?

Obwohl schon immer als dessen Vorläufer das um 1625 eröffnete Minoritengymnasium bekannt war, deklarierte man in der Nachkriegszeit die 1673 erfolgte Übernahme durch den Jesuiten Orden als eigentliches Gründungsdatum des Gymnasiums. Den Versuch, dieses auf 1639 vorzuverlegen, hatte Schröder aufgegeben und die Weichen für 1973 gestellt. Seidler stieg unmittelbar nach seinem Amtsantritt in das Projekt der „300-Jahr-Feier“ ein und wertete vor dem Kollegium am 9. März 1972 die „einzigartige Bedeutung dieser Rückbesinnung zum Verständnis der Schule als letztem Wellenschlag einer an der Antike, dem Mittelalter und Barock gespeisten Tradition und als Übergang in einen kommenden Dienst an Mensch und Gesellschaft“. Eine solche „Feier“ bot sich in dieser schwierigen Übergangszeit als eine geeignete Gelegenheit an, Reformen als Wandel in der Kontinuität zu zeigen und somit Tradition und Fortschritt harmonisch zu vereinen. Seit September 1972 liefen die Vorbereitungen für eine ganze Reihe von Veranstaltungen vom 23. bis zum 25. März 1973: eine Podiumsdiskussion zur Einführung der Oberstufenreform in der Aula der Universität, eine Aufführung des Schülertheaters und ein großes Konzert mit dem Chor, eine Ausstellung zur Geschichte der Schule in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek, ein Treffen vieler Ehemaliger, die z. T. noch am Königlichen Gymnasium (z. B. 1906) Abitur gemacht hatten, sowie ein Schulball (in der Stadthalle von Bad Godesberg).

Schließlich sollte ein umfangreicher Jahresbericht „1673 – 1973. Beethoven-Gymnasium Bonn. Dreihundert Jahre in Bildern“, ein „Bilderbuch aus Dokumenten dreier Jahrhunderte“, den Betrachter anregen, „aus Vergleich und eigener Erinnerung eine ‚öffentliche Prüfung des Gymnasiums’ zu unternehmen“ und trotz fragmentarischer Auswahl der Quellen aus „gegenwärtigen Erfahrungen Analogien und typische Grundmuster in der Vergangenheit zu entdecken“. Gerade in der Zeit der völligen Neugestaltung der höheren Schule wollte das Beethoven-Gymnasium der Öffentlichkeit an Hand der eigenen Schulgeschichte die Tradition in ihrer variantenreichen Ausgestaltung, die „Dauer im Wechsel“, zeigen.

 

Die „300-Jahr-Feiern“ hatten soviel Anklang gefunden und Kontakte ermöglicht, dass die Schule die Verbindung lebendig halten wollte und zu einem erneuten Schulfest am 11./12. Oktober 1975 einlud: Unterrichtsmitschau, Filme von Klassenfahrten, Musikvorführungen, Volleyball-Wettkampf, Schauturnen des GTV, Bootstaufe des GRV anlässlich seines 80jährigen Bestehens, Mittagessen auf der „Casselsruhe“, abends der Beethoven-Ball in der Stadthalle von Bad Godesberg und anderntags Spaziergang durch Bonn oder Bootsfahrt. Die Einladung ist Teil eines „knappen“ Jahresberichts 1974/75 (dem ersten wieder seit 1965), der „einen Überblick über Veränderungen an der Schule seit dem Frühjahr 1973“ geben sollte.

 

Da sich dieses Medium der Information zum Schuljahresende für alle Freunde und Förderer, Eltern, Ehemalige sowie Schülerinnen und Schüler sehr bewährt hatte, gehört seither bis heute zur Kontinuität schulischen Lebens die Herausgabe eines Jahresberichtes über das abgelaufene Schuljahr, – in unregelmäßigen Abständen bzw. zu besonderen Anlässen in größerem Umfang mit wissenschaftlichen Beiträgen. Auch die Unterrichtsmitschau im Herbst sollte jedes Jahr angeboten werden. Die damals als „erster Beethoven-Ball im Rahmen des Schulfestes“ deklarierte Abendveranstaltung hatte zwar „reichen Besuch von Ehemaligen“ gefunden, weniger aber von der „Schulfamilie“. Offensichtlich hätten sich die „Eltern der präsenten Schüler“ nicht eingeladen gefühlt, und Seidler gelobte Änderung beim „nächsten BB“ 1977. Sollte das Echo dann groß genug sein, würde die Schule alle zwei Jahre die Veranstaltung am Abend des „Tags der Offenen Tür“ wiederholen. Da der Ball am 24. September 1977 im Bundestagsrestaurant (mit Kurzprogramm des schuleigenen Kabaretts „Nevergreen“ und Tanzeinlagen von Schülerinnen der Stufe 9) so viel Zuspruch erfahren hatte, begeistert seither der Beethoven-Ball (mit Programmeinlagen von Lehrern und Schülern) – im Zweijahreszyklus – Kollegium, Eltern und Oberstufenschüler, zu denen sich im Laufe der Jahre immer mehr Ehemalige gesellten.

