8. Das Beethoven-Gymnasium in der NS-Zeit:

Erziehung zum „neuen Geist“ versus „freie Entfaltung der Persönlichkeit“

 

8.1 Vorsichtige Anpassung an die Bedingungen des neuen Regimes (1933 – 1935)

 

Auch unter dem neuen Reichskanzler Hitler blieb – trotz angekündigter Schulreform – die Struktur der Gymnasien aus der Weimarer Zeit erst einmal bestehen. Nur eine weltanschaulich begründete Änderung in allen Abschlussprüfungen betraf seit September 1933 die Abiturienten: eine verbindliche Prüfung in Vererbungslehre und Rassenkunde. Im Unterricht mussten die „biologischen Grundtatsachen“ sowie „Rassenhygiene, „Familienkunde“ und „Bevölkerungspolitik“ ausgiebig erarbeitet werden; auch in Deutsch, Geschichte und Erdkunde sollten biologische Sichtweisen vorherrschen.

 

Der seit 1930 tätige Schulleiter Wilhelm Dresen, obwohl Zentrumsmann und ehemaliger Abgeordneter des Provinziallandtages, blieb zunächst im Amt. Ihm lag die christliche Lebensausrichtung der Jugend sehr am Herzen, und er konnte seine schützende Hand über die Mitglieder der konfessionellen Jugendvereine halten. Der aus der katholischen Jugendbewegung hervorgegangene Bund Neu-Deutschland“ (ND), 1919 in Köln als Vereinigung von Schülern höherer Lehranstalten gegründet, hatte am Beethoven-Gymnasium eine sehr starke Gruppe von ca. 120 Schülern. Sie verstanden sich zwar – wie die freie bündische Jugend – als Selbsterziehungsgemeinschaft unter selbst gewählten Führern, um ihre Freizeit mit Heimabenden, Wanderungen, Fahrten und Lagerleben zu gestalten, waren aber ausgesprochen religiös ausgerichtet und verlangten auch geistliche Unterweisung. Da die Nationalsozialisten von Anfang an die Hitlerjugend (HJ) zur alleinigen und verbindlichen staatlichen Jugendorganisation ausbauen wollten, verboten sie zunächst die politischen und nach und nach auch die freien Jugendverbände.

Die Fuldaer Bischofskonferenz vom 31. Mai 1933 hatte zwar den Willen des Regimes begrüßt, „die Jugend der Nation innerlich zu einigen“, aber eine Staatsauffassung abgelehnt, nach der die Jugend ausschließlich vom Staat erfasst und erzogen werden sollte. Das zwischen dem Deutschen Reich und der katholischen Kirche im Juli 1933 geschlossene Konkordat sicherte auch die Daseinsberechtigung der katholischen Jugendverbände, doch das Regime versuchte mit allen Mitteln, deren Tätigkeit auf geistlich-seelsorgerische Belange zu reduzieren. Eine gleichzeitige Mitgliedschaft von Hitlerjugend (HJ) und katholischem Jugendbund war verboten.

Andererseits übten anfangs das noch sehr „bündisch“ ausgerichtete „Deutsche Jungvolk“ (die 10- bis 14jährigen in der HJ) und das dynamische, propagandawirksame Auftreten der HJ (der 14- bis 18jährigen) eine Anziehungskraft auch auf Mitglieder des ND aus, so dass sie überwechselten in der Hoffnung, – gewissermaßen mit staatlicher Förderung – ihre Tradition der Fahrten, der Lieder- und Heimabende zu bewahren. Gleichwohl kam es zu Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den überzeugten NDern, die auf ihre Selbstständigkeit pochten, und der Hitlerjugend, die ihren Alleinvertretungsanspruch durchsetzen wollte. Diese soll im Sommer 1933 im Beethoven-Gymnasium das Anschlagbrett des ND aus der Wand gerissen haben. Im März 1934 wurden dem katholischen Jugendverband das geschlossene Auftreten in der Öffentlichkeit und das Tragen der Bundestracht verboten.

 

Dresen achtete besonders auf die regelmäßige und pflichtgemäße Teilnahme am Schulgottesdienst. Als sich im Laufe des Jahres 1934 die Reihen wohl etwas lichteten, ermahnte er eindringlich seine Kollegen, diese verbindliche Schulveranstaltung schärfer zu kontrollieren, Versäumnisse ins Klassenbuch einzutragen und auf dem Zeugnis zu vermerken. Er selbst nahm sich der Fehlenden persönlich an, um sie auf ihre „Pflichtvergessenheit aufmerksam“ zu machen oder „noch schärfer“ gegen sie vorzugehen.

Da von 1934 an die Lehrer im Abitur „der Biologie eine besondere Aufmerksamkeit widmen“ mussten, ließ Dresen das Kollegium „Art und Abhaltung der Prüfung“ regeln. Sie dauerte meistens weniger als fünf Minuten (die kürzeste zwei Minuten) und beschränkte sich auf wenige Wissensfragen.

Allerdings musste der Schulleiter sich nach außen hin mit lauten Bekenntnissen zum neuen Regime anpassen. Sicherlich auch beeindruckt durch den auf Aussöhnung mit den alten Kräften des Reiches inszenierten „Tag von Potsdam“, hielt er bei einer Schulfeier in der Aula am 21. März 1933 es für eine „hohe christliche Pflicht als Staatsbürger, die Autorität der rechtmäßig bestellten Regierung anzuerkennen und sie mit kraftvollem Wollen in ihrem Handeln zu unterstützen“. Vielleicht durch einen diesbezüglichen Leserbrief im Bonner General-Anzeiger bewogen, bat Dresen schon eine Woche später das Provinzialschulkollegium um „Wiederanbringung“ der auf dem Speicher gelagerten drei Kaiserbilder, zumal die augenblicklichen „weißgelblichen Glasflächen sehr hässlich“ wirkten. Die Genehmigung kam postwendend und schon am ersten Schultag nach den Osterferien blickten die Schüler wieder auf die drei Hohenzollern, allerdings insofern falsch rekonstruiert, als die beiden seitlichen Figuren, Friedrich III. und Wilhelm II., der mittleren, Wilhelm I., nunmehr den Rücken zukehrten. Nach Aussagen Ehemaliger sind die Schüler nicht allzu sehr beeindruckt gewesen.

 

Aus Juristenkreisen soll Dresen im April 1933 die Information bekommen haben, dem “schwarzen Beethoven-Gymnasium“ drohten durch die NSDAP Versetzungen und Entlassungen. Mit den Religionslehrern und drei anderen Kollegen kam Dresen insgeheim am 27. April 1933 überein, dass diese – als „Geste“ gegenüber den Machthabern – in die Partei eintreten sollten, um solche Übergriffe zu vermeiden und keine Einstellung überzeugter Nationalsozialisten zu provozieren. Am 29. April 1933 meldeten sich die drei Kollegen auf dem Parteibüro zum Eintritt in die NSDAP, kurz bevor die Parteilisten für längere Zeit geschlossen wurden. In der Tat wurde nur ein Kollege im Herbst 1933 nach Siegburg versetzt.

Nach übereinstimmenden Aussagen Ehemaliger gab es neben dem Hausmeister nur zwei bedingungslose Anhänger des Regimes. Das Gebot, die Stunde mit dem „deutschen Gruß“ zu beginnen, versuchte das Kollegium nach den Sommerferien 1933 mit einer einheitlichen Regelung zu befolgen: Zu Beginn grüßte die Klasse zuerst, zum Schluss der Lehrer. Allerdings fügten sich die Lehrer in sehr unterschiedlicher Weise: Manche bewegten kaum die Hand, andere nuschelten bis zur Unkenntlichkeit die Begrüßung, einige wenige achteten auf einen korrekten Gruß. Die meisten Lehrer passten sich nach außen hin an. Auch die als Gegner des Regimes vermuteten Kollegen verhielten sich vorsichtig genug, um sich nicht zu kompromittieren. Ein Ehemaliger führte als Beispiel seinen Geschichtslehrer an, der in freiem Vortrag seinen Stoff darbot und erst in den letzten drei Minuten das Buch aufschlug, um schnell die amtliche Version zur Kenntnis zu bringen. Kein Ehemaliger konnte sich an ernste politische Auseinandersetzungen im Unterricht erinnern.

Auf der Konferenz am 4. September 1934 hielt Dresen eine feierliche Gedenkrede auf den verstorbenen Reichspräsidenten Hindenburg, die das Kollegium „stehend“ entgegennahm, und leistete mit allen Kollegen den Diensteid auf den „Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler“. Trotz aller vorsichtigen Anpassung musste sich Dresen am 4. April 1935 von seinen Kollegen verabschieden und die Leitung des Aachener Kaiser-Karl-Gymnasiums übernehmen, was er immer als eine Strafversetzung empfunden hatte. Durch seinen Eintritt in die Partei 1937 konnte er dort schließlich verhindern, dass ein überzeugter Nationalsozialist ihn ablöste.

 

8.2 Ideologische Ausrichtung von Unterricht und Schulleben

 

Im Einvernehmen mit der Partei folgte ihm am Beethoven-Gymnasium bis 1945 Matthias Bös, der am 13. Mai 1935 erstmalig die „Schulgemeinde“ in der Aula begrüßte und mit Wirkung vom 1. Oktober 1936 die endgültige Übertragung der Schulleitung durch den Minister erhielt. Bös, Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges, galt als „alter Kämpfer“, der einige Zeit vor der „Machtergreifung“ in die NSDAP eingetreten war. Nach übereinstimmenden Berichten aller Ehemaligen profilierte er sich im Innenleben der Schule nicht als äußerst konsequenter Anhänger der NS-Ideologie. Auch ehemalige Kollegen bescheinigten ihm nach 1945, Gymnasium und Lehrerschaft „ohne Kompromisse gegenüber den Nationalsozialisten klug und aufrichtig“ geführt zu haben. Die Berichte, die ein Spitzel im Kollegium der Kreisleitung der Partei lieferte, sollen dies bestätigt haben. Eine Namensänderung der Schule jedenfalls, in dieser Zeit ein häufiges Anliegen der überzeugten Parteimitglieder, hat Bös, der auf Bewahrung der Tradition und des Niveaus bedacht war, stets abgelehnt und dies auch durchgesetzt.

