12. Das Beethoven-Gymnasium zu Beginn des 21. Jahrhunderts:

Kontinuität und Neugestaltung in Zeiten des „Umbruchs“

 

12.1 Schulleiterwechsel wieder im Augenblick großer Veränderungen

 

Die Endlichkeit seiner Amtszeit im Blick, versuchte Kötting seit Beginn des Schuljahres 2002/03 eine lückenlose Nachfolgeregelung zu erreichen und im Einvernehmen mit dem Schuldezernenten die Stelle frühzeitig ausschreiben zu lassen. Glück, richtige Strategie und einvernehmliches Handeln aller Beteiligten führten zu einer äußerst zufrieden stellenden Lösung dieses ansonsten nicht immer einfachen Problems. Bei der endgültigen Entscheidung über die Kandidaten, darin waren sich Schulleitung, Kollegium, Elternschaft und Schülervertreter einig, stimmte die Schulkonferenz geschlossen für Studiendirektor Alexander Wolfshohl.

Nach dem Studium von Germanistik, Geschichte und Mittellatein war er lange Jahre am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hürth tätig (mit vielfältigen schulischen Aufgaben betraut: u. a. Qualitätssicherung, Schulprogramm, Theater, Schülerzeitung), bis er 1999 Stellvertretender Schulleiter des Nicolaus-Cusanus-Gymnasiums in Bonn wurde (und hier u. a. die Projekte „Unesco-Woche“, „Schule und Unternehmen für Nachhaltigkeit“ koordinierte).

Noch am vorletzten Tag des auslaufenden Schuljahres, dem 29. Juli 2003, konnte Kötting in einer Dienstbesprechung seinen Nachfolger dem Kollegium und den Vertretern der Eltern- und Schülerschaft vorstellen und ihm – mit einem wohlschmeckendem Gruß aus der „Vinea Domini“ – den Generalschlüssel überreichen. Anschließend führte ihn der Dezernent offiziell in sein Amt ein. „Diese lückenlose Fortführung der Schulleitung“, das unterstrich der Chronist des Jahresberichtes 2003 des Beethoven-Gymnasiums nicht ohne Genugtuung, sei „ungewöhnlich“.

 

Als weniger ungewöhnlich bestätigte sich denn auch Köttings Vermutung: „Nichts ist beständiger als der Wandel“, der sich – nach dem Wechsel in der Schulleitung – in der Schulpolitik der damaligen Landesregierung abzeichnete. Ähnlich bedeutsam und folgenreich wie Anfang der 70er Jahre mit der Oberstufenreform, führten Reformeifer, Finanznot und „schlechte“ Ergebnisse bei internationalen Bildungsvergleichsstudien zu einschneidenden Reformen im Schulwesen, deren Inhalte erstmalig im Frühjahr 2004 der Öffentlichkeit unter den Schlagworten „Schulzeitverkürzung“ und „Zentralabitur“ präsentiert und zu einer großen Herausforderung für den neuen Schulleiter und alle am Beethoven-Gymnasium beteiligten Kräfte wurden.

Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G 8) sollte mit der Klasse 5 des Schuljahres 2005/6 beginnen und hatte eine Erhöhung der gesamten Wochenstundenzahl der Klassen 5 bis 10 (der Oberstufe verblieben nach diesen Plänen nur die Stufe 11 und 12) um neun Stunden zur Folge. Die ab 2005/6 geltenden Kernlernpläne der einzelnen Fächer mussten auf die Verkürzung hin umgearbeitet werden, der Termin der Fertigstellung war allerdings nicht absehbar. Der Jahrgang 11 (ab 2004/5) des auslaufenden neunjährigen Gymnasiums durfte sich schon auf das Zentralabitur einstellen. Die Erarbeitung der hierfür obligatorischen Inhalte war bis Februar 2005 „angestrebt“ (!), d. h. die Schüler begannen im Herbst 2004 ihre Oberstufenlaufbahn, ohne genau zu wissen, was sie drei Jahre später in der Prüfung erwartete.

 

Ebenfalls im Schuljahr 2004/05 sollten im November 2004 in allen Klassen 9 in ganz Nordrhein-Westfalen zentrale „Lernstandserhebungen“ in Mathematik, Deutsch und Englisch (1. Fremdsprache) als „Standortüberprüfung“ ohne Zensurengebung (keine Wertung als Klassenarbeit) durchgeführt werden. Auch hierzu kamen die notwendigen Informationen und die Aufgabenbeispiele nur „tröpfchenweise“ vor Ort an. Die Fachlehrer hatten die Arbeiten nach einem vorgegebenen Schlüssel zu bearbeiten und die Ergebnisse einer zentralen Auswertung zuzuführen.

 

Die offiziell häufig beschworene Finanznot des Landes bedeutete für die zeitlich sehr aufwendig einzuleitenden Veränderungen im Schulwesen derweil nichts Gutes: Die Arbeitszeit der (Landes-) Beamten erhöhte sich ab 1. April 2004 allgemein auf 41 Wochenstunden, die wöchentliche Unterrichtsverpflichtung für Lehrer um eine Stunde, ohne dass die große „Beamtendemo“ (mit „Wut im Bauch“) in Düsseldorf die Landesregierung beeindruckt hätte.

 

Abgesehen davon hatte sich der Regierungspräsident zu einem Besuch des Beethoven-Gymnasiums im Herbst 2004 angekündigt. In den letzten Jahren war es zu seiner Gewohnheit geworden, Schulen seines Regierungsbezirks zu inspizieren, um die Qualität des Unterrichts zu prüfen und die individuellen Probleme vor Ort besser kennen zu lernen. Er nahm dann immer am Unterricht teil, führte Gespräche mit allen schulischen Gruppen und ließ sich einen Einblick in die äußeren und baulichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Schule geben.

 

In der Tat, gleich eine Fülle von Herausforderungen, denen sich der neue Schulleiter mit dem Kollegium sowie der Eltern- und Schülerschaft stellen musste. Er vertraute auf den sicheren Fundus der „Leitlinien und Ziele“, die das schulische Leben des Beethoven-Gymnasiums bisher geprägt hatten: „Traditionsverbundenheit und Weltoffenheit, Leistungsbereitschaft, Genauigkeit des Arbeitens, Freude an der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten“ hätte er vorgefunden, bekannte er im Vorwort des Jahresberichtes 2003 des Beethoven-Gymnasiums,. „Aus Tradition modern“, das Bewährte im Grundsatz weiterzuführen und anzupassen, um den notwendigen Veränderungen gerecht zu werden und das Neue zu gestalten, sollte auch für Wolfshohl Vorgabe seines schulischen Handelns sein. Bei aller öffentlichen Kritik an der bisherigen gymnasialen Praxis und Schulform und trotz des starken Veränderungswillens der Landesregierung sei der Kern des Gymnasiums „humanistischer altsprachlicher Tradition“ zu wahren. „Dem antiken Erbe verpflichtet, im kulturellen Wertgefüge der jüdisch-christlichen Kultur stehend“, sollte die Arbeitsweise von Lehrern und Schülern „weltoffen und zukunftsbezogen“ sein (Vorwort zum Jahresbericht 2005). Im Dialog mit der Schüler-, Lehrer- und Elternschaft, in „zugewandtem gesprächsbereiten Miteinander“ würden die „schwierigen Hürden“ der Neugestaltung des Schullebens in Ruhe und Besonnenheit zu bewältigen sein.

 

Die Kontinuität der reichhaltigen und intensiven schulischen Arbeit in einem eingespielten Rhythmus des Schulprogramms (Unterrichtsprojekte, Musik, Theater, Tanz und Bewegung, Fahrten und internationale Schüleraustausche, Wettbewerbe, Feste und Feiern, usw.) spiegelt sich in den auf 2003 folgenden Jahresberichten wider. Bei aller Wehmut über die nun einsetzende „Pensionierungswelle“ altgedienter und erfahrener Kolleginnen und Kollegen konnte Wolfshohl erfreulicherweise die Möglichkeit der „schulscharfen“ Neueinstellungen erfolgreich nutzen, um das Kollegium „bedarfsgerecht“ zu ergänzen und dessen Durchschnittsalter so stark herabzusenken, wie es seinem Vorvorgänger, Dr. Seidler, am Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrtausends vergönnt gewesen war.

 

„Lesen“ gehörte zu Wolfshohls bevorzugten Tätigkeiten. Da durfte er auch nicht nach seinem Amtsantritt bei der Weinlese im Lehmener Schülerweinberg des Beethoven-Gymnasiums an der Untermosel fehlen, zumal die belebende Anwesenheit der örtlichen Weinkönigin die anstrengende Arbeit der „Weinbau-AG“ samt begleitender Eltern und Lehrer anspornte und die „Razejungen“ hilfreich mit Rat und Tat zur Seite standen. Diese „Freunde des Steillagen-Anbaus“, die sich der besonderen Pflege des Brauchtums sowie der Pflege der traditionellen Weinbautechniken widmeten, leiten ihren Namen von der aus Weiden geflochtenen Rückenkiepe, der „Raz“, her, mit der alle notwendigen Materialien den Weinberg hinauf und hinunter getragen werden. Die „Razejungen“ waren eine hilfreiche Patenschaft mit den in gewissen Abständen wechselnden Schülern der „Weinbau-AG“ eingegangen, um sie auf die ökologischen Herausforderungen des Weinbaus vorzubereiten. Dazu gehörte auch der Gebrauch der „Raz“, mit der die Schülerinnen und Schüler von einem großen herangeschafften Haufen unterhalb des Weinbergs Stalldung (!) „buckel- und geruchsnah“ die Steillage bis zu den einzelnen Weinstöcken hinauftragen mussten. Auch der Schulleiter übte schon einmal im Hinblick auf kommende Herausforderungen, alltäglichen Mist einer fruchtbringenden Verwendung zuzuführen.