 

 

 

10.2.3 Drei Fremdsprachen bleiben Pflicht

 

Da das Beethoven-Gymnasium in die dritte Versuchsreihe zur Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe aufgenommen wurde, traten die ersten 51 Jungen und 5 Mädchen erst mit dem Schuljahr 1974/75 in die Stufe 11 der Sekundarstufe II ein und 1975/76 mit der Qualifikationsphase in die 12/13. Es galt daher von 1972 an, die entscheidenden Weichen zu stellen, um dem Beethoven-Gymnasium den Charakter als Sprachenschule zu bewahren und auch Latein als eine der Anfangssprachen und als eine von allen zu lernende Sprache zu behalten. Kollegium und Schulleitung fühlten sich nicht nur der Tradition verpflichtet, sondern waren sich auch in der Bedeutung des Lateinischen als europäische Grundsprache einig, das durch seine grammatische Klarheit und Gesetzmäßigkeit die eigene Sprachkompetenz fördern konnte.

Ob diese Überzeugung sich aber in den neuen Englischklassen durchsetzen ließe, blieb zunächst ungewiss. Diesen sollten nämlich laut Erlass in der Klasse 7 als zweite Fremdsprache Latein oder Französisch angeboten werden. Das Kollegium votierte mehrheitlich für eine Wahlmöglichkeit, wollte aber auch notfalls kleine Lateingruppen zulassen. Bei der Sprachenwahl im Schuljahr 1975/76 gab es allerdings 2/3 mehr Interessenten für Latein als für Französisch: eine Tendenz, die sich im nächsten Jahr wiederholte.

Um eine zukünftige zu ungünstige Zersplitterung des Angebots zu vermeiden, zumal die Lehrerstellenzahl sich nicht verbesserte, stellte Seidler den Antrag auf Aussetzung dieser Sprachenwahl, den das Kollegium mit 22 Stimmen (bei 12 Gegenstimmen und 7 Enthaltungen) befürwortete: Die beiden Jahrgänge mit Französisch als 2. und Latein als 3. Fremdsprache liefen in Zukunft aus. Ab Schuljahr 1976/77 bekamen alle Englisch-Beginner als zweite Fremdsprache grundsätzlich Latein.

Einige Eltern, die sich für Französisch in Klasse 7 eingesetzt hatten, versuchten noch einmal einen Vorstoß über die Fachkonferenz Französisch. Diese blieb aber bei der Entscheidung für Klasse 9, da sie sich u. a. dadurch starke Französischkurse und vor allem einen Leistungskurs in der Oberstufe erhoffte. Um den Eltern entgegenzukommen, wollten sich Fachkonferenz und Kollegium dafür einsetzen, durch erhöhte Stundenzahl und kleinere Gruppen den Französischunterricht zu intensivieren.

 

Diese entscheidende Weichenstellung hing eng zusammen mit der Lösung des Problems der dritten Fremdsprache, da mit der Einführung der „Differenzierten Mittelstufe“ ab 1972, zur Vorbereitung auf die Reformierte Oberstufe, die Schule in den Klassen 9/10 auch Ergänzungs- und Aufbaukurse in den bisherigen oder Einführungskurse in neue Fächer anbieten konnte, um den Schülern ihre Interessens- und Begabungsschwerpunkte testen zu lassen und gleichzeitig die Wahl ihrer späteren Fächer in der Oberstufe zu erleichtern. Daher richtete das Beethoven-Gymnasium im Schuljahr 1973/74 erstmalig, neben Griechisch und Französisch, auch je zweistündige Mathematik- und Englischkurse ein, die sich jedoch nach Meinung des Kollegiums nicht bewährt hatten. Sie wurden in der Klasse 10 durch einen wirtschafts- und sozialkundlichen Kurs nur für dieses Schuljahr ersetzt.