 

Der seit dem 4. Februar 1933 tätige B. Rust, preußischer Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung (ab 30. April 1934 auch Reichsminister) führte den Zentralismus im Schul- und Hochschulwesen ein und entzog den Ländern die Schulhoheit, um eine „totalitäre“ Erziehung von der Volks- bis zur Hochschule durchzusetzen. Von Beginn an versuchten Parteigremien und die vorgesetzte Behörde mit einer Flut von Erlassen, Vorschriften, Leitsätzen und Richtlinien (auf manchen der häufigen Konferenzen der ersten Jahre musste der Schulleiter 30 bis 40 Erlasse besprechen) eine ideologisch ausgerichtete Gestaltung des Unterrichts herbeizuführen, um die Schüler „im nationalen Sinne“ zu erziehen.

Die schulinternen Lehrpläne hatten die Lehrer nach den neuen Prinzipien „Nationalismus“, „Rassenkunde“ und „Führertum“ auszurichten. Neben Schulfunk- und besonderen „Schulfunkfeierstunden“ sollten regelmäßige Schulungsstunden (Staatsjugendtag) über aktuelle politische und ideologische Fragen und die neue Staatsauffassung gehalten werden – für Mittel- und Oberstufe in Form eines Unterrichts, für Sexta bis Untertertia (Klasse 5 bis 8) gemeinsam in der Aula. Jeder Lehrer war zu einer solchen Stunde verpflichtet, so dass ein erheblicher Aufwand für einen „festen Arbeitsplan“ nach abgesprochenen „Leitlinien“ betrieben werden musste. Die Schule wechselte dabei Tag und Stunde, damit nicht immer die gleichen Fächer betroffen waren. Gleichwohl musste sich die Konferenz schon nach einem Jahr mit den „Auswirkungen des Staatsjugendtages auf die Klassenleistung“ befassen.

Nichtarische Schüler“ konnten auf „Wunsch“ [!] der Stunde fernbleiben; ein Erlass regelte eigens die „Erziehung zur nationalsozialistischen Weltanschauung bei Gegenwart von Nichtariern“. Auf wie viele Schüler das auf dem Beethoven-Gymnasium zutraf, lässt sich nicht mehr ermitteln (nach der Statistik aus der Weimarer Zeit müssen es nur sehr wenige gewesen sein). Jedenfalls versuchten die Nationalsozialisten schon sehr früh, jüdische Schüler aus dem Klassenleben und den Klassenveranstaltungen auszuschließen. Seit 1934 durften sie nicht mehr an Schullandheimaufenthalten teilnehmen. Eine Nichtzulassung zur Reifeprüfung konnte immer drohen. Den endgültigen Ausschluss jüdischer Schüler regelten zahlreiche Erlasse nach dem Pogrom am 9. November 1938. Ein Ehemaliger aus der damaligen 8. Klasse (Stufe 12) erinnerte sich, nach dem 10. November einen jüdischen Mitschüler der Parallelklasse nicht mehr gesehen zu haben.

 

Einen noch größeren Aufwand bedeutete für die Schule die Einführung der dreiwöchigen „nationalpolitischen Lehrgänge“ in Jugendherbergen und Schullandheimen der Umgebung, zunächst für die Oberprimen (Stufe 13), seit 1935 für die Sekunden und Primen (Klassen 10 bis 13) (in der Regel auf Kosten der Eltern), so dass während dieser Zeit jeweils acht begleitende Lehrer im Unterricht vertreten werden mussten (die Teilnahme an diesen Lehrgängen hatte Vorrang vor allen HJ- oder SA-Veranstaltungen). Weiteren Ersatz erforderte die Teilnahme anderer Kollegen an nationalpolitischen Lehrgängen für Lehrer.

Da der neue Schulleiter das „Erlebnis des deutschen Menschen in seinem Lebensraum“ als Hauptziel der Schülerkurse vorgab, sollten sie intensiv „erdkundlich-volkskundlich, sinnlich-sportlich und erziehlich“ vorbereitet werden. Auf die besondere Beachtung der „Lagerzucht“ musste er wiederholt hinweisen. Nach der Rückkehr hatten die Teilnehmer den Mitschülern in der Aula über das Lagerleben zu berichten. Auf den Konferenzen folgten jeweils Schilderungen über die einzelnen Lehrgänge, über Unterkunft, „Gesundheitszustand, Beschäftigung, Eindrücke und besondere Erlebnisse“. Sodann beurteilten die Lehrer „Verhalten und Bewährung der Schüler“ und besprachen Fragen, „wie das Erlebte für den Unterricht ausgewertet werden“ konnte. Um die ideologische Ausrichtung zu intensivieren, wurden die nationalpolitischen Schulungslehrgänge seit 1936 vom Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) durchgeführt. Gleichzeitig erging die Anweisung, Beamte sollten ihre Kinder „öffentlichen Schulen anvertrauen und nicht in Kuratorien privater Schulen wirken“. Im Rahmen der vormilitärischen Ausbildung wurden schließlich größere Übungen in kampfähnlichen Situationen abgehalten, die die „wehrhafte Gemeinschaftserziehung“ der Schüler abrundeten.

 

Bös empfahl auch den Schülern, ihre Ferien in dem von den Alten Herren des Gymnasial-Turnverein (GTV) errichteten Landheim in Gemünd in der Eifel zu verbringen. Viele folgten dem Rat, auch wenn damals die Ausstattung – ohne fließendes Wasser – noch recht spartanisch war, und das Wasser für Haushalts- und Küchenzwecke mit einem Leiterwagen von einer 30 Meter unterhalb des Hauses gelegenen Pumpe geholt werden musste, die gleichzeitig der morgendlichen Waschgelegenheit diente. Die Aufsicht führten häufig Oberstufenschüler, darunter auch aktive oder ehemalige Mitglieder des „Bundes Neu-Deutschland“, die Wanderungen organisierten und mit ihren bündischen Liedern und Geschichten abends die Jüngeren unterhielten.

 

                

8.3 Die Hitlerjugend (HJ) als „konkurrierende Erziehungsinstanz

 

Im Unterricht mussten sich die Lehrer kritischer Bemerkungen über die politischen Veränderungen enthalten, um nicht von einigen ihrer Schüler angezeigt zu werden. Fanatische HJ-Schüler beschimpften 1933 in der „Fanfare“, dem „amtlichen Organ der Hitlerjugend“, Lehrer, die als Anhänger der Weimarer Demokratie galten, als „systemtreue“ Oberlehrer. Nachdem die Ausgabe der „Fanfare“ von einer „jugendfeindlichen Lehrerschaft“ (so die HJ) beschlagnahmt worden war, riefen diese HJ-Schüler zum „Kampfe gegen Bürgertum und Muckertum“ auf. Die „Revolution der ‚Jugend“ sei noch nicht beendet. „Drum“, so endete der Aufruf, „wer nicht beiseite stehen [will], dulde nicht dieses Wesen in der Lehrerschaft und: Werdet Aktivkämpfer!!“

Die „Mißhelligkeiten zwischen Schule und HJ“ entzündeten sich vor allem an dem Recht der Schüler, Anschläge an das Schwarze Brett der Schule zu heften, bis auch hier die Behörde verbot, „Plakate betr. Auseinandersetzungen, die nicht in die Schule gehören“, aufzuhängen. Vor allem gelang es dem Vertrauenslehrer der Hitlerjugend, Dr. Flad, durch sein unerschrockenes und dezidiertes Verhalten die Position der Schule zu stärken und Eskalationen zu vermeiden. Das Kollegium dankte ihm ausdrücklich für sein „mühevolles Arbeiten, insbesondere für korrektes Verhalten im Dienste von Zucht und Ordnung und der Erhaltung der Staatsautorität“.

 

Die Mitglieder des „Deutschen Jungvolks“ (10 bis 14 Jahre) mussten sich nach Ablegung ihrer „Pimpfenprobe“ im ersten Jahr (u. a. 60m-Lauf, Weitsprung, Ballweitwerfen; Tornisterpacken, Teilnahme an einer eineinhalbtägigen Fahrt, Kenntnis des Horst-Wessel-Liedes, usw.) auf das Leistungsabzeichen des „Deutschen Jungvolks“ vorbereiten. Bedingungen waren:

„I. Schulung (Leben des Führers, Deutschtum im Ausland, Abgetretene Gebiete, Feiertage des Deutschen Volkes, 5 Fahnensprüche, 6 HJ-Lieder);

  1. Leibesübungen (60m-Lauf, Weitsprung, Schlagballweitwerfen, Klimmziehen, Bodenrollen, 100m-Schwimmen, 1000m-Lauf);

III. Fahrt und Lager (Tagesfahrt 20 km mit leichtem Gepäck, dreitägiges Zeltlager, Zeltbau, Wasser kochen, Kenntnis der wichtigsten Baumarten, Einrichten der Karte nach den Gestirnen, Kenntnis der wichtigsten Kartenzeichen des Meßtischblattes 1:25000, Anschleichen und Melden;

  1. Zielübung (Luftgewehrschießen)“.

 

Die Hitlerjugend war mit der Aufgabe betraut worden, die Jugend neben Elternhaus und Schule „körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen“.

Schwierigkeiten bereitete den Lehrern in Unterricht und Schulleben der alltägliche Umgang mit der Hitlerjugend als einer „konkurrierenden Erziehungsinstanz“ (Bölling). Die Mitglieder der HJ hatten sowohl am Mittwoch- als auch am Samstagnachmittag aufgabenfrei (das „Jungvolk“ nur samstags). Darüber hinaus versuchten sie sich für die Teilnahme an Aktionen (Aufmärsche, offizielle Flaggenhissungen, Ehrenformationen, Sammlungen Winterhilfswerk, usw.), Veranstaltungen (regionale Parteitage, Reichsparteitag in Nürnberg) und Kursen (Führerkurse der Reichsjugendführung, Kurse für Unterbannschulungsleiter, Führerlehrgänge in der Gebietsführerschule in Mehlem, Sport- und Geländesportlehrgänge, usw.) öfter beurlauben zu lassen, bis schließlich die Behörde der Schule mit entsprechenden Erlassen den Rücken stärkte (Beurlaubung nur nach „Befragen“ der Schule und nach Maßgabe der Leistungen).   Die Lehrer waren aufgefordert, für die HJ zu werben, was sie mit sehr unterschiedlicher Intensität machten. Werbeplakate mussten gut sichtbar in der Klasse aufgehängt werden; an den Werbestunden hatten auch die Lehrer teilzunehmen. Die Schulen konkurrierten untereinander um die höchste Anzahl von HJ-Mitgliedern und das Recht, die HJ-Fahne feierlich hissen zu dürfen, worüber dann die Presse ausführlich berichtete. Den Behörden musste regelmäßig eine Mitglieder-Statistik geliefert werden.