Die Arbeit im Lehmener Schülerweinberg, im wohlverstanden biblischen und ökologischen Sinne, machte Wolfhohl zur „Chefsache“ und legte bei fast allen Aktionen der „Weinbau-AG“ selbst Hand an. Seinen Einsatz im Wingert würdigten schließlich die Lehmener „Razejungen“, indem sie ihn zu ihrem „Ehrenrazejungen 2008“ kürten. Vor viel Publikum auf dem Lehmener Marktplatz legte am 28. Juni 2008 der Innenminister des Landes Rheinland-Pfalz seinem erwählten Nachfolger, dem Schulleiter des Bonner Beethoven-Gymnasiums, die „kunstvolle Ehrenkette“ mit den Worten um den Hals: „Mit dieser Halskette geht die Würde eines ‚Ehrenrazejungen’ von mir auf Sie über“. Bei der Weinlese in der „Vinea Domini“ in der Bonner Rheinaue zwei Monate später konnten Weinkollegium und Gäste mit dem „Dominus“ Wolfshohl, in vollem Ornat präsent, anstoßen.

 

Gleich zum ersten Abitur unter Leitung des neuen Schulleiters im Mai 2004 hatten sich sechs Dezernenten zur mündlichen Prüfung angemeldet – ein Anlass, die genau einzuhaltenden Formalia noch einmal ins Gedächtnis zu rufen und den organisatorischen Ablauf besonders sorgfältig zu planen. Die Rückmeldungen der Aufsichtsbeamten charakterisierte Wolfshohl als „insgesamt positiv“: Ihr Gesamturteil lautete: „Das Beethoven-Gymnasium ist eine gut geführte Schule“, eine erfreuliche Bestätigung der Zusammenarbeit von Schulleitung und Kollegium.

Auch die Ergebnisse der Auswertung der Lernstandserhebungen in Klasse 9 im November 2004 (in bunten Säulengrafiken dargestellt) lasen sich vielversprechend. Das Beethoven-Gymnasium fand sich – unter den Gymnasien des Landes – in allen drei Fächern (Mathematik, Deutsch, Englisch) „weit oben im oberen Drittel“ wieder; auch die vier Parallelklassen hatten im Vergleich zueinander recht „homogen“ abgeschnitten. Den „Slogan“: „BG – find ich gut“, hielt der Chronist des Jahresberichtes 2005 folglich für „keine Sprechblase“, zumal auch die Ergebnisse der folgenden Lernstandserhebungen die Feststellung bestätigten.

 

Den Regierungspräsidenten, dessen Besuch man mit großer Spannung entgegenblickte, erwartete am 7. Oktober 2004 ein geradezu „choreographisch inszenierter“ Empfang. Alle Unterrichtsräume hielten ihm ihre Türen einladend geöffnet. Dadurch konnte er sich – über seine zeitweise Anwesenheit im Griechisch-, Französisch- und Englischunterricht hinaus – einen Gesamtüberblick über die Unterrichtsatmosphäre und -arbeit verschaffen. Er führte Gespräche mit den Elternvertretern sowie den Damen der Cafeteria und der Unter- und Mittelstufenbücherei und fand den gesamten Schüleraufenthaltsbereich als „sehr gelungen“ (einschließlich des von ihm selbst getesteten Flipperspiels). Für die Abschlussbesprechung mit der SV und das ausführliche Interview mit den Redakteuren der Schülerzeitung „Querbeet“ nahm er sich so viel Zeit, dass er über eine Stunde länger als geplant blieb.

Insgesamt zeigte sich der Regierungspräsident sehr beeindruckt nicht nur von der „Atmosphäre des konzentrierten Arbeitens“ und der „Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit der Schüler“, sondern auch von dem allgemeinen Zustand des Hauses. Wolfshohl konnte dem Kollegium abschließend danken, der Regierungspräsident habe das Beethoven-Gymnasium als „etwas Besonderes“ erlebt: „Unsere Schülerinnen und Schüler höflich und freundlich, ohne Kontaktscheu, die Kolleginnen und Kollegen als engagiert und niveauvoll-effektiv arbeitend“. Die Kölnische Rundschau fasste am anderen Tag im Titel zusammen: „Lob für Lehrer, Lob für Eltern“.

 

12.2 Das Schulgesetz vom 1. August 2006

 

12.2.1 Zentrale Abschlussprüfungen im Abitur und in den Klassen 10

 

Gegen Ende der Legislaturperiode der damaligen Regierungsmehrheit wurde einerseits das Modell einer groß angekündigten „Profiloberstufe“, wie Kötting bereits geahnt hatte, sang- und klanglos begraben, andererseits beschloss man 2004/5 weitere Neuerungen (z.B. Einführung des in Klasse fünf einsetzenden Faches „Naturwissenschaften“ oder die Drittelparität der Lehrervertreter in der Schulkonferenz), die jedoch die folgende Landesregierung wieder zurücknahm. Diese verarbeitete die vorher eingeleiteten Reformpläne (G 8, Zentralabitur, Kernlernpläne) in einem Schulgesetz vom 1. August 2006, das (nach dem Urteil des Chronisten des Jahresberichtes 2007) „Wechsel und Wandel, ja Umwälzung und Umbruch“ brachte „wie seit Jahrzehnten nicht mehr“ (Schulzeitverkürzung und zentrale Abschlussprüfungen im Abitur und in Klasse 10, zentrale Lernstandserhebungen in Klasse 8, Kopfzensuren, Schulinspektion, Neue Stundentafeln, usw.).

 

Am Ende des Schuljahres 2006/07 schwappten ungewöhnliche und mit großem Aufwand verbundene „Prüfungswellen“ über die Gymnasien Nordrhein-Westfalens. Das erste „Zentralabitur“ leiteten alle Prüflinge am 26. März 2007 mit der Deutscharbeit ein, während die Absolventen in Physik am 25. April die letzte Klausur schrieben. Entgegen schlimmsten Befürchtungen hielten Lehrer wie Schüler die Aufgaben im Allgemeinen für „angemessen“; doch die vorgegebenen Bewertungsmaßstäbe und das Punktesystem fanden in der Lehrerschaft weniger Zustimmung. Das Interesse der Öffentlichkeit fokussierte sich indessen mehr auf etwaige formale oder inhaltliche Pannen, die – auch in der Folgezeit – trotz vermehrter Kontrollmechanismen in Einzelfällen nicht ausblieben, aber insgesamt den Verlauf der Prüfungen nicht beeinträchtigten. Mit den Auswertungen der Ergebnisse des Zentralabiturs konnte in der Folgezeit das Beethoven-Gymnasium zufrieden sein; sie lagen immer über dem Landesdurchschnitt.

 

Die ursprünglich vorgesehenen Parallelarbeiten in Klassen 6 und 8 entfielen mit G8 und den zentralen Prüfungen. Bei den erstmalig im April 2007 durchgeführten „Zentralen Abschlussprüfungen in Klasse 10“ (Mathematik, Deutsch, Englisch 1. Fremdsprache) mussten die Schüler einheitliche Aufgaben bearbeiten, deren Beurteilung jeweils zur Hälfte in die Endnote des Abschlusszeugnisses floss. Wenn auch Anforderungen und Inhalt der Aufgaben nicht immer den Erwartungen der Prüflinge entsprachen, so blieb die Benotung doch in den meisten Fällen in dem bisher gewohnten Rahmen. Auch hier lagen die Ergebnisse in Deutsch und Englisch deutlich über dem Landesdurchschnitt, in Mathematik entsprachen sie dem Durchschnitt.

 

Die „Lernstandserhebungen“ in Klasse 8 (Mathematik, Deutsch, Englisch) schlossen sich als dritte „Prüfungswelle“ im Mai 2007 an. Sie lehnten sich in formaler Hinsicht an die Prüfungen in Klasse 10 an, und die Ergebnisse waren ähnlich positiv wie bei den vorigen Erhebungen in den Klassen 9. Während die Leistungen im Fach Deutsch (Leseverständnis) besser als der Durchschnitt aller NRW-Gymnasien waren, hatten die Teilnehmer in Englisch (Leseverstehen) und in Mathematik jeweils den Durchschnitt erreicht. Im Vergleich der vier Klassen untereinander schnitt eine unterdurchschnittlich schlecht ab, so dass sie im Folgejahr je eine Stunde Förderunterricht in Englisch und Mathematik erhielt.