Solche Erfahrungen erleichterten die Entscheidung, ob alle Schüler der Klasse 9 zukünftig zur dritten Fremdsprache verpflichtet werden könnten: Seit dem Schuljahr 1974/5 gab es nur noch die Wahl zwischen Griechisch oder Französisch, womit die Schule wieder eindeutig ihren sprachlichen Schwerpunkt festgelegt hatte. Seit dem Schuljahr 1976/77 zeichnete sich – bis heute – das Beethoven-Gymnasium durch eine eindeutige Sprachenfolge in der Unter- und Mittelstufe aus: a) Latein, Englisch, Griechisch oder Französisch; b) Englisch, Latein, Griechisch oder Französisch, so dass es auch nicht mehr zu einer völligen Zersplitterung des Angebots und zur Bildung neuer Klassenverbände kam. In der Oberstufe wurde (neben einem Zentralkurs Hebräisch für alle Bonner Schüler) für die Griechischkurse, aber nur für diese, noch einmal Französisch neu einsetzend (auch als Abiturfach) angeboten, damit alle Schüler bis zum Abitur zwei neuere Sprachen belegen konnten.

 

  • Das Kurssystem des Beethoven-Gymnasiums: Stabile Oberstufenstruktur mit Schwerpunkt auf den traditionellen Kernfächern

 

Schränkte einerseits der in der 70er Jahren herrschende Lehrermangel (besonders in den musischen und naturwissenschaftlichen Fächern) das Kursangebot des Beethoven-Gymnasiums ein, so wies auch die eindeutige Festlegung der Sprachenfolge auf drei Fremdsprachen in Sek. I (bei nur zwei Alternativen: Anfangssprache, 3. Fremdsprache) die Schülerinnen und Schüler schon bei der Wahl der Oberstufenkurse auf die traditionellen Kernfächer hin, wozu seit jeher die Mathematik als unabdingbare Ergänzung humanistischer Bildung gehörte. Daher konnten sie, trotz der anfänglichen geringen Schülerzahl (1975 in 11,1 nur 61, 1976   41 und 1977 gar 37(!) Schülerinnen und Schüler), bei den zwei (fünfstündigen) Leistungskursen – unter Beachtung gesetzlicher Vorgaben – immerhin oder zunächst nur wählen zwischen Deutsch, Mathematik, Latein, Griechisch, Französisch, Biologie/Chemie als Kombinationskurs und Geschichte (Kunst oder Musik als Zentralkurs in einem anderen Bonner Gymnasium), so dass eine Zersplitterung des Angebots unterblieb und die Studierfähigkeit gewahrt blieb. Der Kombinationskurs erwies sich allerdings als nicht praktikabel und lief 1980 aus, so dass ab 1978 alle drei Naturwissenschaften als Leistungskurse angeboten wurden (bei Chemie häufig in Kooperation mit einem anderen Gymnasium). Die Abiturientia 1976 – mit 6 Altsprachlern, 17 weiteren mit Latein als Abiturfach und 19 Neusprachlern – bestand die letzte Reifeprüfung des typengebundenen Gymnasiums. 1977 legte der erste Jahrgang (darunter 4 Mädchen) das Abitur unter den Bedingungen der Reformierten Oberstufe ab.

 

Die Präferenzen bei den Leistungskurswahlen 1977 bis 1981 lagen eindeutig bei Biologie, Geschichte, Mathematik und Englisch; ein Leistungskurs Latein wechselte jeweils mit einem LK Griechisch ab, der (mindestens bis Ende der Stufe 12) – im „Huckepack-Verfahren“ – zusammen mit dem dreistündigen Grundkurs Griechisch angeboten wurde, damit auch diese Schüler ihr „Graecum“ erhielten und die Fremdsprachenbedingen abdeckten. Als neue Fächer im Grundkursbereich der Stufe 11 kamen Italienisch und ab 1979 Sozialwissenschaften hinzu. Als 3./4. Abiturfach überwogen 1977 bis 1980 mit Abstand Biologie, Deutsch und Erdkunde, während die Fremdsprachen sowie die wegen der geringen Vorkenntnisse als schwierig eingeschätzten Chemie und Physik wenig gewählt wurden; Religion und Sport zeigten keine auffallenden Zahlen. Durch die Sportdifferenzierung konnten die Schülerinnen und Schüler Basketball, Volleyball, Fußball, Turnen, Leichtathletik, Schwimmen oder Rudern belegen; für Mädchen wurden eigene Kurse in Gymnastik und Volleyball eingerichtet. Da sich ab 1978 die Schülerzahl in 11,1 auf über 100 erhöhte und ab Schuljahr 1980/81 für etliche Jahre die Oberstufe ca. 330 bis 360 Schülerinnen und Schüler umfasste, konnten sehr viele Wahl- bzw. Kombinationsmöglichkeiten angeboten werden, allerdings bei einer immer komplizierter werdenden Planung und Organisation.