 

Die häufigen Beurlaubungen und die besondere Beanspruchung der Schüler durch die HJ, vornehmlich nachmittags und am Wochenende, stellten sich für die Lehrer sogleich als Problem der Leistungsbeurteilung dar. Wenn auch für die Partei die HJ wichtiger war als die Schule, konnte sich im Allgemeinen die Tendenz durchsetzen, für die Zensurengebung die tatsächliche Leistung zu Grunde zu legen. Aber schon 1934 wurde bei der Versetzungskonferenz berücksichtigt, wenn ein Schüler durch seine Tätigkeit in der HJ „in seinem Studium stark gehemmt war“. Ein Obersekundaner (Stufe 11) erhielt die Versetzung nur „wegen seiner aufopfernden Betätigung in der SA und in der sicheren Erwartung, daß er im nächsten Jahre sich mit größerem Eifer seinem Studium widmen“ werde.

Seit 1935 enthielten die Zeugnisse eine „allgemeine Beurteilung des körperlichen, charakterlichen und geistigen Strebens und Gesamterfolges“, so dass sich die Klassenlehrer schon zeitig über eine Formulierung mit den Fachlehrern zu einigen suchten. Für das Abitur 1935 mussten die Klassenlehrer ein Verzeichnis aufstellen, das die „in der SA, SS usw. tätigen Schüler“ enthielt. Bei ihrer Charakteristik der Primaner sollten sie neben der geistigen Eignung und körperlichen Beschaffenheit ihre „Einstellung zum Staat und Zugehörigkeit zu nationalen Verbänden“ beschreiben. Ab Schuljahr 1935/36 hatten die Klassenlehrer in das Schülerverzeichnis der Klassenbücher einzutragen, welchen Jugend-, vaterländischen und sportlichen Vereinen bzw. Verbänden die Schüler angehörten. Um eine übermäßige Doppelbelastung zu vermeiden, wurden 1936 die Abiturienten ein halbes Jahr vor der Reifeprüfung vom HJ-Dienst befreit. Die Schulleiter mussten im Juni 1936 über die Auswirkungen der Beurlaubungen zu Führer-Schulungslehrgängen berichten, ob es etwa „Störungen des Unterrichtsbetriebes“ oder nachteilige Folgen für die Leistungen der entsprechenden Schüler gebe.

Am 8. Februar 1941 kam es sogar zu einem Abkommen über „Schule und Hitlerjugend“, dass die Nachmittage grundsätzlich nicht der Schule, sondern der HJ und dem Elternhaus zur Verfügung ständen. Wenn die Schule an Nachmittagen aus besonderen Gründen (z. B. Vorbereitung für Schulfeiern) Schüler benötigte, musste sie „ordnungsgemäß Urlaub vom HJ-Dienst beantragen“. Pflichtsport, Wehrertüchtigung, Wettkampfsport und alle Sportveranstaltungen, die am Nachmittag lagen, gehörten ausschließlich in den Arbeitsbereich der HJ.

 

Bös wies gleich nach seinem Amtsantritt auf die Verpflichtung der Lehrer hin, für den Eintritt in die Staatsjugend zu werben. Von den „geistlichen Herren“ werde erwartet, jede Werbetätigkeit für konfessionelle Verbände zu unterlassen. Wiederholt forderte er seine Kollegen auf, dem NSLB beizutreten, und erinnerte sie an die Verpflichtung, im Rahmen ihres Unterrichts „die Auswahl und vor allem die Ausrichtung des Lehrstoffes im Geiste der NS-Erziehung in die Hand“ zu nehmen. Schon Mitte 1934 war fast die Hälfte der Schüler in die HJ, das Jungvolk oder die SA eingetreten, nicht immer aus Überzeugung. Die Befreiung von der Schulgeldzahlung z. B. hing von der Mitgliedschaft in der HJ ab; ältere Schüler fürchteten um ihre Hochschulreife. Laut Statistik Anfang 1936 gehörten 77,7 % den vaterländischen, 9,2 % den katholischen kirchlichen Verbänden an. Ein Jahr später verpflichtete der Schulleiter noch einmal nachdrücklich die Klassenlehrer, die restlichen Schüler zum Eintritt in die nationalen Verbände zu bewegen, deren Zugehörigkeit „auf einem besonderen Bogen“ festzustellen war. Bös wollte auch möglichst keine Schüler aus Klosterschulen neu aufnehmen, weil diese „zu leicht die Klassengemeinschaft sprengen“ würden und außerdem fast alle keiner NS-Organisation angehörten. Seit 1937 verordnete Bös der HJ, bei hochoffiziellen Feierstunden in der Aula („Machtübernahme“ am 30. Januar; „Heldengedenktag“ Mitte März; „Führergeburtstag“ 20. April – an diesem Tag die Lehrer „in dunklem Anzug“) Uniform zu tragen. Ab 1939 teilte er nur noch „den Schülern“ mit, wann sie in Uniform zu erscheinen hatten, – ein Indiz dafür, dass wohl die meisten der „Staatsjugend“ beigetreten waren.

 

Zu dieser Zeit waren allerdings einige ehemalige übergetretene NDer und Bündische wieder auf Distanz zur Hitlerjugend gegangen, da sie den Vorrang des Politischen, die übermäßige militärische Disziplin und Unterordnung sowie die totale staatliche Kontrolle ablehnten. Sie trafen sich mit denen, die von der HJ ausgeschlossen und die noch im katholischen Jugendverband geblieben waren, zu Heimabenden und Fahrten und führten ein von der Staatsjugend unabhängiges, „privates“, d.h. illegales Gruppenleben, als „bündische Umtriebe“ gebrandmarkt und von der Polizei verfolgt. Eine dieser Gruppen um den Studenten Günter Platz, die Abiturienten (1939) des Beethoven-Gymnasiums Edgar Lohner und Helmut Giesen (mit Michael Jovy vom Aloisius-Kolleg), trieb bewusste illegale politische Opposition und wurde 1939 verhaftet und zu Zuchthausstrafen verurteilt. Seit 1941 muss die Begeisterung für den vielfältigen und ständigen HJ-Dienst unter den Schülern des Beethoven-Gymnasiums nachgelassen haben. Am 5. Januar 1942 erging eine Anweisung an den Schulleiter, von allen Klassen Listen mit der Zugehörigkeit der jeweiligen HJ-Formation (Allgemeine HJ, Flieger HJ, Motor HJ, Marine HJ, Nachrichten HJ) an den Bannführer der Bonner HJ zu schicken; Stichproben hätten nämlich ergeben, dass sich „Schüler vor dem HJ-Dienst drücken“ würden.

 

8.4 Schulveranstaltungen zur Festigung des „neuen Geistes

 

Seit 1935 unterbrachen in zunehmendem Maße ideologisch ausgerichtete Veranstaltungen in Form von Rundfunkansprachen, Vorträgen, Filmen usw. den normalen Rhythmus des Unterrichtsalltages. Zur Teilnahme an den „hochoffiziellen“ Feiern (meist in der Aula) – auch an schulfreien Tagen – waren Lehrer und Schüler verpflichtet. Den Anfang machte der 30. Januar, der „Tag der Machtergreifung“, an dem auch meistens der Gründung des „Zweiten Reiches“ (18. Januar 1871) gedacht wurde; nach dem Orchesterspiel sangen alle gemeinsam den „Fahneneid der HJ“ (2 Strophen) und „Hört ihr es grollen durch Straßen und Gassen“ (1 Strophe). Zum „Heldengedenktag“ (Volkstrauertag), in der Regel der zweite oder dritte Sonntag im März, fand tags zuvor in der Aula eine „Heldengedenkfeier“ statt: Das gemeinsame Lied „Der Tod in Flandern“ und Händels „Largo“ des Schulorchesters umrahmten die Ansprache eines Lehrers. Seit 1940 gewann dieser Tag zunehmende Bedeutung, ergänzt durch häufiger sich wiederholende „Gedächtnisfeiern“ für den „Heldentod“ von Mitschülern, ehemaligen Schülern sowie von Lehrern (Trauermarsch von Beethoven, Ansprache des Direktors, das Lied vom „guten Kameraden“, Ende der Gedenkstunde durch das Deutschlandlied). Der 20. April, „Führergeburtstag“, wurde in der Regel mit Gesang und Orchesterspiel in der Aula gefeiert. 1936 gingen alle Schüler nach der zweiten Stunde zur Parade zum Frankenplatz. Am 1. Mai trafen sich Lehrer und Schüler morgens auf dem Hof, um dann „geschlossen“ zu dem jeweiligen Versammlungsort zu „marschieren“.

Darüber hinaus gab es noch eine Reihe anderer regelmäßiger ein- bis zweistündiger Veranstaltungen in der Aula: die „volksdeutsche Feierstunde“ im September zum „Tag des deutschen Volkstums“; der 9. November („Hitlerputsch“ 1923 in München); der „Tag der Hausmusik“ im November; die „Feierstunde des VDA“ (Verein der Deutschen im Ausland); seit 1939 die Verabschiedung der Schüler zum Wehrdienst. Ab 1936 häuften sich Vorträge (meist für die Mittel- und Oberstufe) über die ehemaligen Kolonien in Afrika, aber auch über die „Wehrtradition der Deutschen im Südosten“, ergänzt seit 1937 durch Werbeveranstaltungen für die Oberstufe von Vertretern des Heeres, der Marine und der Luftwaffe.