 

Die bei allen zentralen Prüfungen zwar notwendigen, aber sich inflationär ausbreitenden formalen Begleiterscheinungen (Beispieltexte, Musteraufgaben, Prüfungsunterlagen, Bestimmungen, Bewertungsformulare, Ausführungsbestimmungen, Auflösungen, Verfügungen und Anordnungen) belasteten zunehmend die pädagogische und inhaltliche Arbeit des Kollegiums. „Bürokratistan“, so charakterisierte der Chronist des Jahresberichtes 2007 die „zeitverschwendenden Umständlichkeiten, Umwege und Pedanterien, z. B. beim Beschriften, Sortieren und Weiterleiten von Prüfungsarbeiten“.

 

12.2.2 Kopfzensuren: Eine „Fußnote“ der neueren Schulgeschichte

 

  • 49 des neuen Schulgesetzes schrieb für alle gymnasialen Jahrgänge die seit langem abgeschafften „Kopfzensuren“ wieder vor, die erstmalig am 18. Januar 2008 am unteren Ende der Zeugnisse aufzuführen waren. Man sollte sie besser „Fußnoten“ nennen, urteilte die Chronistin des Jahresberichtes 2008 des Beethoven-Gymnasiums, hoffte doch mancher, „dass sie auch nur eine Fußnote der Schulgeschichte“ blieben, womit sie auf diese in der Lehrer-, Schüler- und Elternschaft umstrittene und kontrovers diskutierte Maßnahme charakterisierte. Zu vergeben waren sechs (!) Kopfzensuren, drei zum Arbeitsverhalten (Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Sorgfalt, Selbstständigkeit) und drei zum Sozialverhalten (Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten, Kooperationsfähigkeit). Für diese „Kompetenzbereiche“ hatte eine ministerielle Handreichung jeweils (6 – 9) verschiedene, positiv ausgedrückte „Indikatoren“ bereitgestellt. Vier Zensurenbereiche waren zu unterscheiden: sehr gut, gut, befriedigend, unbefriedigend. Die definitive Entscheidung über die Vorgehensweise lag bei der Schulkonferenz, die für die Zensuren „befriedigend“ und „unbefriedigend“ die Verpflichtung zu einer Erläuterung zum Zeugnis beschloss.

 

In der Oberstufe des Beethoven-Gymnasiums sollte ein Lehrer bzw. eine Lehrerin des ersten Leistungskurses die Kopfzensuren der jeweiligen Schülerinnen und Schüler vorschlagen und die übrigen Kurslehrer sollten dem zustimmen oder Gegenvorschläge machen können. Die Beobachtungen zu den Bereichen der sechs Kopfzensuren waren von den einzelnen Lehrern zu dokumentieren, die endgültigen Zensuren erst in der Konferenz festzulegen. Entschuldigte und unentschuldigte Fehlstunden standen auch auf dem Zeugnis.

Bei der Sekundarstufe I war sich das Kollegium einig, besondere pädagogische Sorgfalt walten zu lassen und keine Einheitszensuren zu vergeben. Vor allem bei Übergangs-, Abgangs- oder Abschlusszeugnissen plädierte man für einen positiven Umgang mit den Kopfzensuren. Die Klassenlehrerinnen und -lehrer sollten – unter Berücksichtigung der auf dem Stammblatt eingetragenen Vorschläge der Fachlehrer – für die Zeugniskonferenz eine Zensur vorschlagen, die bei mehreren oder starken Abweichungen in manchen Fächern abgeändert bzw. mit einer entsprechenden Erläuterung zu ergänzen war. Der Schulleiter verwies eindringlich auf die Notwendigkeit, Notizen über alle Elterngespräche anzufertigen, um die erzieherische Arbeit dokumentieren und eventuelle Vorwürfe der Eltern über eine mangelnde Grundlage der Zensurengebung entkräften zu können.

 

Aus der Elternschaft kamen sehr viele Reaktionen auf eine Umfrage der beiden Schulpflegschaftsvorsitzenden: 30 % der antwortenden Eltern sprachen sich für Kopfzensuren aus, weil sie ihre Funktion als „Erziehungshilfe“ und „pädagogisches Mittel“ bejahten, um die Schüler zu einem positiveren Verhalten anzuregen. Allerdings wurden auch von diesen Eltern Umfang und Procedere des aufwendigen Zustandekommens der Kopfzensuren kritisiert.

In 70 % der Rückläufe sprachen sich die Eltern mit Hinweis auf die Subjektivität der Beurteilung gegen Kopfzensuren aus, mit denen Lehrern – zusätzlich zu den Fachnoten – ein weiteres Druckmittel an die Hand gegeben würde. Besonders kritisch wurden diese Noten auf Abgangszeugnissen beurteilt, mit denen die Schüler „ins Leben“ gingen.

Die Elternschaft stellte zwar übereinstimmend fest, dass es disziplinarische Herausforderungen in einzelnen Klassen gebe und geeignete Erziehungshilfen bei solchen Fällen notwendig seien, doch bei den Mitteln, diese erfolgreich umzusetzen, unterschied sich das Meinungsbild sehr stark. Im Gegensatz zu einer Regulierung über Zensuren schlug eine große Mehrheit der Eltern turnusmäßige Schüler-Lehrer-„Entwicklungsgespräche“ mit gemeinsam festgelegten Zielen vor (gegebenenfalls unter Einbeziehung der Eltern). Kopfzensuren seien ein „verwerfliches Mittel, disziplinarische Schwierigkeiten und die teilweise gravierenden Bildungslücken vieler Schüler durch möglichst geringen finanziellen und personellen Aufwand zu bewältigen“.

 

Nicht nur ein Mitglied des Kollegiums verfasste daraufhin – unter voller Annerkennung der Schulleitung – einen Brief an den Ministerpräsidenten über die „Fragwürdigkeit der Benotung des Arbeits- und Sozialverhaltens“, auch die Schulpflegschaftsvorsitzenden forderten von der Schulministerin am 3. April 2008 im Namen der Elternschaft, „mittelfristig die Bewertung in Notenform ganz wieder abzuschaffen und kurzfristig das Procedere wie folgt zu ändern: – die Kopfnoten von 6 auf eine geringere Anzahl zu reduzieren und sie ausschließlich auf die Bewertung des Arbeitsverhaltens zu beschränken – die Möglichkeit offen zu lassen, sie von den Abgangszeugnissen (Klassen 10 und 13) ganz zu entfernen“. In diesem Zusammenhang möchte die Schulpflegschaft das kürzlich beschnittene „Mitsprachrecht der Schulkonferenz zum Weglassen der Noten von bestimmten Zeugnissen“ wiederhergestellt wissen.

 

Ein gutes halbes Jahr später erreichte ein neuer Erlass des Ministeriums das Beethoven-Gymnasium, dass mit dem Halbjahreszeugnis 2008/09 nur drei Kopfzensuren (Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit/Sorgfalt, Sozialverhalten) zu erteilen waren. Das Kollegium einigte sich auf folgendes Procedere (mit möglichst geringem bürokratischen Aufwand) bei den Zensuren „befriedigend“ und „unbefriedigend“: Um die Schülerinnen und Schüler „vorzuwarnen“ und ihnen eine Chance zu gewähren, ihre Zensur zu verbessern, sollten die Fachlehrerinnen und -lehrer mit ihnen am Ende des ersten Quartals des jeweiligen Schulhalbjahres ein pädagogisches Gespräch führen, das schriftlich kurz zu dokumentieren und von beiden abzuzeichnen war (zur Weitergabe an den Klassenlehrer), worüber die Eltern gegebenenfalls eine Information erhielten. In den Zeugniskonferenzen mussten dann die von den Fachlehrern an die Klassen-/Stufenleiter eingereichten Kopfzensuren bei Bedarf diskutiert und endgültig festgelegt werden.

Das Verfahren hatte sich noch nicht ganz eingespielt, als sich auch diese Kopfzensuren als eine „Fußnote“ der Schulgeschichte erwiesen. Die 2010 neu gewählte Landesregierung schaffte die Kopfzensuren wieder ab.

 

  • Individuelle Förderung aller Schüler

 

Nachdem schon 2003/4 Förderempfehlungen den Zeugnissen beigelegt worden waren, sollte nun nach § 50 des Schulgesetzes vom 1. August 2006 die Versetzung der Regelfall sein und der Schwerpunkt auf der „individuellen Förderung“ leistungsschwacher Schüler liegen.

Für die Erprobungsstufe entschied sich das Kollegium für eine von der Defizitorientierung ausgehende Förderung in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch bzw. Latein, – in Klasse 5 ab dem zweiten Halbjahr, in Klasse 6 ca. einen Monat nach Beginn des Schuljahres. Die Entscheidung zur Teilnahme erfolgte durch die Erprobungsstufenkonferenz für drei Monate (bis zur nächsten Konferenz, bei schwierigen Fällen länger); die Gruppen waren möglichst auf 8 bis 12 Teilnehmer zu begrenzen.