 

Jedoch sollten im Kernbereich der Schullaufbahnen eine häufige Zu- und Abwahl vermieden und eine gewisse Kontinuität der Lerngruppe und der Lehrer erreicht werden, die sonst durch die Auflösung des Klassenverbandes verloren gegangen wäre: In Kenntnis der zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer in der Qualifikationsphase wählten die Schüler schon am Ende der Klasse 10 ihre Leistungskurse, die zwar in   11,1 als dreistündige Grundkurse geführt wurden, aber noch eine zweistündige Ergänzung erhielten, so dass beide – ohne Änderung des Stundenrasters – in 11,2   in den fünfstündigen Leistungskurs übergingen. Die Schülerinnen und Schüler erhielten zwar die Möglichkeit des Wechselns, machten aber davon wenig Gebrauch. Auch bei den parallel liegenden Grundkursen in den Kernfächern Deutsch und Mathematik gab es offene Optionen.

So blieben in der Regel die meisten Teilnehmer bei der Hälfte ihrer Kurse drei Jahre lang im gleichen Kurs mit den ihnen bekannten Lehrerinnen und Lehrern. Das Beethoven-Gymnasium bewahrte sich dadurch eine sehr stabile Oberstufenstruktur mit guten pädagogischen Bezügen, die durchaus den Fortfall der Klassenverbände kompensierten, aber auch deren nachteilige Sozialstrukturen vermieden. Die Studienfahrten zu Beginn der 13 wurden ebenfalls über einzelne Leistungskurse vorbereitet und organisiert, deren Kursleiter fachimmanente Ziele und Programme den Schülern anboten, denen dann manchmal sogar Alternativen zur Wahl standen.

 

Im Schuljahr 1982/83 zog die Schule eine erste Bilanz aus den Erfahrungen mit der bisherigen Umsetzung der Oberstufenreform und entdeckte, allen harschen Unkenrufen zum Trotz, auch eine Reihe positiver Auswirkungen, nachdem nun der Umgang mit den anfänglichen organisatorischen Schwierigkeiten sicherer geworden war und mit den neuen Richtlinien die Unterrichtsinhalte einen verbindlichen Charakter erhalten hatten. Die Möglichkeit der Fächerwahl beurteilten die Schülerinnen und Schüler überwiegend als gut. Sie bestimmten ihre Kurse nach Interesse, Studienabsicht, und der Möglichkeit einer guten Note, denn dem Druck des Numerus Clausus konnte kaum jemand ausweichen. Bei der Vorbereitung auf die Oberstufe erschien die Mittelstufenarbeit, genügend Fachwissen bereit zu stellen, in weniger günstigem Licht. Die Gleichwertigkeit der mündlichen und schriftlichen Leistung wurde begrüßt, der hervorgehobene Wert der „sonstigen Mitarbeit“ als sinnvoll erachtet. Die Auflösung des alten Klassenverbandes fand weniger Kritik als erwartet, vielmehr freute man sich auf „neue Freunde“ und „neue Chancen“ in jeweils anderen Kursbesetzungen.

Nur die vielen in Kauf zu nehmenden Springstunden, wenn die Schule den Wünschen der Schülerinnen und Schüler möglichst weit entgegenkommen wollte, fanden wenig Anklang. Denn die Zeit sinnvoll für die Schule zu nutzen, konnte oder wollte man (noch) nicht „lernen“. Der Aufenthaltsraum für die Oberstufe sowie das nebenan eingerichtete Selbst-Café „Chez Lu“ oder das nahe gelegene Café an der Adenauerallee konnten den „Leerlauf“ überbrücken helfen. Kaffeetrinken innerhalb einzelner Kurse (zu besonderen Anlässen mit Kuchen) förderte die Lernatmosphäre. Seit 1980 erschien dem Schulleiter der „Kaffee in der Schule das unmißverständliche Indiz für die funktionierende differenzierte Oberstufe und Zeichen der Wohlbefindlichkeit in ihr“. 1983 resümierte Seidler schmunzelnd: „Man lebt gesellig miteinander im Haus. Unser Haus ähnelt dem Zuhause. Gut so! Gut so?“

 