Der Rundfunk gewann zunehmend an Bedeutung, auch die Schüler propagandistisch zu beeinflussen, zumal in den ersten Jahren der NS-Zeit nur ein Teil der Eltern ein Gerät besaßen. Besondere Ansprachen Hitlers, Görings und anderer Parteigrößen oder Reportagen zu wichtigen politischen Ereignissen (z. B. Ergebnis der Saarabstimmung 1935, Eröffnung des „Winterhilfswerkes“ 1935, Kundgebungen vom Nürnberger „Reichsparteitag“ 1936, Empfang der „Legion Condor“ 1939, usw.) hörten Lehrer und Schüler gemeinsam in der Aula. Nach dem abgeschlossenen Überfall auf Polen wurden die Schüler am 6. Oktober 1939 nach der vierten Stunde sogar nach Hause geschickt, um die „Führerrede“ vor dem Reichstag hören zu können, – ein Indiz, dass wohl die meisten Haushalte einen Volksempfänger besaßen; „Schüler mit schlechten Zugverbindungen“ sollten zu einem Klassenkameraden in Bonn gehen.

Der Besuch der „nationalpolitischen“ Filme, für Schüler und Lehrer „streng verpflichtend“, spielte seit 1935 eine immer größere Rolle: – 1935 „Triumpf des Willens“ und „Hände am Werk“, dieser „ein hohes Lied der deutschen Arbeit“: Er führte „in die Schächte, an die Hochöfen, zum Bau der Autobahnen“, er zeigte „den Bauern, den Winzer, den Flößer, den Handwerker bei der Arbeit“. Die Schüler sollten das „einige Zusammenwirken der schaffenden Hände zum Wohle des Vaterlandes“ sehen. Mit der Rede Hitlers zu den „schaffenden Deutschen“ schloss der Film. – 1936 „Choral von Leuthen“; – 1937 „Jugend der Welt“, „Sport und Soldaten“; „Verräter“; „Wolkenstürmer“; „Tag der Freiheit“; „Tannenberg“. – 1938 „Unternehmen Michael“; „Olympia“; – 1939 „Olympia“ (2. Teil); „Sudetendeutschland“; „Afrikaforschung“; – 1940 „Feldzug in Polen“; – 1941 „Der Sieg im Westen“. Um zu dem „Metropoltheater“ (Markt) und den „Kammerlichtspielen“ (Meckenheimer Straße) zu gelangen, mussten sich die Schüler – je nach Filmbeginn – nach dem Klingelzeichen auf dem Hof aufstellen und „in geschlossenem Zuge im Gleichschritt“ zum Kino gehen und „nachher ebenso zurück“. Den Klassen, „die etwa keine Marschordnung einhalten“ konnten, wollte Bös seine „Aufmerksamkeit zuwenden“.

 

Weitere vormittägliche Veranstaltungen „außer Haus“ waren Konzerte in der Beethovenhalle (für die Oberstufe), das „Deutsche Jugendfest“ (mit der abendlichen „Sonnenwendfeier“), Sportwettkämpfe, „Empfang der Wehrmacht“ oder etwa der „erste Spatenstich für das Jugendheim der Bonner HJ“ mit anschließender angeordneter Gedenkfeier (6. März 1936). Kamen wichtige Persönlichkeiten nach oder durch Bonn, mussten die Schüler „Spalier“ stehen: z. B. 1935 beim Besuch Görings die a-Klassen auf der rechten Seite, die b-Klassen auf der linken Seite der Poppelsdorfer Allee; 1936 bei Goebbels (ohne die jüngeren Schüler) und nochmals Göring; 1938 beim „Kommandeur der faschistischen Miliz“, General Russo (auf der Schulseite der Koblenzer Straße). Zur Begrüßung der „Schnellboote“ sollten sich die Schüler (20. Juli 1937) auf Wunsch des Oberbürgermeisters „spalierbildend am Rheinufer“ aufstellen (anschließend fiel der Unterricht „wegen der Hitze“ aus).

Darüber hinaus gab es unterrichtsfrei wegen der Reifeprüfungen, der Abiturientenentlassung, wegen zu großer „Hitze“ oder „Schwüle“ (Sommer 1936 und vor allem 1937), für wichtige Mitteilungen bzw. Anordnungen an alle Schüler in der Aula, – vornehmlich am letzten Schultag vor den Ferien mit anschließender „Flaggenehrung“ auf dem Schulhof. Es gab sogar 1939 schulfrei am Tag nach Himmelfahrt, weil die Lehrer „als Zähler“ für die Volkszählung tätig waren.

Dass bei den vielen „Außeneinsätzen“ Schüler sich auch schon einmal heimlich aus der Gruppe „verabschiedeten“, sollte nicht weiter verwundern. Ganz empört schrieb der Schulleiter am 20. April 1936 in das Mitteilungsbuch: „Ich habe von dem unglaublichen Verhalten einiger Schüler gehört, die sich bei früheren gemeinsamen Abmärschen zu Rad oder zu Fuß einzeln entfernten. Ich werde gegen solche Leute auf das strengste vorgehen“. Auch schärfte er den Mitgliedern der HJ und des Jungvolkes ein, nicht „den Dienst als Ausrede“ zu gebrauchen, „um sich vor den Schularbeiten zu drücken“. Desgleichen versuchte er bei den vielen Sammlungsaktionen (z. B. für das Winterhilfswerk) die Aufgabenfreiheit mit der Anweisung einzuschränken: „Wenn der Dienst noch Zeit zur Arbeit läßt, wird die Arbeit, soweit es möglich ist, erledigt. Das grundsätzlich für alle Fälle“.  

 

Selbst wenn bei den vielen Veranstaltungen vorher und/oder nachher noch Unterricht stattfand, so litten nicht nur einige Fächer besonders unter punktuellem Ausfall, sondern auch Konzentration und Aufmerksamkeit der Schüler bei den häufigen Unterbrechungen. Die Lehrer kämpften mit der Schwierigkeit, die Stoffpläne zu erfüllen, zumal sie im Anschluss an die Rundfunkübertragungen, Vorträge und Filme im Unterricht das jeweilige Thema noch einmal „auswerten“ mussten. So sollte z. B. 1933 die Behandlung „auslandsdeutscher Fragen“ in Deutsch, Religion, Geschichte, Erdkunde und in den neueren Sprachen vorgenommen werden. 1934 mussten drei Monate lang je drei Klassen gleichzeitig den Stoff für die „Saarfrage“ (Abstimmung für Deutschland oder Frankreich) in Deutsch, Erdkunde und Geschichte durchnehmen. Im Mai 1937 ordnete der Schulleiter an, „den Muttertag in den Deutschstunden in der herkömmlichen Weise zu begehen und dabei neben Würde und Wert der Mutter“ auch die „fördernde Sorge des Staates um Mutter und Familie zu behandeln“. Für die Volksabstimmung am 10. April 1938 zur „Wiedervereinigung Österreichs mit dem Reich“ legte er auf den Konferenztisch eine Mappe mit entsprechendem „Material“, mit dem „in allen Stunden in diesem Sinne“ zu arbeiten war.

Der Erlass vom 16. April 1940 verpflichtete „sämtliche Lehrer“, die Übertragung der „14tägigen Ansprachen“ (von Parteigrößen) mit den Schülern in der Aula zu hören und anschließend im Unterricht „auszuwerten“. Anlässlich der Ausstellung „Seefahrt ist not!“ im März 1941 bat Bös die Kollegen, „im Unterricht, namentlich in Deutsch und Geschichte, den Seefahrtsgedanken“ durchzusprechen. Neben einer „Auswertung in Aufsatz und Lehrgespräch“ sollten noch in Frage kommen: „Vorträge von Lehrern und Schülern, Zusammenfassung von Lesestücken und Gedichten nach dem Lesebuch und anderen Quellen, freie Berichte über Seefahrten, Bastelarbeit, Dienste in der Marine-HJ, usw.“

Eine solche „Indienstnahme“ (Bölling) des Unterrichts durch das Regime spiegelte sich auch in den Abiturthemen für den Deutschaufsatz wider, der vorher in Deutsch, Geschichte oder Biologie der Abschlussklasse entsprechend vorbereitet worden war: „Die Volksgemeinschaft in ihrer Bedeutung für den Staat“ (Herbst 1934); „Vom deutschen Partikularismus zur nationalen Einheitsfront“ (Herbst 1935); „Wie sucht unsere Staatsregierung die deutsche Wirtschaftskrise zu überwinden“ (Herbst 1936); „Leben als Kampf“; „Arbeit als Dienst“; „Auslandsdeutschtum als Aufgabe“ (Herbst 1937); „Was tat der nationalsozialistische Staat für die Erziehung des deutschen Menschen?“ (Herbst 1938); „Hans Grimmes ‚Volk ohne Raum’, ein Buch von deutscher Not und deutscher Wandlung“, – um nur einige Beispiele damaliger „Gesinnungsbildung“ zu nennen.

 

  • Neugliederung des Schulwesens 1937/1938: Das altsprachliche Gymnasium als Sonderform der „Deutschen Oberschule

 

Mit der Neugliederung des Schulwesens 1937/38 endete die Typenvielfalt des Gymnasiums. Es gab nur die „Deutsche Oberschule“, getrennt für Jungen und Mädchen, (mit Englisch als erster und, für Jungen, Latein als zweiter Fremdsprache) sowie als vereinzelte „Sonderform“, deren Rolle und Bedeutung immer mehr abnahm, das altsprachliche Gymnasium mit Latein ab Sexta (nach den neuen Bezeichnungen Klasse 1, heute Klasse 5), mit Griechisch nunmehr ab Quarta (Klasse 3, heute Klasse 7) und Englisch ab Untertertia (Klasse 4, heute Klasse 8). Die Entchristlichung der Schule und Ablehnung des „neuhumanistischen Bildungsideals“ fanden ihren entsprechenden Ausdruck in den begleitenden Erlassen, die den „durch Blut und geschichtliches Schicksal bestimmten deutschen Menschen“ als Erziehungsziel der „völkischen Weltanschauungsschule“ vorschrieben.

Fortan bildete Deutsch zusammen mit Geschichte, Erdkunde, und den künstlerischen Fächern eine „enge geschlossene Gruppe“, in der die „neue Geistesrichtung der Nation“ zum Ausdruck kommen sollte; auf den Zeugnissen standen, nach den „Leibesübungen“, diese Fächer unter dem Begriff „Deutschkunde“ an zweiter Stelle. Dann folgten „Naturwissenschaft und Mathematik“ in der Reihenfolge Biologie, Chemie, Physik, Rechnen und Mathematik, wobei besonders dem Biologieunterricht die Aufgabe zufiel, die „ewigen Gesetze des Blutes und der Rasse“ aufzuzeigen. Die „Fremdsprachen“ Latein, Griechisch, Französisch, Englisch (Wahlfach) kamen an vierter Stelle. Ganz zum Schluss war „Religionslehre“ auf dem Zeugnis aufgeführt. Diese wurde bald nur bis zur 4. Klasse (heute 8. Klasse) unterrichtet; an einem Glaubensunterricht konnten die katholischen Schüler im nahe gelegenen Theologenkonvikt „Collegium Albertinum“ teilnehmen.