Auf der Basis der anschließenden Erfahrungen entwickelte das Kollegium ein Konzept für den Umgang mit der defizitorientierten Förderung der Jahrgänge 6 bis 9. Quartalsweise entschieden die Fachlehrerinnen und Fachlehrer über den jeweils dringendsten Förderbedarf; die Teilnahme an den Stunden war verpflichtend (im Schuljahr 2009/10 immerhin 120 Schülern). Für die Schüler, die diesen Kursen nicht zugeordnet wurden, gab es zeitparallele Begabtenförderung.

 

Zur Förderung aller Schüler gehörte darüber hinaus die „Methodenschulung“. Sie wurde im Schuljahr 2007/8, in der Klasse 5 beginnend, (auf der Basis von Vorschlägen im Deutschbuch, ergänzt durch weitere Materialien) durchgeführt: u. a. Heftführung, Arbeitsplatzgestaltung, Hausaufgaben, Vorbereitung der Klassenarbeiten, fachspezifische Arbeitstechniken usw. Das Methodentraining war vom Fachlehrer zum Zeitpunkt der Einübung im Klassenbuch auf einem entsprechenden Formblatt zu vermerken.

 

Zur Durchführung der am Beethoven-Gymnasium neu eingeführten „Schülersprechtage“ erhielten die Erprobungsstufenschüler Fragebögen, die sie ausgefüllt zu einem ertragreichen Gespräch mitbringen mussten, dessen Ergebnisse als Vorgaben für ein „Lerntagebuch“ dienten. Um hierbei einen eventuellen problematischen Mangel an Nachhaltigkeit auszugleichen, sollten die Lehrer die Lerntagebücher einmal im Monat einsehen und mit den Schülern besprechen.

 

An die Methodenschulung in der Unterstufe knüpfte man anschließend in der Mittelstufe an. Auch hier führte das Kollegium einen Schülersprechtag zu Beginn des zweiten Halbjahres 2007/8 verbindlich ein. Zur Verbesserung der Methodenkompetenz diente ein im Internet abrufbares Modell eines Gymnasiums in Syke, das man allerdings weiterentwickeln wollte, um vor allem Methoden stets mit Inhalten zu verknüpfen. Die einzelnen Fachschaften arbeiteten die neuen Lehrpläne aus und leiteten sie weiter an eine „Methoden-Arbeitsgruppe“, die sie mit Vorschlägen zu Verknüpfungen an die Fachgruppen zurückgab, so dass am Ende aus den fertigen Curricula ein „Methodennetz“ mit inhaltlichen Schwerpunkten entstand. Das Kollegium selbst entschied sich zu einer Weiterbildung im Schuljahr 2007/8, um die eigene Methodenkompetenz zu verbessern.

 

Das Beethoven-Gymnasium versuchte (wie oben angesprochen) ebenfalls in diesem Schuljahr neben der mehr defizitorientierten Förderung auch die „Begabtenförderung“ aufzubauen. Aus sechs Projekten sollten die entsprechenden Schülerinnen und Schüler jeweils einen Bereich für ein Vierteljahr auswählen. Hier kam allerdings leichte Kritik aus der Elternschaft auf, warum gerade diese Kinder „zwangsweise“ an schulischen Fördermaßnahmen teilnehmen müssten, wo sie doch bereits viele andere Aktivitäten außerhalb der Schule betrieben. Schließlich seien Chor- und Orchesterarbeit ebenso als Begabtenförderung anzusehen wie die Bereitschaft, leistungsstarke „Schüler helfen schwächeren“. Bald erwies sich der organisatorische Aufwand für die Lehrer als zu groß, zumal die Zahl der hierfür zur Verfügung stehenden Stunden zunehmend geringer wurde.

 

Im Zusammenhang mit der Methodenschulung sowie der Möglichkeit und Fähigkeit zu „selbstverantwortlichem Arbeiten“ standen auch die Bemühungen des Kollegiums seit dem Schuljahr 2005/6, bei Abwesenheit des Fachlehrers der Oberstufe die Möglichkeit einer sinnvollen Beschäftigung zu geben. Ausfallende Stunden auch in der reformierten Oberstufe zu vertreten, war schon immer verlangt worden, doch im Hinblick auf das Zentralabitur und den damit verbundenen sehr engen Zeitrahmen war sich das Kollegium darüber im Klaren, dass den Schülern in solchen Fällen die Möglichkeit einer sinnvollen und eigenständigen Arbeit gegeben werden musste.

Eine sog. „Mitbetreuung“ einer Parallelgruppe (ohne Lehrer) konnte nur eine Ausnahme sein. Überschaubare Arbeitsaufträge bei „geplanter Abwesenheit“ des Fachlehrers (Tagung, Wandertag, usw.) sollte keine Anwesenheitspflicht der Schüler voraussetzen; die Kontrolle erfolgte wie bei den Hausaufgaben im Nachhinein. „Ungeplante Abwesenheit“ (Krankheit, usw.), darin war sich das Kollegium einig, ziehe nicht die Verpflichtung nach sich, mit der Krankmeldung gleichzeitig Arbeitsaufträge zu übermitteln. In diesen Fällen hatte man sich zum Ziel gesetzt, die Schüler so weit zu „eigenverantwortlichem Arbeiten (EVA)“ zu erziehen, dass sie mit einem vorhandenen Arbeits- und Aufgabenmaterial sinnvoll in ihrem regulären Unterricht weiter arbeiten konnten. Dazu wurden im Laufe der zweiten Hälfte des Schuljahres 2005/6 die Rahmenbedingungen verbessert.

Die Fachgruppen erarbeiteten Kurssequenzen und -inhalte, nach denen sich die Schüler bei eigenverantwortlichem Arbeiten richten konnten. Lernhilfen (darunter auch Aufgabensammlungen mit Lösungen zur Vorbereitung auf das Abitur) wurden in einem eigenen Raum bereitgestellt, der mit Selbstlernmaterial und Rechnern mit Internetzugang ausgestattet war. Die Bibliothek als ruhiger Arbeitsraum mit den Standardwerken ergänzte das Angebot. Zu Beginn der Oberstufe erfolgte eine Einführung in die Benutzung des Selbstlernraumes und der Bibliothek. Nach diesen Vorbereitungen konnte der Schulleiter zufrieden ausrufen: „Alle freuen sich auf EVA!“.

Unter dem verführerischen Namen EVA“, so vermerkte der Chronist des Jahresberichtes 2007 des Beethoven-Gymnasiums, „nahm das neue Selbstlernzentrum für die Oberstufe seinen Betrieb auf“ (Oktober 2006). Er fand den „paradiesischen Anklang“ übrigens gar nicht „irreführend“, wurde hier doch „vom Baume der Erkenntnis genascht“, – allerdings stellte auch hierfür das Kollegium feste Regeln auf. Bei „geplanter Abwesenheit“ des Fachlehrers erhielten die Schüler Aufgaben, bei „ungeplanter“ bearbeiteten sie selbstständig den Unterrichtsstoff weiter. Im Falle einer längeren Krankheit erhielten die Kursteilnehmer einen Ansprechpartner, der ihnen bei Fragen Hilfestellung leistete, bis – bei fortdauernder Krankheit – der Vertretungsunterricht über das Programm „Geld statt Stellen“ geregelt war. Das „Verführerische“ an EVA hielt sich im Alltag jedoch noch in Grenzen, denn die Schüler mussten sich erst daran gewöhnen, den Selbstlernraum für ihr eigenverantwortliches Weiterarbeiten zu nutzen. Der Qualitätsbericht von 2008 verlangte denn auch ein umfassenderes Konzept, das „für den Fall von Unterrichtsausfall automatische Arbeitsschritte bei den Schülern einschalte“.

 

Einen weiteren Weg zur individuellen Förderung der Oberstufenschüler hatte die Schule bereits im Schuljahr 2005/6 beschritten mit dem Methoden- und Rhetoriktraining in der Stufe 11 (ursprünglich eine Art Ersatzveranstaltung für die gestrichene einwöchige Studienfahrt am Ende der Klasse 10). Erstmalig Ende April/Anfang Mai 2006 fuhr der Jahrgang in die Jugendherberge Aachen, um sich von Mitarbeitern der Konrad-Adenauer-Stiftung rhetorisch ausbilden zu lassen. Nach einer Einführung in die richtige Körperhaltung und das entsprechende Auftreten waren – mit nur 20minütiger Vorbereitung – vor laufender Kamera Kurzvorträge zu halten, richtiges Sprechen und Überzeugen einzuüben sowie anschließend von der ganzen Gruppe zu analysieren.

 

Seit dem Schuljahr 2003/4 kam in der Elternschaft die Überlegung auf, das Bildungsangebot des Beethoven-Gymnasiums „aus eigener Kraft“ zu erweitern, – in der berechtigten Überzeugung, dass eine genügende Anzahl kompetenter Eltern – ehrenamtlich oder gegen Honorar – Zusatzangebote geben könnte. Man dachte an Kompaktkurse von ca. fünf Doppelstunden z. B. in Recht, Wirtschaft, Theater, Kunst, Sprachen, usw. Eine Arbeitsgruppe „Schule und Gesellschaft“ (Eltern, Schulleiter) versuchte eine Art Referentenbörse oder Kooperationspartner mit eventuellen Finanzierungsmodellen zu ermitteln. Während den Oberstufenschülern die Teilnahme an diesem „Enrichment-Programm“ große, vornehmlich zeitliche Schwierigkeiten bereitete, wurde das Angebot von der Mittelstufe gut angenommen (Rechtsfragen, Banken, Umwelttechnik, Gefahren im Internet, Kunst, Gospel, Portugiesisch).