Die Abwahlmöglichkeiten in Sprachen und Mathematik bzw. ihrer Schriftlichkeit während der Qualifikationsphase hatte zwar manchem die Abschlussprüfung erleichtert, aber die klare Schwerpunktsetzung im Angebot der Leistungskurse hatte ein „Billigabitur“ verhindert. 1982 und 1983 konnte in Biologie, Geschichte und Englisch, 1982 in Mathematik und Deutsch zwischen je zwei Leistungskursen dieser Fächer gewählt werden. Auch in Französisch gab es immer einen gut gefüllten Kurs, während Latein und Griechisch sich abwechselten. Kritik übte die Schule an der zu leichten Versetzung von 11 nach 12, an dem Missverhältnis der Gewichtung der Grundkurse gegenüber den Leistungskursen (1 : 3) und der Leistungen der vier Abiturfächer (76 %) gegenüber den Nichtabiturfächern bei der Abiturnote. Auch die Regelung der zusätzlichen Pflichtkurse in den Gesellschaftswissenschaften wurde als zu kompliziert erachtet.

 

Die Einstellung der Abiturienten zu ihrer Entlassfeier hatte sich mittlerweile wieder geändert („normalisiert“). Von 1968 bis 1971 händigte die Schulsekretärin das Zeugnis gegen Quittung aus; 1972 „dekretierte“ Seidler die Übergabe im Aulafoyer mit Eltern – im Stehen; 1973 lud die Abiturientia – nach interner Abstimmung – zu Gottesdienst, Zeugnisübergabe und Sekt im Aulafoyer ein – im Stehen; 1974 war „das Provisorium etabliert: Foyer – Reden – Zeugnisse – Sekt“; 1975 wurde das Provisorium „feierlich“: Stuhlreihen standen im Halbkreis, um nunmehr längere Reden anzuhören; 1976 Entlassung in der Aula (!) mit „Flöte und Geige“ und anschließend Sekt vor der Aulatür. 1977 lehnte die Abiturientia die Aula ab, alle saßen wieder auf Stühlen im Foyer, der Jahrgangssprecher kritisierte die „Anonymität“, den „Leistungszwang“ und „Konkurrenzneid“ in der neuen Differenzierung, obwohl vorher der Schulleiter „das Gegenteil gesagt“ hatte; auf den Sekt folgte die „Entlassung“. 1978 entschied einfach die Schule: Sie entließ die Abiturientia in der Aula; niemand wehrte sich, aber jeder kam gekleidet, wie er wollte. Es „gab Musik, Reden, Zeugnisse, wieder Musik!“ Nunmehr hatte man sich an die Aula als Ort der „feierlichen“ Entlassung gewöhnt und die Abiturientinnen und Abiturienten versuchten zunehmend dem „feierlichen“ Rahmen Geschmack abzugewinnen. 1984 verabschiedete sich die Abiturientia „von sich selbst“ mit einem „abwechslungsreichen Programm – Für Ludwig“, während 18 Solisten aus ihren Reihen „ein höchst lebendiges kammermusikalisches Programm“ darboten. Einen Tag später entließ Seidler seine letzte Abiturientia und überreichte ihr in der Aula die Zeugnisse.

        

 

10.2.5 Einführung des Fachraumsystems: Schüler gehen zum Lehrer

 

Bereits mit der Einführung der Reform ab 1974 und den wieder zunehmenden Anmeldezahlen erwuchs dem einst zweizügigen Beethoven-Gymnasium wieder ein Raumproblem. Um die einzelnen Klassenzimmer ohne Leerzeiten besser auszunutzen, beschloss das Kollegium (in schriftlicher Abstimmung bei einer Gegenstimme und vier Enthaltungen), zum 1. Februar 1974 das Fachraumsystem zunächst für ein Probehalbjahr – einzuführen: Schüler gingen zum Lehrer! (Die SMV hatte vorher mit 18 : 8 Stimmen für die probeweise Einführung votiert). Man erhoffte sich dadurch auch „eine größere Ruhe im disziplinaren Feld durch eine größere Bewegung der Schüler im motorischen Feld“ (Konferenzprotokoll) und eine Reduzierung der „Zerstörung von Mobiliar“.

Ein Flugblatt der Sympathisantengruppe des „Kommunistischen Oberschüler-Verbands“ (KOV) am Beethoven-Gymnasium forderte allerdings „Weg mit dem Lehrerfachraumsystem!“ In die Unterschriftslisten hätten sich spontan 120 Schüler eingetragen und für die Rücknahme plädiert. Der faktische Wegfall der Fünf-Minutenpausen würde „einen weiteren Schritt zur Auflösung der Klassengemeinschaften“ und damit zur Schwächung „der Solidarität der Schüler“ führen. Eine weitere „Vereinzelung“ und „Spaltung“ der Schüler untereinander sei absehbar.