 

Mit der Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre fielen Ostern 1937 3000 Klassen in Preußen fort, doch die Lehrer blieben „alle erhalten“, denn die Reform dürfe nicht „auf Kosten des Nachwuchses durchgeführt werden“. Weil jedoch das Griechische in Quarta (Klasse 3, heute 7. Klasse) an die Stelle des Französischen getreten war, meldeten sich am Beethoven-Gymnasium weniger Schüler für die Sexta-Aufnahmeprüfung an; außerdem verließen eine Reihe Schüler die kommende Quarta, so dass die Schülerzahl von 520 (1936) auf 470 (1937) sank.

Einschneidende Folgen hatte die Reform für die laufende Unterprima (Klasse 8, heute Stufe 12) als plötzliche Abschlussklasse. Der Unterricht dürfe, so Bös, nicht „in einer Art Paukerei ausarten“; eine Überlastung durch Hausaufgaben (nicht mehr als 2 ½ Stunden) und eine „Stoffhuberei“ durch ausschließlichen Lehrervortrag seien zu vermeiden. Nur in Geschichte müsse das „Pensum“ „unter allen Umständen“ bewältigt werden. Die schriftlichen Arbeiten waren „möglichst kurz“ zu gestalten: in Deutsch 2 bis 3-stündig, in den anderen Fächern einstündig. Doch im Abitur wurde diese Unterprima (mit der auslaufenden Oberprima) nur mündlich geprüft: in Deutsch oder Geschichte oder Erdkunde, in Leibesübungen und in Biologie als Pflichtfach; gleichwohl sollte dieses Abitur eine „Leistungs-, keine Scheinprüfung“ sein.

 

8.6 Der „deutsche Mensch“ im Geist des „neuen Deutschlands“ als Ziel des Unterrichts

 

Auf den folgenden Konferenzen stellte Bös den „neuen Geist als das Wesentliche der Reform“ heraus und gab für die Unterrichtspläne allgemeine Grundsätze vor:

„I. Äußerlich geboten: Stoffbegrenzung und Auswahl. Besonders in den oberen Klassen alles Entbehrliche fortlassen.

  1. Innere Ausrichtung: Der deutsche Mensch im Geist des neuen Deutschlands;
  2. a) es kommt auf das Wie an, nicht auf das Was,
  3. b) es ist aber nötig, mit den Lebenden Schritt zu halten. Das gute Alte muß in neuer Sicht geboten werden, manches Alte aber muß verschwinden, um gutem Neuen Platz zu machen“.

Wegen der verringerten Stundenzahl sollten die Kollegen vorsichtig bei der Belastung der Schüler sein: „Helfen und aufmuntern, nicht meckern und niederdrücken, aber unbedingte Ehrlichkeit“ gab der Schulleiter als Motto aus. Seit Ostern 1939 musste darüber hinaus das Beethoven-Gymnasium eine Eingangsklasse der überfüllten städtischen Oberschule (heute Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium, mit Englischbeginn) übernehmen, bei der auf der ersten Zeugniskonferenz sämtliche Lehrer zu der Überzeugung kamen, dass die Leistungen der Schüler „erheblich unter den Leistungen der beiden (BG) Parallelklassen bzw. der sonst in den 1. Klassen gewohnten Leistungen“ lägen.

 

Den am Beethoven-Gymnasium tätigen Referendaren bescheinigte Bös zwar eine „meist sehr gute“ wissenschaftliche Ausbildung, doch zeigten sich „infolge zu spezialisierter Ausbildung“ im Unterricht „große Lücken“. Diese galt es im ersten Jahr zu schließen, wobei er empfahl, „Hitlers ‚Kampf’, Rosenbergs ‚Mythos’ und das Werk eines bedeutenden Erziehers“ für die Unterrichtsvorbereitung näher zu behandeln. Bei der gleichzeitigen Neuordnung der wertvollen Bibliothek, in die sich, ohne Verschulden des jetzigen verantwortlichen Kollegen, „Mißstände im Laufe der Jahrzehnte“ eingeschlichen hätten, sollte auf Anweisung von Bös „ausgeschieden werden, was nicht hingehört“; „historische und neuzeitliche Werke“ mussten getrennt stehen. Voller Selbstbewusstsein konnte Bös Anfang November 1938 eine Buchausstellung in der Schule präsentieren, die einen „fast geschlossenen Kreis der humanistischen Schulbildung seit Mitte des 15. Jahrhunderts“ (General-Anzeiger 2. November 1938) darbot.

Zur „Woche des Buches“ 1940 mit dem Motto „Buch und Schwert“ ließ Bös in Vitrinen Frühdrucke „aus den Anfängen der Buchdruckerkunst“ (u. a. Albertus Magnus 1477, Streitschriften von Luther) und alte illustrierte Ausgaben von lateinischen und griechischen Klassikern ausstellen. Auf den Auslagetischen war unter dem Titel „Der Kampf des deutschen Buches“ u. a. zu sehen: 1. „Heldenkampf der germanischen Ahnen und der deutschen Ritterzeit. 2. Das ruhmreiche preußische Heer und der Freiheitskampf. 3. Der Heldenkampf des deutschen Volkes … 6. Wehrwissen und Wehrwillen … 8. Erziehung zur Leibestüchtigkeit und zum Nationalsozialismus“. Nicht minder stolz schrieb Bös am 15. Oktober 1941 in das Mitteilungsbuch: „Heute vor 50 Jahren fand der festliche Einzug in dieses Haus statt“. Im Anschluss an eine Feierstunde in der Aula durften die einzelnen Klassen im Zeichensaal eine Ausstellung besichtigen, die „Erinnerungen aus diesen 50 Jahren“ zeigte.

 

Bei der Umsetzung der Reform und der Ausarbeitung neuer Anstaltslehrpläne bat der Schulleiter die Kollegen um „kameradschaftliche Zusammenarbeit“, an der es nach seinem Selbstverständnis offenbar haperte. Um die Stimmung zu verbessern und eine allgemeine Akzeptanz des „neuen Geistes“ zu erreichen, versuchte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit „Kameradschaftsabende“ (in der „Lese“ oder im Gasthaus „Hähnchen“) abzuhalten, deren vollständige Teilnahme er als „Ehrensache“ ansah. „Persönliche Mißhelligkeiten“ dürften „niemals den dienstlichen Verkehr und auch nicht den gleichfalls für den Dienst richtigen geselligen Verkehr stören“. Mit großem Missfallen beobachtete er das Fehlen einiger Kollegen bei der „Flaggenehrung“ auf dem Schulhof (z. B. am letzten Schultag vor den Ferien); die Teilnahme sei eine dienstliche Verpflichtung. Von 1938 an sprach er keine Beurlaubung mehr von „nationalen Feiern“ aus. Zu Beginn des Krieges erwartete er vom Kollegium, dass die „opferfreudige Bereitwilligkeit der Amtsgenossen alle in der Kriegszeit auflaufenden Schwierigkeiten überwinden“ werde.

 

8.7 Schulalltag unter den Bedingungen des Krieges

 

Für den seit 1937 eingerichteten Luftschutzdienst mussten sich die Lehrer als Melder, Ordner und Feuerwehrleute, von einigen Schülern assistiert, zur Verfügung stellen; die Töchter des Hausmeisters sollten sich als Sanitäterinnen ausbilden. Luftschutz wurde geübt und häufig auf den Konferenzen besprochen. Wiederholt mussten nach Kriegsbeginn die Bedienung der Luftpumpen und das Aussteigen durch die Notausgänge geprobt werden. Eine Reihe von Schülern war 1940 als Melder im Luftschutzdienst tätig: Die 8. Klassen (Stufe 12) stellten 5, die 7. Klassen (Stufe 11) 10; die 6. Klassen (Klasse 10) 10, die 5. Klassen (Klasse 9) 3 und die 4a (Klasse 8) stellte 1 Melder. Die abwechselnd für den Vormittag Eingeteilten waren bei Alarm sofort aus dem Unterricht zu entlassen. Auf die Schüler, die nachmittags bzw. in der Nacht Dienst hatten, sollte „gebührende Rücksicht“ genommen werden. Allerdings durften „Ersatzleute“ gestellt werden, wenn einem Schüler das Schulversäumnis für die Versetzung „gefährlich“ werden könnte. Recht optimistisch glaubte zu dieser Zeit der Schulleiter noch, dass die „Einberufung“ der Melder nicht lange dauere. Die Luftschutzräume des Beethoven-Gymnasiums, deren notwendige Geräte vollständig vorhanden und in Ordnung waren, wurden anfangs als vorbildlich eingestuft, so dass die Schule seit 1941 zum „erweiterten Selbstschutz“ gehörte.

 

Schon im Februar 1939 musste die vorher beschlagnahmte Turnhalle (deren eiserne Klettergerüste und Hanteln – zusammen mit dem Eisengitter des Vorgartens – gerade verschrottet waren) geräumt werden. Das Turnen fand in der Aula oder, soweit es das Wetter zuließ, an den Geräten auf dem Schulhof statt. Da die Stadtverwaltung das Gebäude des Beethoven-Gymnasiums – als einziges unter denen der Bonner höheren Schulen – „als für militärische Unterkünfte geeignet“ benannt hatte, war es bei Kriegsbeginn mit einer Einquartierung bedacht: Die Turnhalle diente als Getreidespeicher; Aula, Seminar und Keller beherbergten die Feldpost; ein Divisions-Nachschub-Stab saß im Zeichensaal, die Flak, die ein Geschütz auf dem Dach des Gebäudes in Stellung gebracht hatte, im Klassenraum der 8c; die Feldküche schlug ihr Quartier auf dem Schulhof auf. Nach Abzug des Stabes und der Feldküche konnte die Flak in den Zeichensaal umziehen. Das Lehrerseminar, dessen Bücherei z. T. in das Oberstudienratszimmer verlegt wurde, hielt im Biologiesaal seine Sitzungen ab.