Eine Ergänzung erfuhr die Initiative durch das Projekt „Eltern stellen ihre Berufe“ vor und das Angebot ehemaliger Beethovenschüler (die erst vor kurzem ihr Abitur bestanden hatten), die in kurzen Vorträgen mit Einzelgesprächen – offen, kritisch und auf aktuellem Stand – über ihr Studium oder erste Berufserfahrungen Auskunft gaben.

 

Eine Zusammenarbeit mit der Universität Köln entwickelte sich 2007 im Zusammenhang mit dem vorgeschriebenen Schulpraktikum der Lehramtsstudenten, das von der Universität und den jeweiligen Fachlehrern des Beethoven-Gymnasiums begleitet wurde. Die Praktikanten arbeiteten mit Schülern der achten Klassen, die sich freiwillig gemeldet hatten, im Fach Deutsch, um sich in der Bearbeitung von Texten zu verbessern. Im gleichen Schuljahr begann für die Siebtklässler ein Projekt, das Interesse an den Naturwissenschaften und den entsprechenden Berufen zu wecken oder zu vertiefen. Einen ganzen Tag lang konnten sie im „School-Lab“ des „Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt“ in Köln in kleinen Arbeitsgruppen Experimente durchführen (Materialhärte, Belastbarkeit unterschiedlicher Stoffe) und anschließend das erworbene Wissen in einem Test überprüfen.

 

12.2.4 Selbstevaluation (SEIS) des Kollegiums

 

Die Entwicklung des Förderkonzeptes sollte sich nicht auf die Schüler beschränken, sondern auch das Kollegium selbst einbeziehen. Außerdem brauchte man belastbare Grundlagen für die in naher Zukunft angekündigte Schulinspektion und die geforderte Qualitätsanalyse. Das Kollegium beschloss daher, sich professioneller Hilfe zu bedienen in Form des von der Bertelsmann Stiftung vertriebenen empirischen Analyse-Programms (SEIS) (Selbstevaluation in Schule). Das Institut sollte auf der Grundlage der statistischen Auswertung von Fragebögen, die Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schüler ausfüllen mussten, einen bewertenden Gesamtbericht erstellen. Die inhaltlichen Schwerpunkte bezogen sich auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule, auf Lernen und Lehren, Führung und Management, Schulklima und Schulkultur. Ziel dieses Selbstevaluationsinstrumentes war es, auf Grund des Berichtes und der statistischen Auswertung einen Qualitätsentwicklungsprozess zu beginnen und die künftigen Maßnahmen für das Schulprogramm festzulegen.

Der Bericht über die Auswertung der Fragebögen, die über die Stärken und Schwächen des Beethoven-Gymnasiums Auskunft geben sollten, kam Mitte März 2007 in der Schule an und lag in zwei dicken Ordnern im Lehrerzimmer aus: Doch angesichts der Informationsfülle und der Darstellungsweise der empirischen Sozialwissenschaft wollte sich das Kollegium zusätzlich von einem Referenten von SEIS als geschultem Kommentator genau informieren lassen. Dieser versicherte denn auch dem gespannten Kollegium am 2. August 2007, es könne mit der Bewertung des Ergebnisses zufrieden sein. Die Mitglieder der Schulgemeinde fühlten sich, so der Bericht, in der großen Mehrheit „wohl“, „vor allem über die Erziehungsziele herrsche Einigkeit“. Vor der Konferenz schloss der Referent mit dem Fazit: „Viele Stärken (z.B. Teamgeist, Standards), wenige Bereiche mit Handlungsbedarf. Glückwunsch und viel Spaß bei der weiteren Arbeit“.

 

12.2.5 Qualitätsanalyse und Schulinspektion:  

Das Beethoven-Gymnasium mit guten und sehr guten Zensuren

 

Die Schulinspektion kommt definitiv“, stimmte am 7. 8. 2006 der Schulleiter verheißungsvoll das Kollegium ein und erläuterte die nach einer Vorlaufphase im Schuljahr 2006/7 beginnende „Qualitätsanalyse“ an den Schulen durch die vorgesetzte Behörde: Die Anmeldung an der Einzelschule erfolge drei Monate vor dem betreffenden Termin, und ca. sechs Wochen vorher stelle sich das aus zwei Personen bestehende Inspektorenteam vor. Vier Wochen vorher sei von der Schule ein „Portfolio“ zu erstellen. Erwartet würden Konzepte zur individuellen Förderung von Schülern und zu Methoden der Unterrichtsgestaltung.

Eine „Inspektion“ dauerte insgesamt drei Tage. Grundlage für die Prüfung bildete ein den Schulen bereitgestelltes „Qualitätstableau“, das in sechs Qualitätsbereiche (1. Lehren und Lernen – Unterricht, 2. Schulkultur, 3. Führung und Schulmanagement, 4. Personalentwicklung, 5. Qualitätsentwicklung, 6. Ergebnisse der Schule) mit 28 „Aspekten“ (z. B. 2. Schulkultur: 2.1 Soziales Klima, 2.2 Lebensraum Schule, 2.3 Ausstattung und Gestaltung des Schulgebäudes und Schulgeländes, 2.4 Schülerbetreuung, 2.5 Außerschulische Kooperation) und insgesamt 150 verschiedenen „Kriterien“ aufgeteilt war (z. B. 2.4 Schülerbetreuung: 2.4.1 Die Schule stimmt im Rahmen des Ganztagsangebotes Unterricht und Betreuung aufeinander ab. 2.4.2 Die Schule kooperiert im Rahmen des Ganztagsangebotes mit externen Einrichtungen) .

Die Inspektoren besuchten bei ihrer Qualitätsanalyse in der Regel für jeweils 20 Minuten Unterricht, den sie nach einer vorgegebenen Bewertungsskala beurteilten, und führten viele Einzelgespräche mit Vertretern der Schule sowie der Schüler- und Elternschaft. Auf der Grundlage der Hospitationen, der Gespräche und der schulischen Unterlagen erstellten sie einen Gesamtbericht, zu dem die Schulleitung ggf. eine Gegendarstellung geben konnte. Am Ende stand dann ein Abschlussbericht, der Angaben zum Handlungsbedarf und konkrete Zielvereinbarungen enthielt. Nach einem festgelegten Zeitraum sollte die Inspektion wiederholt werden.

 

Das seit Beginn des Schuljahres 2006/07 vorliegende „Qualitätstableau“ bot dem Kollegium schon im Vorfeld der Qualitätsanalyse „konkrete Anhaltspunkte für die eigene Schulentwicklung“. Außerdem war daraus zu erschließen, welche Bereiche untersucht würden. Schließlich konnte der Blick geschärft werden für die unterrichtlichen Ziele und die Erziehungsvorstellungen. Der Schulleiter schärfte dem Kollegium ein, „dass mit einer besonderen Beachtung der Formalia durch die Inspektoren“ zu rechnen sei, und bat um „Genauigkeit und Überprüfung“ (z. B. Kontrolle der Klassen- bzw. Kursbücher, Vollständigkeit der Protokolle der Fachkonferenzen und Pflegschaftssitzungen samt der dazu gehörigen Einladungen, usw.).

In den Schuljahren 2006/07 und 2007/08 stellte die Schulleitung in Rücksprache mit dem Kollegium bzw. den Vertretern der einzelnen Fachbereiche das „Portfolio“ und die dazu notwendigen Dokumente zusammen (z. B. Schulprogramm und Arbeitsplan zu dessen Umsetzung, Fortbildungsplan, Themen schulinterner Fortbildungen, Schul- und Hausordnung, Geschäftsverteilungsplan, Stellenbesetzungsplan, Bericht über die Lernstandserhebungen, usw.). Weitere Dokumente wurden für die Inspektoren zur Einsicht vor Ort bereitgelegt (z. B. Dokumente zur internen Evaluation, Konzepte zu Schwerpunkten des Schulprofils, zur individuellen Förderung, zur Streitschlichtung, zum Gender Mainstreaming, Dokumente zum Schüler- und Elternfeedback, usw.)

Auf Grund des „Qualitätstableaus“ und der Auswertung der „SEIS“-Ergebnisse gab sich das Kollegium eine Prioritätenliste zur Schulprogrammentwicklung und bildete verschiedene Arbeitsgruppen (z. B. Verbesserung schulinterner Kommunikation, Intensivierung der Kooperation im Unterricht durch feste Absprachen). Die Ergebnisse der Überlegungen und der praktischen Arbeit vor Ort wurden für die kommende Schulinspektion kontinuierlich und ausführlich dokumentiert sowie in dicken Ordnern im Lehrerzimmer ausgelegt.