Nach über zwei Monaten Erfahrungen unternahm die SMV eine Fragebogenaktion zum Lehrerfachraumsystem: Von ca. 500 verteilten dreiseitigen Fragebögen kamen 347 ausgefüllt zurück. 2/3 der Antworten drückte Skepsis oder Ablehnung aus, allerdings verneinten 40 % die Befürchtung, die Schule sei „unpersönlicher“ geworden. Die Hälfte der Schüler monierte, dass die Klassenräume „ungemütlicher“ geworden seien, weil sie nicht mehr von den Schülern „gestaltet“ werden könnten. 58 % empfanden das ständige Herumtragen der Garderobe als „störend“; Garderobenschränke im Fahrradkeller würden „die Lage nicht“ oder kaum verbessern. Am meisten mussten sich die Unterstufenklassen umstellen, die nicht so recht mit dem Problem der schweren Schultaschen und ihrer Garderobe fertig und angeblich auf den Gängen von den „Großen“ an die Wand gedrückt wurden. Besonders vermissten sie die gewohnte individuelle Raumatmosphäre. Die größte Befürchtung der KOV-Gruppe, die „Entsolidarisierung“ und „Vereinzelung“ der Schüler, konnte nicht bestätigt werden: 68 % fanden trotz Lehrerfachraumsystem noch genügend Möglichkeiten, „sich mit ihren Klassenkameraden zu unterhalten“.

In der Folgezeit bemühte sich das Kollegium um eine bessere Ausstattung der Räume (Tageslichtprojektoren, Wandleisten für Bilder und Plakate, usw.), so dass die Schülerinnen und Schüler zunehmend die Vielfältigkeit der Unterrichtstätigkeiten der jeweiligen Lehrperson mit ihren Klassen kennen lernten. Die Zerstörungen bzw. Beschädigungen des Mobiliars während der Pausen hörten auf, da die Klassen abgeschlossen waren oder die Lehrer sich in ihnen aufhielten. Die Migration auf den Gängen verlief ohne Zwischenfälle, der Wandschmuck blieb unbeschädigt und die sozialen Kontakte „unterwegs“ nahmen zu, wenn auch auf pünktlichen Unterrichtsbeginn geachtet werden musste. Nach einem halben Jahr widersprach nur eine Klassenpflegschaft dem Fachraumprinzip, so schnell war es – bis heute – als vorteilhaft akzeptiert. Allerdings hatten die Stundenplaner bei längeren Klassenarbeiten und Klausuren oder Vertretungen umfangreichere Verlegungen in andere Räume vorzunehmen. Die Stadt wollte schließlich im nächsten Schuljahr für die Unterstufenschüler Garderobenschränke mit einem abschließbaren Fach aufstellen.

 

10.2.6 Sportliche Schwerpunkte

 

Ein immer umfangreicheres Wanderfahrtenprogramm für die Unter- und Mittelstufe entwickelte sich im Laufe der 70er Jahre, aus dem die Skilandheimaufenthalte (zunächst in Hindelang, Garmisch, Unterjoch oder Scharling) für die Klassen 7 und 8 in besonderer Weise das sportliche und soziale Leben der Schülergemeinschaft förderten. Nach weniger guten Erfahrungen mit gleichzeitigen fremden Klassen in Jugendherbergen versuchten zwei Klassen 1977, Hirschegg im Kleinwalsertal zu testen, und fanden dort die besten Bedingungen vor. Aus diesen anfänglichen Skifahrten verschiedener Gruppen der Klassen 7 und 8 entstand in der Folge ein Konzept, das seither zwei siebentägige Aufenthalte in Hirschegg (jeweils eine Woche pro Stufe) mit dem Unterrichtsschwerpunkt „Skisport und Verantwortungsvoller Umgang mit der Natur“ vorsah.

Die intensive und individuelle Betreuung der Kinder in Kleingruppen von den Anfängern bis zu den Fortgeschrittenen garantierten schnelle Fortschritte, Sicherheit und vor allem viel Spaß, der sich noch beim fröhlichen Après-Ski mit den Lehrenden fortsetzte. Die begleitenden Damen und Herren Sportlehrer, Übungsleiter und Klassenlehrer erhielten unerlässliche Unterstützung durch junge skisport-fachlich ausgebildete Skilehrerinnen und Skilehrer, meist ehemalige Schülerinnen und Schüler, die ihre Semesterferien- oder Urlaubszeit opferten und honorarfrei für Kost und Logis die Skijugend des Beethoven-Gymnasiums betreuten und förderten. Schließlich trug die „Gesellschaft der Freunde und Förderer“ mit einem wesentlichen Betrag dazu bei, dass das „Fröhliche Lernen im Kleinwalsertal“ der Klassen 7 und 8 bis heute zu einem festen Bestandteil des Schulprogramms wurde.