Wegen der Einquartierung musste die „Hausordnung mannigfach gelockert“ werden. Die Lehrer sollten die Aufsicht besonders genau führen und vor allem verhindern, dass die Schüler in dem auf dem unteren Flur lagernden Stroh spielten. Der Schulleiter sah in den sich häufenden Eintragungen in die Klassenbücher ein „bedenkliches Nachlassen der Schulzucht“ und ersuchte die Kollegen, „die Zügel besonders straff anzuziehen“. Er wollte den „Geist der Ordnung in kameradschaftlicher Weise“ wahren und beauftragte, wie schon einmal 1936, Schüler der Abschlussklassen „mit der Unterstützung der aufsichtführenden Lehrer“ auf dem „Hof und im Hause“; ihren Weisungen sei Folge zu leisten, „Widersetzlichkeiten“ werde er als „Widerstand gegen die Anordnungen des Direktors bestrafen“.

 

Schon im Januar 1940 gab der Schulleiter den Kollegen zu verstehen, den „mannigfachen Störungen durch die Kriegsverhältnisse“ Rechnung zu tragen. Die Lehrer sollten ihre Anforderungen „auf die Zeit“ einstellen; in manchen Fächern werde das Unterrichtsziel „kaum“ erreicht werden können. Wegen der Einberufung der Fachlehrer sei eine Beurteilung der Leistung in Musik, Kunst und Biologie schwierig. Die Versetzungskonferenz müsse jedenfalls auf die „besonderen zeitgegebenen Verhältnisse (Einquartierung, Einberufung des Vaters zum Heeresdienst, Abgang der Schüler ins Berufsleben, usw.) Rücksicht“ nehmen.

Darüber hinaus wies Bös die Lehrer an, im Unterricht, vor allem in Deutsch, Geschichte und Erdkunde, die „brennenden Tagesfragen“ mit den Schülern zu besprechen. Nach der Besetzung Dänemarks und Norwegens und dem Beginn des Westfeldzuges wurde dem Kollegium zur Pflicht gemacht, bei der „Fülle der unglaublichen Zeitereignisse die Schüler bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die großen Jahresereignisse hinzuweisen, um die Gefühle der Begeisterung zu stärken und zu wecken und Stolz und Dank gegenüber dem Führer“ und dem „siegreichen Heer“ bei der Jugend zu erzeugen.

 

Die Verschiebung des ursprünglich auf den 25. August 1940 festgelegten Endes der Sommerferien durfte durch die Zeitungen nicht veröffentlicht werden. Der Schulleiter musste alle Kollegen und Schüler über den geänderten Beginn des Unterrichts am 16. September mit der Post benachrichtigen, was zu einigen Pannen führte. Die Herbstferien fielen aus; Zeugnisse gab es am 30. November 1940. Bei nächtlichem Fliegeralarm hatten im Sommer 1940 die Anordnungen des Schulleiters für den Unterrichtsbeginn noch geschwankt (um 9 Uhr bei 35minütigen Stunden, gelegentlich erst um 10 Uhr), im Oktober dann um 10 Uhr, wenn es zwischen 20 und 6 Uhr Alarm gegeben hatte; die anschließenden vier Kurzstunden dauerten 40 Minuten. Ab 4. November 1940 begann die Schule schließlich, ob nachts Alarm oder nicht gewesen war, im Winter um 9.30 Uhr (von Frühjahr bis Herbst um 9 Uhr) bei fünf 40minütigen Unterrichtsstunden und einer Hofpause. Ab 1941 wurde der Versetzungstermin von Ostern auf den Sommer verlegt. Einen Monat nach den Weihnachtsferien schlossen vom 12. Februar bis zum 21. Februar 1942 die Bonner Schulen, „um Kohlen zu sparen“; nur die vier Abiturienten des Beethoven-Gymnasiums hatten „planmäßig“ Unterricht. Warum sich Bös allerdings durch deren „Verhalten“ veranlasst sah, die Abschiedsfeier noch am vorgesehenen Tage (31. März 1942) abzusagen, entzieht sich unserer Kenntnis.

 

Wiederum musste der Lehrplan in einigen Fächern zusammengestrichen werden. Unterrichtsstoff und Anforderungen bei den schriftlichen Arbeiten waren den „Zeitumständen“ und der „augenblicklichen Verkürzung der Unterrichtszeit“ anzupassen. Das Gleiche galt bei der Beurteilung zu den Zeugnissen am 30. November 1940, wobei vor allem der „Hilfsdienst, dem manche Schüler in wirklicher Aufopferung monatelang Freizeit, Ferien, ja Nachtruhe geopfert“ hatten, berücksichtigt werden sollte. Ein „Zurückweisen“ der Schüler der Eingangsklassen zur Volksschule kam unter diesen Umständen nicht in Frage. In den Versetzungskonferenzen wurde bei manchen Schülern beraten, ob sie trotz Minderleistungen doch noch versetzt werden könnten, wenn der Vater „im Felde“ stand oder bei dem Schüler z.B. eine „verdienstvolle Arbeit als Fähnleinführer“ vorlag. Nur „völliges Versagen in drei wichtigen Fächern“ schloss eine solche Berücksichtigung aus. Andererseits warnte Bös seine Kollegen, Gefälligkeitsnoten zu geben: Ihm seien in letzter Zeit Fälle zu Ohren gekommen, dass „Schülereltern Lehrer durch Lebensmittelmarken, Lebens- und Genußmittel günstig zu stimmen suchten“. Das verstoße nicht nur gegen die „Standesehre“, sondern hätte auch ein „sehr scharfes“ Einschreiten der Dienstbehörde zur Folge. Selbst Namenstagsgeschenke seien nicht zulässig; Geldsammlungen dürfe nur der Schulleiter genehmigen. Eine entsprechende „Belehrung“ der Schüler erfolgte nach der Konferenz.

 

Die „schwierigen Zeitverhältnisse“, die die plan- und ordnungsgemäße Unterrichtsführung zunehmend erschwerten, sowie die sich häufenden „Hilfsdienste“ blieben nicht ohne Folgen für die Einsatzfähigkeit der Schüler und Lehrer. Diese diktierten dem Protokollführer auf der Konferenz vom 7. April 1941 in die Feder: „Ferner betrachtet das Kollegium aus der Mitverantwortung für den Gesundheitszustand der Jugend heraus es als seine Pflicht, der Behörde seine Beobachtungen über außergewöhnliche Ermüdungserscheinungen bei den Schülern mitzuteilen“. Neben den zum Wehrdienst einberufenen Lehrern fehlten zu dieser Zeit sechs Kollegen krankheitshalber. Da eine Aushilfe nicht gestellt werden konnte, war die Verkürzung des Unterrichts der „einzig mögliche und notwendige Ausweg“. „Im Hinblick auf die noch fortwährenden vielfachen Behinderungen und die durch den Lehreraustausch mit Luxemburg vielleicht noch hinzukommenden Umstände“ sah sich der Schulleiter nicht in der Lage, rechtzeitig die Unterrichtsverteilung für das Schuljahr 1941/42 vorzunehmen.

Allerdings verringerte sich die Schülerzahl, da in Zukunft nur noch je ein Zug der ersten Klasse für Gymnasium und Oberschule gebildet werden durfte. Als 1942 alle Lehrer im wehrfähigen Alter eingezogen waren, erhöhte sich das Durchschnittsalter der Unterrichtenden – auch durch die Wiederbeschäftigung von Pensionären – auf ca. 60 Jahre. Gegen Ende des Krieges war der Lehrermangel so groß, dass viele Fächer nur fachfremd von einigen wenigen Kollegen erteilt werden konnten.

 

Seit 1942 berührten zunehmend Kriegsereignisse und -erfordernisse Unterricht und Tagesablauf von Lehrern und Schülern. Schüler des Jahrgangs 1924 (ein Jahr später des Jahrgangs 1925) aus den Klassen 7, 6 und 5 (heute Klassen 11 bis 9) wurden zum Wehrdienst eingezogen, so dass sogar Klassen einer Jahrgangsstufe zusammengelegt werden mussten, obwohl auch fremde Schüler – mit sehr unterschiedlicher Vorbildung – aus fliegergeschädigten Familien zwischendurch das Beethoven-Gymnasium besuchten. Die vormilitärische Ausbildung sollte ursprünglich erst bei den Siebzehnjährigen beginnen, betraf aber seit Sommer und Herbst 1942 durch die klassenweise Erfassung der 7. und 6. Klassen (Klassen 11 und 10) auch jüngere Schüler. In den der HJ unterstehenden „Wehrertüchtigungslagern“, deren Ausbilder kriegsverletzte Soldaten, meist Unteroffiziere, waren, übten die Jugendlichen in den Sommerferien Bettenmachen, Spindeinräumen, ein Gewehr zerlegen und zusammenbauen, die Orientierung im Gelände nach Karte und Kompass, Kleinkaliberschießen, Dauerlauf über 3.000 m, einen 20 km Marsch, ein großes Kampfspiel mit Jungen eines anderen Lagers, verschiedene „Mutproben“ (u. a. Sprung vom Drei-Meter-Brett im Freibad) usw.

Seit Sommer 1943 dienten Schüler der 6. Klassen (Klassen 10) als Luftwaffenhelfer (am Verteilerkreis), ein halbes Jahr später auch ihre Mitschüler aus den 5. und 7. Klassen (9. und 11. Klassen) in Niederkassel. Die ganze Schule musste bei dieser Gelegenheit auf dem Hof zu einem Rechteck antreten; in einem der Blöcke standen die angehenden Luftwaffenhelfer in dunkler Winteruniform der HJ. Ein Offizier holte sie ab und führte sie anschließend in die Flak-Stellungen, wo sie von Lehrern des Beethoven-Gymnasiums weiterhin Unterricht erhielten oder mit Aufgaben versorgt wurden. An eine ständig neue Unterrichtsverteilung mussten sich Schüler wie Lehrer gewöhnen, zumal nach den Sommerferien 1943 nur noch an 5 Wochentagen unterrichtet wurde, und zwar an drei Vormittagen und zwei Nachmittagen.