 

Zu Beginn des Schuljahres 2008/9 konnte der Schulleiter den nicht von allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft herbeigesehnten Zeitplan der Schulinspektion verkünden: Bis 8. Oktober 2008 Abgabe des „Portfolio“; am 24. Oktober Besuch des Dezernenten und zweier Mitarbeiter mit einem Rundgang durch das Schulgebäude und einem Informationsgespräch mit dem Kollegium; vom 1. bis zum 4. Dezember Unterrichtsbesuche durch drei Inspektoren im 20-Minuten-Takt sowie Gespräche mit Schülern, Eltern, Mitgliedern des Kollegiums, mit der Schulleitung und der Schulleiterrunde, mit den Sekretärinnen und dem Hausmeister; am 7. Januar 2009 Empfang eines (vorläufigen) Qualitätsberichtes an die Schule; ggf. eine anschließende Stellungnahme durch die Schulleitung; Ende Januar 2009 endgültiger Bericht der Inspektoren.

Die Unterrichtsbesuche, so der beruhigende Rat des Schulleiters, „sollten so weit wie möglich authentisch sein“. Ideal seien „ein abwechslungsreicher, mehrere Arbeits- und Sozialformen aufgreifender Unterricht sowie die ausreichende Berücksichtigung einer adäquaten Binnendifferenzierung, die jeden Schüler in das Lerngeschehen mit“ einbeziehe.

Hektische Betriebsamkeit begegnete in diesen Herbsttagen einem Besucher des Beethoven-Gymnasiums. Die Fachbereiche beendeten die Dokumentation über alle durchgeführten und geplanten Unterrichtsmaßnahmen, über die Fortbildungen (insbesondere im Bereich der Methodik) und die Teilnahme an Wettbewerben. Außerdem waren die im Zuge der G8-Reform nötige Umgestaltung der Kernlernpläne auf die schuleigenen Curricula vorzubereiten und die besonderen Angebote im sportlichen/musischen/künstlerischen Bereich vorzustellen. Letzte Hand wurde schließlich an dem Jahresterminplan gelegt, an dem Konzept zur Streitschlichtung/Gewaltprävention/Mediation, zur Medienerziehung und zu Projekten, die in der Vergangenheit – vor allem im Hinblick auf die individuelle Förderung – sich bewährt hatten.

 

Eine Qualität besonderer Art bescheinigten schließlich die Inspektoren dem Beethoven-Gymnasium, dass nämlich die aktiven Kolleginnen und Kollegen die „Schülerinnen und Schüler zu tolerantem Verhalten motivieren, sie befähigen, Konflikte auszuhalten und zu regeln, dass Schüler und Lehrer bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, und wertschätzend miteinander umgehen“ und, so zitierte nicht ohne Stolz die kommissarische Schulleiterin Renate Giesen im Vorwort des Jahresberichtes 2009 des Beethoven-Gymnasiums, „dass wir über ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl verfügen und unser Teamgeist das Gefühl des Zusammenhalts unterstützt“. 18 von 24 Qualitätsaspekten (Ergebnisse der Schule, Lernen und Lehren – Unterricht, Schulkultur, Führung und Schulmanagement, Professionalität der Lehrkraft, Ziel und Strategien der Qualitätsentwicklung) erreichten positive Stufenwerte, 9 davon die Bestnote (insbesondere die Schulkultur). Befragt nach seiner Einschätzung des Beethoven-Gymnasiums, brachte ein Mitglied der Schülervertretung das Qualitätssiegel auf die kurze Formel: „Diese Schule ist eine Insel im Gefilde der Seligen“! Die Inspektoren wünschten für die Zukunft jedoch eine stärkere „fachlich gesicherte Selbstkontrolle“ der Lehrkräfte, um mehr „Möglichkeiten der Schüleraktivierung“ zu nutzen. Bei den schulinternen Curricula pochten sie auf häufigere „fächerverbindende Elemente“.

 

Angesichts der Arbeitsbelastung im Sommer und Herbst 2008 musste das Kollegium sogar auf die Ausrichtung des traditionellen „Kollegenessens“ mit den „Veteranen des Schulalltags“ (nach 2004 erstmalig nur in den Jahren mit ungerader Endziffer wegen des Beethoven-Balls) verzichten. Die Pensionäre konnten dies sehr gut nachvollziehen und trafen sich in eigener Regie – unbeschadet aller Evaluation – unter hausgemachten Qualitätsbedingungen. Angesichts ihres fortgeschrittenen Alters waren die Ruheständler nämlich zu der Überzeugung gelangt, sich jährlich treffen zu müssen, und hatten ohne zu zögern eine „Herzliche Initiative Lebenslustiger, Aber Realistischer Magister Unserer Schule“,(HILAREMUS) (Pensionär Meise), ergriffen, um sich in den Jahren mit ungerader Endziffer selbst (ohne Teilnahme des Kollegiums) zu einem „Kollegenessen einzuladen und Reminiszenzen an einen Schulalltag aufzufrischen, der mittlerweile der Vergangenheit angehörte.

 

Der Qualitätsbericht 2008 hatte auch die Richtung der nächsten Arbeitsschritte des Kollegiums vorgegeben: Die Schule habe noch „Schritte einer selbstkritischen Beleuchtung vor sich“. Ihre „auf die Zukunft gerichteten Verabredungen“ seien zwar „systematisch angelegt und vielversprechend“, aber noch „zu wenig konkret“. Vom Schuljahr 2009/10 an arbeitete das Kollegium an der „Vernetzung der Unterrichtsinhalte und -methoden“. Ausgangspunkt war einerseits eine für die Klassenkollegen hilfreiche Konkretisierung der Angaben beim „Teppich von Bayeux“ (Übersichtsplan über die Unterrichtsvorhaben aller Fächer einer Klasse) bzgl. Inhalte, Konzepte, Methoden, um in Teamkonferenzen leichter Absprachen über fachübergreifende Projekte zu treffen.

Andererseits erhielten die Fachkonferenzen den Auftrag, Themen der einzelnen Jahrgangsstufen auf eine Vernetzung von Inhalten und Lehr- und Lernmethoden mit anderen Fächern zu überarbeiten und diese Möglichkeiten (für alle zugänglich) schriftlich festzuhalten. Die Arbeit an der Methodenvernetzung nahm die Schuljahre 2009/10 und 2010/11 in Anspruch. Die Fachkonferenzen legten verbindlich fest, welche Methoden in welchem Jahrgang eingeführt werden, damit sich alle Kolleginnen und Kollegen darauf verlassen konnten, dass die Schülerinnen und Schüler über diese Kompetenzen auch verfügten. Schließlich entstand ein Raster über Methoden, die die Schüler am Ende der Sekundarstufe I beherrschen sollten.

 

12.3 Neustrukturierung des Schulalltags

                                                                               

12.3.1 Neuordnung des Sprachenunterrichts für die Sekundarstufe I

 

Da Englisch mittlerweile bereits in der Grundschule ab der dritten Klasse unterrichtet wurde, war diese Sprache an den weiterführenden Schulen stets erste Fremdsprache. Mit der Schulzeitverkürzung begann die zweite Fremdsprache in der sechsten, die dritte in der achten Klasse. Da das Beethoven-Gymnasium in der Regel in zwei Klassen der Stufe 5 mit der zweiten Fremdsprache Latein begann (Lateinklassen), musste gleichzeitig in der Erprobungsstufe Englisch als reguläres zensiertes Fach mit jeweils zwei Wochenstunden unterrichtet werden. Diese Schüler hatten in den Klassen 5/6 vier Stunden Englisch weniger als diejenigen, die in der Stufe 5 Englisch mit vier Stunden fortführten (Englischklassen) und in der Stufe 6 vierstündig mit Latein begannen.

Die für die Sekundarstufe I vorgeschriebene Stundentafel war eine sog. Kontingent-Stundentafel, die nur für jeweils zwei Schuljahre das wöchentliche Unterrichtsvolumen, aber nicht die zeitliche Verteilung pro Jahr vorschrieb: minimal 158, maximal 163 Stunden in der Woche für die ganze Sekundarstufe I (die empfohlene Richtgröße lag bei 162/163 Stunden). Neben den sog. Kernstunden (Stunden pro Fach der Kerntafel) gab es 10 bis 12 Ergänzungsstunden: fünf Stunden individuelle Förderung (vier Stunden in Mathematik, Deutsch, Englisch und Latein sowie eine Stunde begabungsschwerpunktmäßige Förderung) und 5 bis 7 Kerntafelfächerwochenstunden (z. B. Physik).

Bei diesen einigten sich Kollegium, Elternschaft und Schulkonferenz (21. Mai 2007) auf ff. Verteilung:

„Stufe 5: eine Stunde Deutsch für Englischklassen

Stufe 6: eine Stunde Englisch für Lateinklassen

Stufe 7: zwei Stunden Physik

Stufe 8: eine Stunde Informatik; eine Stunde dritte Fremdsprache

Stufe 9: eine Stunde dritte Fremdsprache.“

Die zusätzliche Stunde im Fach Deutsch (Englischklassen Stufe 5) sollte von den jeweiligen Deutschlehrern erteilt werden und die Arbeit mit der zweiten und dritten Fremdsprache vorbereiten. Die Fachbereiche Deutsch, Latein, Englisch und Französisch erstellten hierfür ein Kern-Curriculum, das auf die „Ausbildung grammatischer und struktureller Kenntnisse“ abzielte. Dabei konnte man auf die jahrelangen Erfahrungen und Materialien mit der „Sprachwerkstatt Deutsch/Mathematik(Klasse 5) und mit dem Projekt „Latein und Europa“ (Klasse 6) zurückgreifen.