 

Auch die beiden Schulvereine spielten in der zweiten Hälfte der 70er Jahre wieder eine herausragende Rolle im Sportleben des Beethoven-Gymnasiums. Unter dem Motto „Schüler trainieren selbstständig Mannschaften“ konnten die Basketballer mit ihren sehr gut besuchten Übungsstunden und Erfolgen zufrieden sind, während die Volleyballer mit ihren verschiedenen Gruppen immer sehr gute Plätze bei den Kreis- und westdeutschen Meisterschaften einnahmen und die Leichtathleten hervorragende Ergebnisse erzielten. Als „erfreulich“ wurde auch die Mädchenriege des GTV bezeichnet, die beim Volleyball 1982 sogar mit zwei Teams die Stadtmeisterschaft errangen. Zum 85jährigen Jubiläum im November 1976 zeigte der GTV wieder beim Schauturnen in eindrucksvoller Weise, wie „rhythmisches Turnen Bewegungsfreude weckt“.

Der GRV blickte 1975 zum 80jährigen Jubiläum stolz auf seine bisherigen Wanderfahrtenkilometer, stand er doch seit vier Jahren in der Kilometerleistung der deutschen Schülerrudervereine an der Spitze. Im Schuljahr 1976/77 gewann er zum wiederholten Male den Wanderfahrtenwettbewerb des Deutschen Ruderverbandes und erhielt den Silberpokal, den der GRV selbst im Vorjahr dem DRV gestiftet hatte. Beim 85jährigen Stiftungsfest am 1. März 1980 konnte der GRV mit einer jährlichen Kilometerleistung von über 50.000 km sich rühmen, wieder zu den eifrigsten Schülervereinen Deutschlands zu gehören. Nach „schüchternen Anfängen“ war die Mädchenriege auch des GRV zu einer „stattlichen Zahl“ angewachsen; bei den Stadtmeisterschaften 1982 gewann der Mädchenvierer sogar den ersten Platz.

 

10.2.7 Die letzten größeren Umbauten

 

Die Akzeptanz der praktizierten Oberstufe, vier Eingangsklassen und schließlich über 1000 Schülerinnen und Schüler (Sommer 1981: 1067) stärkten zwar die Zufriedenheit von Kollegium und Schulleitung („Wir sind eine Riesenschule!“ entfuhr es Seidler erfreut, auch als er im Schuljahr 1979/80 14 (!) neue, junge Kolleginnen und Kollegen begrüßen durfte) verschärften aber in unzumutbarer Weise seit Ende der 70er Jahre den Raumbedarf in dem ursprünglich für ein zweizügiges Gymnasium ausgelegtem Schulgebäude, für das eine Erweiterung allerdings kein Platz zur Verfügung stand. Zeitweilig tauchte in der Diskussion sogar die Idee auf, die Aula ganz aufzugeben und in Unterrichtsräume umzuwandeln!

Nach der Renovierung des Aulagebäudes (Am 14. April 1979 fand der Hausmeister morgens den ganzen Vorderbau überschwemmt – Rohrbruch! – mit schwersten, nicht wiederherzustellenden Schäden im Schularchiv) wurde schließlich ab April 1980 die letzte verfügbare Raumreserve ausgeschöpft und der schöne Arkadenhof, einst Standort der „Vinea Domini“, in vier neue Klassenräume (darunter einen größeren Mehrzweckraum) umgebaut. Die Grafitto-Malerei an den nördlichen Wänden zweier Klassen erinnert noch heute an das kurfürstliche Weinschlösschen.

Gleichzeitig wurden der frühere nördliche Seiteneingang zugemauert, der Treppenaufgang, der an der ehemaligen Hausmeisterloge (in der der Hausmeister eine Art „Lehrercafé“ abgeteilt hatte) vorbeiführte, auf gleiche Ebene mit dem Durchgangsflur angehoben und das davor liegende Foyer in einen Aufenthaltsbereich verwandelt für die Oberstufenschüler während ihrer häufigeren Freistunden, und zwar: je einen Raum für Raucher und Nichtraucher, eine Teeküche und einen Arbeitsraum mit entsprechendem Mobiliar, – wegen der Glaswände „Aquarium“ genannt. An einem von einem privaten Betreiber auf dem Schulhof eingerichteten Kiosk konnten während der Pausen Milch und Gebäck gekauft werden. Der Hausmeister residierte nunmehr in seiner Loge neben dem Haupteingang Adenauerallee direkt neben seiner Dienstwohnung.