Der Ferieneinsatz der Lehrer und Schüler vornehmlich der 5. und 6. Klassen (Klassen 9/10) seit Sommer 1942 bedeutete einen weiteren Einschnitt in den Ablauf des normalen Alltags. Bei den Bonner Verhältnissen bestand allerdings wenig Aussicht, dass Klassen geschlossen in einem Dorf einquartiert werden konnten. Es kam in der Regel zu einem örtlichen Einsatz unter Leitung der Lehrer, auch zu einer Arbeit in den Sammlungen und Büchereien. Die Lehrer der 5. und 6. Klassen mussten schon nach drei Wochen Sommerferien ihre Schüler wieder unterrichten, was allerdings ebenso als Ferieneinsatz galt wie die Arbeit in Bibliotheken und Sammlungen oder die Teilnahme an Lehrgängen des Nationalsozialistischen Lehrerbundes.

 

8.8 „Luftschutzmäßiges Verhalten“ von Lehrern und Schülern

 

Die schwerwiegendsten Einschnitte für alle am Schulleben Beteiligten bedeuteten unzweifelhaft die seit 1942 immer schärfer und detaillierter werdenden Maßnahmen des Luftschutzes. Der Fernsprecher musste Tag und Nacht und in den Ferien besetzt bleiben; für den eventuellen Ausfall sollten immer mindestens zwei Melder zur Verfügung stehen. Die HJ hatte 20 Schüler als Melder für den Fall eines Großangriffs rekrutiert und auch die polizeilichen Melder waren bei Hauptalarm sofort aus dem Unterricht zu entlassen. Außer dem Hausmeister blieben nachts vier Wächter in der Schule, – zwei im Vorzimmer des Direktors, zwei Schüler im Kartenzimmer; die Klassenlehrer waren angehalten, vornehmlich ihre Schüler aus den 6. Klassen (heute Klassen 10) mit heranzuziehen. Ein Bett stand oben auf der Wunschliste der Betroffenen.

Im Oktober 1943 mahnte der Schulleiter die konsequente Einhaltung eines „luftschutzmäßigen Verhaltens“ der Lehrer und Schüler gleichermaßen an: Bei Alarm während der Unterrichtszeit sollten diese sich, nur mit ihrem Mantel und den Büchern versehen, vor der Klasse aufstellen, um dann von dem jeweiligen Lehrer – „in Ruhe“ – in die ihnen zugewiesenen Räume des Luftschutzkellers geführt zu werden. Dort müsse die Klasse geschlossen bleiben, und der Lehrer dürfe unter keinen Umständen die Klasse verlassen; denn ein Lehrerwechsel erfolge in den jeweils geteilten Pausen. Eine Entlassung von Schülern – „auch nicht zum Zuge“ – vor Schluss des Alarms oder der Luftwarnung war streng verboten; bei „Unwohlsein“ konnte ein Schüler im Gang in der Nähe der Treppe „frische Luft schöpfen“. Bei Alarm auf dem Schulweg sollten die Schüler nicht zurückkehren, sondern sich schnellstens zur Schule begeben oder im Notfall den nächst erreichbaren öffentlichen Luftschutzbunker aufsuchen.

Angesichts der seit 1943 erhöhten Gefahr eines Brandes nach einem Fliegerangriff wurde die Zahl der im Haus bereitstehenden Wasser- und Sandbehälter erheblich vermehrt und ein regelrechter Feuerwehrtrupp aus 10 Schülern der 5. Klassen (Klassen 9) unter Leitung eines Lehrers gebildet. Für den Fall, dass der Strom ausfiel, standen an bestimmten Stellen Laternen und Kerzen bereit. Zur besseren Bekämpfung möglicher Brandherde war die Schule im Mai 1944 von der örtlichen Luftschutzleitung angewiesen worden, „die Zahl der Sandtüten wesentlich zu erhöhen“. Da Fahrzeuge nicht zur Verfügung standen, waren Schüler, die nicht mehr als 15 Minuten Schulweg hatten, aufgefordert, mit von der Schule gestellten Tüten zur nächsten „Sandentnahmestelle“ zu gehen und sie innerhalb von drei Tagen gefüllt mitzubringen.

 

Der ständig wachsende Zeitverlust durch häufigen Alarm machte es 1944 erforderlich, den Aufenthalt im Luftschutzkeller zum Unterrichten zu nutzen, obwohl die Luftschutzrevision ergeben hatte, dass der Keller diesen Anforderungen keineswegs mehr genügte. Wenigstens wurden stärkere Glühbirnen eingezogen, um eine „einigermaßen ausreichende Beleuchtung zu gewährleisten“. Außerdem konnten die ungünstigen Raumverhältnisse eine gegenseitige Störung nicht verhindern, auch wenn auf die Einhaltung größter Ruhe geachtet werden sollte, damit „Lektüre, Belehrung durch den Lehrer u. dgl. möglich“ seien. Der jeweilige Lehrer hatte daher für sich zu entscheiden, welche Art des Unterrichts überhaupt in Frage kam oder ob die Schüler nur in Ruhe zu beschäftigen waren. Abgesehen davon, dass besonders die Klassenzimmer des Erdgeschosses bei Alarm wegen „schutzsuchender Passanten“ abgeschlossen werden mussten, sollten diese von den Fluren in die Keller verwiesen werden, was sich zu einem weiteren Störfaktor entwickeln konnte. Bei Großalarm wurde selbst die Nichtschülerreifeprüfung im Keller abgehalten, was nur einigermaßen gelang, wenn man in den Luftschutzräumen des Nordflügels für „wirksame Ruhe“ sorgte. Aber selbst unter diesen Umständen hörten die Schüler der Mittel- und Oberstufe im Frühjahr 1944 in der Aula noch „Kriegserlebnisse“ von Vertretern der Marine und im Mai den Vortrag von Hauptmann Wiesemann, Abiturjahrgang Beethoven-Gymnasium 1934, über die „Bewährung der deutschen Infanteristen an der Ostfront“.

 

Ferieneinsatz, Nachmittagsunterricht, nächtliche Wachen an Sonntagen und in den Ferien musste der Direktor seinen Kollegen mehrmals als verpflichtenden Dienst in Erinnerung rufen, da der „Appell an die Freiwilligkeit am Beethoven-Gymnasium … im Gegensatz zu anderen höheren Schulen“ versage. Wer seine volle Stundenzahl gebe, könne auch ein- bis zweimal im Monat im Schulgebäude schlafen; Ausnahmen und „grundsätzliche“ Ablehnung mit dem Hinweis auf Alter und häusliche Verhältnisse gebe es nicht. 1944 machten „Krankheitsfälle im Kollegium, militärische Nachuntersuchungen, Fliegerschäden in den Wohnungen und eine Häufung von Ergänzungs- und Externenprüfungen“ zahlreiche Vertretungen erforderlich. Dabei war die Einsatzfähigkeit der Lehrer schon durch den Luftwaffenhelfer-Unterricht stark eingeschränkt. Der Schulleiter bat daher die Kollegen, „freiwillig und vorausschauend“ die „günstige Gelegenheit einer Vertretung für ihr Fach auszunutzen“ und auf eine eventuelle spätere „Kompensation“ zu hoffen.

Dass die Weiterführung des Unterrichts im Luftschutzkeller vom Direktor immer wieder angemahnt werden musste, offenbarte nicht nur die Schwierigkeit dieser Maßnahme, sondern auch die offensichtliche „Unwilligkeit“ der Lehrer. Der Schulleiter schärfte vor allem den Klassenlehrern ein, „Rückgrat der Schulzucht“ zu bleiben. Die „Erfordernisse der Zeit“ müssten von jedem „größte Härte gegen sich selbst“ verlangen. Der Klassenlehrer solle seine Schüler „fest anpacken, aber auch ihr Betreuer und Berater“ sein. Die Schule verlor immer mehr ihre unterrichtliche Funktion.

 

Dem wohl bedenklichen „Nachlassen der äußeren Schulzucht“ versuchte der Schulleiter im Frühjahr 1944 energisch gegenzusteuern. Die „Unsitte der Schüler, in ganzen Rudeln durchs Haus zu laufen mit dem – angeblichen – Auftrag, eine Karte zu holen“, wollte er „mit allen Mitteln“ bekämpfen. Das Gleiche galt von dem „Herumlungern auf den Fluren vor dem Unterricht und von dem Lärm, mit dem manche Klassen bei Luftgefahr in die Kellerräume“ stürzten. Auch war ihm das „Heraustreten zur großen Pause und das Wiederhereinkommen“ zu „lahm“; es dauere einfach zu lange. Einen besonders „undisziplinierten Eindruck“ würde der Besucher in den unteren Fluren gewinnen, wenn die Klassen zum Unterricht in den naturwissenschaftlichen Übungsräumen oder im Musiksaal „mit viel Getöse“ antraten. „Das Antreten mit ‚Richtung-Fühlung-Vordermann’“ und „Mundhalten“ sei keine „Kommißmarotte, sondern ein erprobtes Erziehungsmittel auch in vormilitärischem Alter“. Besonders ungehalten zeigte sich der Schulleiter über die völlige Überlastung seines „Vorzimmers“, das die Schüler als „Fundbüro“ für „verbummelte“ Sachen betrachteten und wo sie in „endloser Reihe“ auf die Abstempelung der Bezugsscheine für Hefte, Fahrausweise warteten.

Darüber hinaus wollte er die „Nichtablieferung oder das Sammeln von feindlichem Propagandamaterial gegebenenfalls auch mit schärfsten Schulstrafen“ ahnden. Ganz empört habe er von Jugendlichen gehört, die an der Poppelsdorfer Allee „arbeitende Zuchthäusler und fremdvölkische Arbeiter angesprochen und holzgebastelte Spielzeuge gegen Brotmarken von ihnen eingetauscht“ hätten. Er erwartete, dass kein Schüler des Beethoven-Gymnasiums „sich eines derart unwürdigen und volksschädigenden Verhaltens schuldig“ mache, „das unweigerlich schärfste Bestrafung zur Folge haben würde“.