 

Da die Wochenstundenzahl in der Sekundarstufe I (G8) – einschließlich der Ergänzungs- und Förderstunden – nur in der Klasse 5   30 Stunden betrug, in den anderen Klassen aber auf 32 bis 34 anstieg, konnte im weiteren Verlauf der Einführung von G8 der Unterricht nicht mehr allein auf den Vormittag beschränkt werden. Andererseits gab es noch keine Möglichkeit einer sinnvollen und praktikablen Übermittagbetreuung, da an eine Realisierung der Pläne, die ehemalige Hausmeisterwohnung zu einer Mensa bzw. einem Mehrzweckraum umzubauen, noch nicht zu denken war. Außerdem beeinträchtige, wie man überzeugt war, ein Nachmittagsunterricht zu sehr die anderen außerunterrichtlichen Tätigkeiten der Schüler. Ein Unterricht an zwei Samstagen bedeute eine Entlastung für den Nachmittagsunterricht, würde aber zu sehr in die bisherigen Familienwochenenden eingreifen. Daher stimmten Lehrerkonferenz, Schulpflegschaft und Schulkonferenz (21. Mai 2007) für einen Vormittagsunterricht zunächst für das kommende Schuljahr (1. bis 7. Stunde, ohne Nachmittags- oder Samstagsunterricht; die frei gehaltene Stunde für den Gottesdienst zählte nicht als Unterrichtsstunde).

 

12.3.2 „Ganztagsoffensive“ des Landes für die Sekundarstufe I

 

Im Juli 2008 wurden die endgültigen Inhalte und Konkretisierungen der „Ganztagsoffensive Sek. I“, bestehend aus drei „Handlungssäulen“, bekannt. Die ersten beiden Säulen „1000-Schulen Programm“ sowie „Programm Geld oder Stelle“ betrafen alle Schulformen der Sekundarstufe I, die noch nicht Ganztagsschulen waren. Darüber hinaus bestand für alle Realschulen und Gymnasien die Möglichkeit, einen Antrag auf den sog. „gebundenen Ganztag“ zu stellen.

 

  1. 1000-Schulen Programm“

 

Hiernach mussten die Schulen bis zum 30. November 2008 die „Förderung von Räumlichkeiten und Erstausstattung für Aufenthalt und Verpflegung“ beantragen. Das Land gewährte einen Zuschuss in Höhe von 100.000 €, wenn der Schulträger einen Eigenanteil in mindestens gleicher Höhe bereitstellte. Im Falle des Beethoven-Gymnasiums lief seit zwei Jahren die Planung, die ehemalige Hausmeisterwohnung zu einer Warmhalteküche und zwei Essräumen umzubauen, die auch als Mehrzweckräume benutzbar waren. Die Räumlichkeiten reichten für 60 Essplätze aus. Bei der damaligen Schülerzahl in Sekundarstufe I konnten ca. 240 Schülerinnen und Schüler ein Essensangebot wahrnehmen.

 

  1. Geld oder Stelle“

 

Dieses Förderprogramm sollte eine pädagogische Übermittagsbetreuung sowie Ganztags- und Betreuungsangebote ermöglichen (z. B. Arbeitsgemeinschaften, Förder- und Freizeitangebote, Bewegung, Kultur, usw.). Ab dem 1. Februar 2009 stellte das Land Lehrerstellenanteile und/oder Barmittel für Personalmaßnahmen im Rahmen schulischer Veranstaltungen zur Verfügung: zur „pädagogischen Betreuung und Aufsicht in der Mittagspause“ für alle Schüler der Sekundarstufe I mit verpflichtendem Nachmittagsunterricht sowie für „ergänzende Arbeitsgemeinschaften, Bewegungs-, Kultur- und Förderangebote im Rahmen von Ganztags- und Betreuungsangeboten“ auch für Schüler mit Halbtagsunterricht. Jede Schule war verpflichtet, an Tagen mit Nachmittagsunterricht eine Übermittagsbetreuung zu gewährleisten, ohne dass Elternbeiträge erhoben werden durften (außer bei ergänzenden außerunterrichtlichen Angeboten). Die Schulen konnten „außerschulische, i. d. R. gemeinwohlorientierte Partner“ beteiligen; „kommerzielle Nachhilfeinstitute oder vergleichbare Einrichtungen“ waren unzulässig. Für das Beethoven-Gymnasium bedeutete das, das „bisherige Silentium in ein pädagogisches Konzept mit etwas anderer Zielsetzung zu überführen“, wenn die Schulkonferenz ihre Zustimmung gegeben hatte. Der Schulträger musste hierzu schon zum 15. Oktober 2008 den entsprechenden Förderantrag an das Land stellen, da das Programm am 1. Februar 2009 startete.

 

  1. Gebundener Ganztag“

 

Nach diesem Programmbaustein konnten zwei Bonner Schulen (eine Realschule und ein Gymnasium) auf Antrag zum 1. August 2009 und zwei weitere zum 1. August 2010 zu „gebundenen Ganztagsschulen“ umgewandelt werden. Voraussetzung hierfür waren die regelmäßige Teilnahme aller Schüler an Ganztagsangeboten von der Stufe 5 an, ein pädagogisches Konzept, der Beschluss aller Mitwirkungsgremien und ein Antrag durch den Schulträger bis zum 31. Oktober 2008. Sowohl aus grundsätzlichen Erwägungen gegenüber einem durchgängigen Nachmittagsunterricht (bei fehlenden räumlichen Voraussetzungen) als auch wegen des völlig unrealistischen Termins lehnten Kollegium und Elternschaft eine Teilnahme des Beethoven-Gymnasiums ab.

 

12.3.3 Nachmittagsunterricht an drei Wochentagen

 

Der Runderlass vom 31. Juli 2008 verdeutlichte die rechtlichen Grundlagen und regelte das Verfahren zur Neustrukturierung des Unterrichts (unter den Bedingungen des G8). Vollzeitunterricht an wöchentlich fünf Tagen wurde zur Regel; über Ausnahmen (Unterricht an höchstens zwei Samstagen – auch für Teilstufen möglich) entschied die Schulkonferenz. Die Unterrichtsverteilung und -organisation hatte sich an folgende Vorgaben zu halten:

  • in den Stufen 5/6 an höchstens einem Nachmittag Unterricht;
  • in den Stufen 7/8 an höchstens zwei Nachmittagen Unterricht;
  • am Vormittag nicht mehr als sechs Unterrichtsstunden;
  • in der Sek. I Vormittags- und Nachmittagsunterricht insgesamt nicht mehr als acht Stunden;
  • Mittagspause zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht 60 Minuten;
  • die Schule gewährleistet die Aufsicht;
  • keine Klassenarbeiten am Nachmittag;
  • an Tagen mit Nachmittagsunterricht keine Hausaufgaben in Fächern, die auch am folgenden Tag unterrichtet werden.“

 

„Zum Verfahren:

Lehrerkonferenz, Schulpflegschaft, Klassen- und Jahrgangsstufenpflegschaften sowie der Schülerrat beraten über die geplante Unterrichtsverteilung, so dass sie sich vor der Schulkonferenz entsprechend äußern können, die den endgültigen Beschluss fasst. Zu deren Sitzung werden der Schulträger und der/die Vorsitzende der Schulpflegschaft eingeladen.

Eine mehr als nur geringfügige Verkürzung der Mittagspause über den 31. Januar 2009 hinaus ist nur so lange übergangsweise möglich, bis die Infrastruktur für eine Mittagspause geschaffen worden ist, längstens jedoch bis zum 31. Januar 2011. Dies bedarf der Zustimmung der Schulpflegschaft“.

 

Mittlerweile hatte die Stadt die nötigen Gelder für den Umbau der ehemaligen Hausmeisterwohnung bewilligt und zugesagt, die entsprechenden Bau- und Einrichtungsmaßnahmen bis zum Ende der Sommerferien 2009 abzuschließen. Vorgesehen waren zwei Räume, in denen 60 bis 70 Kinder (44 und 20 bis 26) essen konnten. Das Mittagessen sollte von einer Catering-Firma angeliefert werden, die auch die Austeilung des Essens übernehmen wollte (vor Ort war nur eine Warmhalteküche vorgesehen). Das Mobiliar für die beiden Speiseräume sollte unter dem Gesichtspunkt ausgesucht werden, dass es leicht für eine anderweitige Nutzung der Räume zu entfernen war.