 

10.2.8 Tradition des Weinbaus: „Wieder auferstandene“   „Vinea Domini

 

Nicht nur der Standort des Beethoven-Gymnasiums verwies die Schule auf die Beschäftigung mit dem Weinbau, auch im altsprachlichen Unterricht fanden sich genügende Anlässe hierfür. So vermochte der stellvertretende Schulleiter Dr. Schmitt die Teilnehmer seines Griechischkurses in Klasse 10 dafür zu begeistern, seit März 1982 in Pacht einen in Steillage brachliegenden Weinberg in Lehmen an der Mosel in mühsamer Arbeit wieder herzurichten, so dass ein Jahr später 200 Rieslingstecklinge gesetzt werden konnten. Zum Abitur hoffte man die ersten Flaschen des eigenen Gewächses Marke Würzley zu öffnen.

Das „weinselige“ Vorhaben wirkte ansteckend; am 31. Januar 1983 überraschte der Schulleiter das Kollegium mit einem Hinweis auf die „wieder auferstandene“ „Vinea Domini“, den er ausdrücklich nicht als Karnevalsscherz aufgefasst wissen wollte: Der Schule werde – durch Vermittlung des Schulpflegschaftsvorsitzenden – der in der Rheinaue anlässlich der Bundesgartenschau 1979 vom Land Rheinland-Pfalz angelegte Weinberg (halb Riesling, halb Spätburgunder) zur Pflege und Nutzung angeboten. Da sich im spontan gegründeten „Weinkollegium“ (mit eigener Satzung) genügend Mitglieder zusammenfanden, um diese gemeinschaftsstiftende, aber auch publikumswirksame Aufgabe zu übernehmen, konnte der Vertrag – im Beisein der Weinkönigin und des Weinbauministers von Rheinland-Pfalz – am 20. Mai 1983 unterzeichnet und der bis zur Wiedervereinigung nördlichste, in die Weinrolle des Landes Nordrhein-Westfalen eingetragene Weinberg der Bundesrepublik Deutschland der Schule übergeben werden. Vom Ertrag erhielten als Zinsdeputat der Eigentümer der 500 Stöcke (Rheinland-Pfalz) 20% der Ernte, die Bodenherrin (Stadt Bonn) 10%.

Die damalige Staatliche Weinbaudomäne Marienthal kelterte seither den Wein mit der amtlichen Sortenbezeichnung „Vinea Domini – Vinum Collegii Archigymnasii Bonnensis“, der u. a. bei der nächsten Lese verkostet wurde, und die Stadt Bonn nahm jeweils, in Person des Bürgermeisters, bei dieser Gelegenheit ihren Anteil in Anwesenheit einer großen Zahl von Gästen und Eltern entgegen. Ein Abguss eines alten Grenzsteins der für Kurfürst Clemens August angelegten „Weinberge des Herren am Ufer des Rheins“ erinnert nunmehr am südlichen Ende des „Weinbergs des Beethoven-Gymnasiums“ an diese Tradition und an den Standort der Schule „auf“ der damaligen „Vinea Domini“.

Anfang April 1984 durfte der erste Jahrgang „Vinea Domini“ (169 Flaschen Spätburgunder und 206 Flaschen Riesling), von der staatlichen Weinbaudomäne aufbereitet und, die Flaschen mit schuleigenem Etikett versehen, probiert werden. Noch etwas beschwingt von diesem hoffnungsvollen Genuss, machten sich zwei Wochen später ca. 20 Mitglieder des „Weinkollegiums“ auf, um in der Rheinaue den ersten Rebschnitt unter fachkundiger Leitung des stellvertretenden Schulleiters zu bestehen. Anfang Juni erhielten der Bonner Oberbürgermeister und der Vertreter der rheinlandpfälzischen Regierung bei „gelöster Stimmung“ in der Rheinaue das erste fällige Weindeputat, von dem sich das Weinkollegium – angesichts des vollen eigenen Weinkellers – ohne Tränen trennen konnte.

 

Die Aussicht auf ein „Gläschen“ veredelte die ansonsten etwas getrübte Stimmung des letzten Schultages 1984: Über 600 Schülerinnen und Schüler und das Kollegium versammelten sich gegen 7.15 Uhr in der Nähe von Seidlers Wohnung in der Endenicher Allee und begleiteten ihn an seinem letzten Schultag in einem „heiter-melancholischen Triumpfzug“ zunächst zu einem ökumenischen Gottesdienst in die Kreuzkirche und anschließend zur Schule zu seiner Verabschiedung.