Im Sommer 1944 mehrten sich die Fälle, dass Schüler bei öffentlicher Luftwarnung vor 9 Uhr „noch kurz vor dem Schulgebäude“ abbogen, um angeblich nach Hause zurückzugehen. Einzelne Schüler, die sich schon im Hause aufhielten, sollen sogar „hintenherum ausgerissen“ sein. Auch nach der Entwarnung dauerte es dem Schulleiter „unverhältnismäßig lange, bis sich alles zum Unterricht eingefunden“ hatte. „Um allen diesen Mätzchen, die auf eine strafbare Täuschung der Lehrer und Sabotage des Unterrichts“ hinauslaufen würden, entgegenzutreten, ordnete er an, dass Eltern, die ihre Kinder bei öffentlicher Luftwarnung und Vollalarm zu Hause behalten hatten, dies mit einer formlosen schriftlichen Bestätigung dokumentierten. Ansonsten hätten die Schüler den Weg zur Schule „beschleunigt“ fortzusetzen. Nochmals schärfte Bös ihnen ein, bei Vollalarm oder einsetzendem Flakbeschuss sofort den nächsten öffentlichen Luftschutzraum aufzusuchen. Um ganz sicher zu sein, dass sie über deren Lage und Beschaffenheit auf der ganzen Länge des Schulweges auch Bescheid wussten, mussten sie dem Klassenlehrer entsprechende Lageskizzen abgeben. Bei der damaligen „verschärften Luftlage“ erfordere außerdem die Gefahr von Tieffliegerangriffen die besondere Aufmerksamkeit jedes einzelnen Schülers. „Auch außerhalb der Schulzeit, beim Spiel und im freien Gelände“ sollte dieser immer bereit sein, „kurz in Deckung zu gehen“. Das geschehe „ohne Ängstlichkeit in den Formen, die auch dem Soldaten als ‚Deckung gegen Beschuß’ und ‚Deckung gegen Sicht’ vertraut und zur Pflicht gemacht“ würden.

 

8.9 Reifeprüfung unter Kriegsbedingungen

 

Die häufige und zunehmende Inanspruchnahme der Schule durch die Nationalsozialisten mit Veranstaltungen, Lehrgängen, Vorträgen, Sammlungen u. ä. hatte bis Ende der 30er Jahre einen offenkundigen Abfall der Leistungen zur Folge, der sich seit Kriegsbeginn auf das Abitur erstreckte. Schon ab September 1939 erhielten Schüler der Abschlussklassen, die zum Heeresdienst einberufen wurden, ein Abgangszeugnis mit Reifevermerk, wenn ihr Verhalten und ihre bisherigen Klassenleistungen es rechtfertigten. 1940 wurde die mündliche Abiturprüfung vereinfacht, zumal eine ganze Reihe von Primanern schon vorher eingezogen war oder sich freiwillig gemeldet hatte. 1941 brauchten die Abiturienten im Rheinland wegen der Kriegsverhältnisse nur den deutschen Aufsatz zu schreiben; ohnehin hatten die 8a (Stufe 12) nur noch vier, die 8b sechs Schüler, die noch nicht eingezogen waren. Wiederum waren die mündlichen Prüfungen weitgehenden Einschränkungen unterworfen; sie dienten in erster Linie der „Klärung noch bestehender Zweifel“. Selbst die Prüfung in Biologie war nicht mehr verpflichtend. Ehemalige Schüler der höheren Schule, die Wehrdienst geleistet und die Versetzung in die vorletzte Klasse erreicht hatten, durften sich 1941 innerhalb von 6 Monaten in Sonderlehrgängen auf das Abitur vorbereiten.

1942 bis 1944 fand keine schriftliche Abiturprüfung mehr statt; sie wurde durch die Wertung der Ergebnisse der letzten Klassenarbeiten in den vier Abiturfächern ersetzt. In Bonn kam die letzte Verfügung nicht mehr zur Geltung, die allen Schülern der Abschlussklassen, die Wehr-, Reichsarbeits-, Luftwaffenhelfer- oder anderen Kriegsdienst leisteten, am 31. März 1945 den Reifevermerk bei charakterlich ordentlicher Führung zusprach. Die wenigen restlichen Schüler der 8. Klassen sollten zusammen mit den 7. Klassen unterrichtet werden und das Abitur in der bisherigen vereinfachten Form ablegen. Nach 1945 mussten viele dieser Schüler, die einen Reifevermerk ohne schriftliche Prüfung erhalten hatten, diese nach einem Sonderlehrgang nachholen.

 

 

 

8.10 Ende des Schulunterrichts und Zerstörung des Gebäudes (1944)

 

Nach den Sommerferien 1944 konnte kein Unterricht abgehalten werden: Die HJ nahm in Klassenräumen die Musterung der für Arbeiten am Westwall vorgesehenen Jahrgänge 1927-1930 vor. Am 2. September 1944 wurde – trotz der Proteste des Direktors – die Schule für die Aufnahme von Flüchtlingen beschlagnahmt und angewiesen, Klassenzimmer zu räumen und mit Strohsäcken zu belegen. Der Schulleiter hoffte sogar, eventuell noch – notfalls nachmittags – in einer anderen Schule unterzukommen. Die letzte Konferenz im alten Gebäude am 4. September 1944 endete daher mit dem „letzten Punkt“ des von Bös selbst geschriebenen Protokolls: „Der Direktor berührt die militärische Lage und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß es unserer Führung gelingen werde, die Front zu sichern. Es könne dann für absehbare Zeit mit der Freigabe der Schule und dem Wiederbeginn des Unterrichts gerechnet werden“.

Dazu kam es allerdings nicht mehr, da nach den Sommerferien der Schulunterricht in Bonn aufhörte. Die Lehrer mussten sich zunächst täglich, dann mittwochs und samstags „zu Dienstangelegenheiten“ mit anschließenden pädagogischen bzw. wissenschaftlichen Vorträgen und Berichten im Lehrerzimmer einfinden.

 

Bei dem Bombenangriff am 18. Oktober 1944 zerstörten fünf Sprengbomben das Schulgebäude. Bis auf einige Reste ging die umfangreiche und wertvolle Bibliothek mit ihren vielen mittelalterlichen Urkunden, Handschriften, Inkunabeln und Folianten teils durch Brand, teils durch Feuchtigkeit im Keller zugrunde. Nach Aussagen des Kollegen und späteren Schulleiters Dr. Grenzmann blieb der Luftschutzkeller durch seine schweren Gewölbe unbeschädigt, so dass die anwesenden Mitglieder des Studienseminars und weitere Personen, die sich im Hause aufgehalten oder dorthin während des Alarms geflüchtet hatten, gerettet wurden. Der Ausstieg gestaltete sich als sehr schwierig, weil das Geröll der Mauern dicht vor der Tür lag. Da die Häuser neben und gegenüber der Schule lichterloh brannten, blieb nur der Weg durch Hitze und dichten Rauch über den Schulhof zum Rhein. Dank des Einsatzes von Bös, Hausmeister Ilse und einigen Lehrern konnten aus dem brennenden und einstürzenden Gebäude einige Akten und Bücher usw. gerettet und auf Handkarren zur Clara-Schumann-Schule gefahren werden, wo allerdings während des „Zusammenbruchs“ auch noch Vieles verloren ging.

 

Für das Lehrerkollegium fanden nunmehr die „Dienstangelegenheiten“ mittwochs und samstags im Lehrerzimmer der Clara-Schumann-Schule statt, – mit anschließendem Bergungsdienst im zerstörten Gebäude des Beethoven-Gymnasiums, dessen Vordereingang gesperrt war, da der Giebel einzustürzen drohte. Es galt zunächst erst einmal, die „geretteten Güter“ zu sichern, um sie dann in erreichbarer Nähe unterzubringen. Die noch erhalten gebliebenen Tafeln, Schulbänke und Lehrerpulte mussten im Gebäude bleiben. Die von dem zwischendurch einquartierten Polizeibataillon VI mitgenommenen Einrichtungsgegenstände des Oberstudienratszimmers standen im Museum König. Für die Bergung der übrigen Güter stellte der Kommandeur am 24. Oktober 1944 einen Wagen mit mehreren Soldaten zur Verfügung, so dass unter Mithilfe einiger Lehrer und jüngerer Schüler die meisten Dinge in den Zeichensaal der Clara-Schumann-Schule gebracht werden konnten, während eine Kiste mit wertvollen Büchern im Keller Platz fand.

Bevor allerdings die genaue Sichtung und Ordnung des geretteten Materials beendet wurde, musste das Lehrerkollegium in die benachbarte Wetzlarschule umziehen (Hauswirtschaftsschule Ecke Loe Straße/Bonner Talweg), wo man ihm Zimmer 25 im 1. Stock als Amtszimmer und Sammelraum zur Verfügung stellte. Bei dem Transport zur und innerhalb der Wetzlarschule gingen jedoch einige Gegenstände verloren. Die Lehrer wurden vom Schulleiter mehrmals angehalten, jede Möglichkeit zum Ersatz der wertvollen Bestände beim Wiederaufbau der Lehrerbibliothek zu nutzen. Die Personalblätter der früheren und augenblicklichen Lehrer waren bei dem Angriff vernichtet worden. Das restliche geborgene, für die Dienstgeschäfte notwendige Material befand sich jetzt in Zimmer 25, so dass hier wochentags von 11 – 12 Uhr Sprechstunden abgehalten werden konnten.

Die meisten Lehrer waren mit der Sichtung und Ordnung der „geretteten Güter“ und mit dem Bergungsdienst beschäftigt. Einige sorgten für die Unterrichtung der Luftwaffenhelfer der Klasse 6 (Klasse 10) in Gremberg bei Köln-Kalk, hielten Ergänzungsprüfungen ab oder gaben Förderunterricht für einzelne Schüler oder Gruppen. Während Schüler aus den 4. und 5. Klassen (8. und 9. Klassen) noch zum Volkssturm einberufen wurden, erkundigten sich besorgte Eltern nicht eingesetzter Schüler nach der Möglichkeit von Privatunterricht. Von einer erneuten Kinderlandverschickung in das Sudetenland sahen die Behörden nach der energischen Ablehnung der Eltern ab.

Einigermaßen erleichtert schloss der Schulleiter seine letzte Konferenz am 16. Dezember 1944: „Die Einrichtungsgegenstände im Beethoven-Gymnasium sind nun in verhältnismäßig gut erhaltenen Räumen untergebracht und gesichert. Einige Kisten mit Büchern sind in der Loe- bzw. Wetzlarschule untergebracht und gesichert“. Ein „Schulleben“ des Beethoven-Gymnasiums fand jedoch – für ein ganzes Jahr lang – nicht mehr statt.