 

Arbeitsgruppen des Kollegiums arbeiteten verschiedene Modelle für die zu verteilenden Unterrichtsstunden aus (Stufe 5: 30; Stufe 6/7: 32; Stufe 8/9: 34), wobei die Stufe 5 mit reinen Vormittagsstunden unberücksichtigt blieb (Gottesdienst mittwochs in der ersten Stunde zählte nicht als Unterricht). Für die Stufe 6/7 bestand die Möglichkeit, den über 30 Stunden hinausgehenden Unterricht jeden zweiten Samstag oder an einem Nachmittag zu halten, für die Stufe 8/9 jeden zweiten Samstag und an einem Nachmittag oder an zwei Nachmittagen. Bei einer Entscheidung für Nachmittagsunterricht sollte der Freitag nach der sechsten Stunde frei sein. Auch war aus Gründen der Praktikabilität zu vermeiden, dass an einzelnen Tagen sämtliche Stufen gemeinsam unterrichtet würden (zu kleine Mensa). Schließlich bedeutete eine Koppelung der Stufen 6 und 7 einen zu hohen Betreuungsbedarf.

Das Modell einer Umstellung auf 60-Minuten-Unterrichtseinheiten, das bei fünf auf einander folgenden Stunden – mit entsprechenden Pausen – Nachmittags- und Samstagsunterricht vermeiden könnte, widersprach dem Sinn des Erlasses und setzte die gleiche Regelung der Kooperationsschulen voraus. In keiner Weise praktikabel und umsetzbar war dieses Modell bei einer Pause nach der vierten Stunde, weil dann alle Stufen gleichzeitig das Essen einnehmen müssten (wofür weder die Raum- noch die Personalkapazität ausreichte).

 

In der Schulpflegschaftssitzung am 8. Dezember 2008, dem ersten Gremium, dem die Modelle vorgestellt wurden, waren die Meinungen sehr geteilt. Die Befürworter eines Samstagsunterrichts sahen die Vorteile vor allem in der „Entspannung des Arbeitstages der Kinder unter der Woche“. Andererseits würde „erheblich in die Familien eingegriffen und das gemeinsame Wochenende beeinträchtigt“. Gerade dies vermied der Nachmittagsunterricht, der zudem „zwar als belastend, aber zumutbar“ empfunden wurde. Allerdings ging das zu Lasten nachmittäglicher außerunterrichtlicher Aktivitäten (Musik, Sport, muttersprachlicher Unterricht, usw.). Bei einer Probeabstimmung ergab sich „nahezu ein Patt“ zwischen den Modellen des Nachmittags- und des Samstagsunterricht. Man beschloss daraufhin, im Anschluss an das Schulhalbjahr in allen Klassen/Stufenpflegschaften über die Modelle abstimmen zu lassen und das Votum der Schulkonferenz zu übermitteln.

 

Auf der Lehrerkonferenz am 8. Januar 2009 wurde über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle und über die noch zu lösenden Probleme ähnlich kontrovers diskutiert. Gegen den Samstagsunterricht sprach vor allem, dass er nur eine bedingte Entlastung am Nachmittag gewährte und die „Erhaltung des freien Samstags für das Familienleben von großer Bedeutung sei“. Das Modell eines Unterrichts an nur drei Nachmittagen hatte den Vorteil, dass noch zwei Tage frei für andere Aktivitäten und den Lehrern mehr Zeit zum Korrigieren blieben. Wenn es auch keine Fächerauswahl für den Vor- oder Nachmittag geben sollte, so waren doch mehr Doppelstunden als früher notwendig, um die Schüler nicht mit zu vielen Fächern an einem Tag zu überfordern.

Im Hinblick auf die nutzbaren Räume und die Beschäftigungsangebote über Mittag bevorzugte man die sog. „Insellösung“, bei der kleine Schülergruppen z. B. in der Turnhalle, der Bibliothek oder in einzelnen Klassenräumen die von ihnen bevorzugten Angebote wahrnehmen konnten (z. B. Bewegung, Ruhen, Lesen, Hausaufgaben, Mathematik-Werkstatt, Englisch-Fragestunde, usw.). Eine 60minütige Aufsicht sollte mit einer halben Pflichtstunde auf das Stundenkontingent eines Lehrers angerechnet werden. Darüber hinaus konnten Fremdkräfte die Aufsicht/Betreuung übernehmen, wofür der Schule 25.000 € zur Verfügung standen.

 

Schließlich sprach sich die Konferenz – bei nur 10 Gegenstimmen – für einen Nachmittagsunterricht aus, in einem zweiten Schritt mit ganz großer Mehrheit für den nachmittäglichen Unterricht an drei Wochentagen.

 

Bis zu einer endgültigen Entscheidung durch die Schulkonferenz im Frühjahr 2009 sollten Arbeitsgruppen weitere Vorschläge für noch zu lösende Probleme machen:

  • die Organisation eines Mittagsessens für zwei Jahrgangsstufen innerhalb von 60 Minuten in der ehemaligen Hausmeisterwohnung;
  • verbindliche Festlegung der gleichzeitig zu unterrichtenden Jahrgangsstufen und der jeweiligen Wochentage (Planungssicherheit);
  • geeignete Räume zur Nutzung nach dem Mittagessen;
  • Angebot an sinnvollen Freizeit-, Entspannungs- und Spielmöglichkeiten (freie Wahl, zeitliche Begrenzung);
  • Aufsichtspersonen in den 60 Minuten“.

Schließlich war auch zu klären, „wie das umfangreiche AG-Angebot des Beethoven-Gymnasiums möglicherweise in einer Förderschiene in den Vormittag eingebaut werden“ könnte, „um auch weiterhin vorbereitungsintensive Projekte, z. B. des Chors, zu ermöglichen und insgesamt das Profil der Schule zu wahren“.

 

Nachdem sich die Schulkonferenz dem Votum der Lehrerkonferenz (Nachmittagsunterricht an drei Wochentagen) angeschlossen hatte und die Mensa fertig gestellt war, konnte die Übermittagbetreuung im Schuljahr 2009/10 (zunächst nur für die Klassen 6 und 9) beginnen. Dienstags hatten die Klassen 6 zwei Nachmittagsstunden, montags und mittwochs die Klassen 9 jeweils zwei Stunden. Da der Stundenplan vermehrt Doppelstunden ermöglichte, konnten Fächer zu einem 14tägigen Unterricht (A- und B-Wochen) zusammengelegt werden, so dass auch den Lehrkräften zu viele Freistunden erspart blieben.

Ein „Catering-Service“ mit zwei Küchenkräften lieferte das Essen. Das Angebot umfasste zwei Gerichte, darunter ein vegetarisches; zusätzlich konnte noch ein Dessert den Genuss abrunden (die Bestellungen liefen über das Internet). Die „Jugendfarm Beuel“ koordinierte die Übermittagbetreuung (4 Betreuerinnen für Sport, Spiel und Kunst). Da sowohl Mittagessen und Betreuung sich bewährt hatten, konnte ein Raster für die Mittagspausen ab 2011/12 festgelegt werden: dienstags Stufe 6   7. Stunde, Stufe 7   6. bzw. 7. Stunde, Stufe 8 und 9 montags und mittwochs 7. Stunde, Stufe 10 jeden Wochentag 6. Stunde. Eine Psychologin bot dienstags in der 7. Stunde ihre Hilfe an. Außerdem war das Beethoven-Gymnasium offiziell anerkannte Zivildienststelle, so dass ehemalige Schüler als Zivildienstleistende in die Betreuung eingebunden werden konnten. Mit diesen Maßnahmen der letzten drei Schuljahre hatte das Beethoven-Gymnasium die wichtigsten Hürden in der Neustrukturierung des Schulalltags unter den Bedingungen von G8 genommen.

 

Zu Beginn des Schuljahres 2008/09 wurde offenbar, dass Schulleiter Wolfshohl krankheitsbedingt früher als gedacht das aktive Berufsleben aufgeben musste. Das Abschiednehmen fiel ihm schwer, weil er vor allem erst noch die reibungslose Einführung von G8 zu Ende bringen wollte. Doch blieb ihm die Gewissheit, mit allen am Schulleben Beteiligten „manches Neue“ bewältigt zu haben, „ohne dass Bewährtes zerschlagen wurde“. Wolfshohl schied nach eigenem Bekunden in der Überzeugung, „dass man in zugewandtem gesprächsbereiten Miteinander auch schwierige Hürden nehmen und vieles gestalten“ könne.

Die Verabschiedung erfolgte in zwei Schritten. Auf der offiziellen Feier in der Aula am 16. Dezember 2008 wurde deutlich, so der Chronist des Jahresberichtes 2009 des Beethoven-Gymnasiums, dass alle Beteiligten Wolfshohls vorzeitigen Abschied „als großen Verlust“ betrachteten. Zur zweiten Feier am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien erwartete die ganze Schulgemeinde (einschließlich des Autors) Wolfshohl, „von einem Schüler- und Luftballonspalier begrüßt“, zu einem Taizé-Gottesdienst in der Kreuzkirche. Die anschließende endgültige Verabschiedung im Lehrerzimmer fand der Chronist „herzlicher und intimer“ als die erste. Allerdings sollte „endgültig“ aus heutiger Sicht nicht so wörtlich genommen werden, denn Wolfshohl stand mit Rat und (vor allem) Tat der nachfolgenden Schulleitung zur Verfügung und erwies ihr noch manchen Dienst.