6.  Das (spätere) Beethoven-Gymnasium in der Weimarer Zeit:

 Das gute Alte mit dem guten Neuen vereinen“.

 

  • Folgen der Revolution 1918: „Staatliches Gymnasium“ ohne die drei Kaiserfenster

 

Der Schulleiter des Beethoven-Gymnasiums, Geheimrat Dr. Emil Genniges, der in Bonn Germanistik und alte Sprachen studiert und sein Referendariat 1889/90 an dieser Schule absolviert hatte, war schon 12 Jahre im Amt, als die revolutionären Ereignisse 1918 auch auf das Rheinland übergriffen. Mit dem Sturz der Monarchie wurde aus dem Königlich Preußischen Gymnasium ein schlichtes „Staatliches Gymnasium“ zu Bonn, was nach der bisherigen Tradition der Namensgebung weder Schulleiter noch Kollegium behagen konnte. Ein anderes, noch weithin sichtbares Relikt erinnerte an die monarchische Zeit: die drei Kaiserfenster der Aula. 1919 setzten angeblich Spartakisten Genniges unter Druck, sie zu entfernen, sonst würden sie sie zerschlagen. Der Schulleiter ließ sie daraufhin herausnehmen und auf dem Speicher der Schule abstellen, – wohl in der Hoffnung auf eine spätere Weiterverwendung. In die drei leeren Medaillons baute man schmucklose, weißgelbliche Glasflächen ein.

 

Die revolutionären Ereignisse 1918/19 entwickelten vornehmlich bei der katholischen Bevölkerung des Rheinlands zusätzlichen Zündstoff durch die Berufung des als Atheisten „verschrieenen“, linksradikalen Vertreters der USPD, Adolf Hoffmann, in das preußische Kultusministerium, dem man sogleich die Absicht unterstellte, die Schule aus dem kirchlichen Bereich lösen zu wollen. In diesem Sinne wurden die Verordnungen Hoffmanns, die geistliche Aufsicht in der Volksschule, das Schulgebet und Religionslehre als Schulfach abzuschaffen, als Versuch gewertet, eine Einheitsschule ohne kirchliche und politische Bevormundung einzuführen. Es kam zu scharfen Reaktionen des rheinischen Zentrums und der DNVP, die sich bald in „Kulturkampf“ ähnliche Heftigkeit und vereinzelt sogar in separatistische Bestrebungen gegenüber dem Reichsland Preußen verstiegen. Auch die überaus starken Proteste der Geistlichkeit und der akademisch ausgebildeten Lehrerschaft führten schließlich zu einer schnellen Entlassung Hoffmanns und der Rücknahme seiner Erlasse.

Für weitere Befürchtungen sorgten die Beratungen der Nationalversammlung über die Ausgestaltung des Schulwesens in der neuen Verfassung. Durch seine Zustimmung zum Versailler Vertrag erreichte das Zentrum in dem „Weimarer Schulkompromiß“ (Art. 146,2 und 174 der Reichsverfassung) die faktische Anerkennung der Konfessionsschule im Rheinland, so dass hier das Schulwesen in der bisherigen Form weitgehend bestehen blieb. Allerdings wurden reichseinheitlich die ehemaligen (meist dreijährigen) „Vorschulen“ der höheren Schulen abgeschafft und ein vierjähriger Volksschullehrgang (mit anschließender Aufnahmeprüfung) als Voraussetzung für den Übergang zum Gymnasium festgelegt. Darüber hinaus wählten die Eltern für jede Schule Beiräte (auf je 50 Schüler ein Beiratsmitglied), die – in Verbindung mit der Lehrerschaft – durch „beratende Mitwirkung“ für ein „gutes Einvernehmen“ mit der Schule sorgen und in Versammlungen mit den Lehrern vor allem über Erziehungsfragen beraten sollten.

 

 

 

6.2 Beibehaltung der traditionellen Schultypen in Preußen: Staatliches Beethoven-Gymnasium

 

Auf der Reichsschulkonferenz vom Juni 1920 forderten konsequente Schulreformer, die alle Prüfungen als „unpädagogische unzeitgemäße Einrichtungen“ ablehnten, die Abschaffung des Abiturs, eine Wahlfreiheit der Schüler bei Prüfungsfächern und die Aufhebung der Bewertung nach Haupt- und Nebenfächern. Die Anhänger der Reifeprüfung setzten sich mit dem Kompromiss durch, „die Zuerkennung von Berechtigungen in erster Linie an die Schlußbeurteilung durch die Schule“ zu binden, „in zweiter Linie an Prüfungen, die grundsätzlich an der eigenen Anstalt abzuhalten“ seien. Da allerdings die Schulpolitik Ländersache war, blieben die Beschlüsse der Konferenz in der Praxis wirkungslos, ohne dass jedoch die Kontroverse über die Reform des Abiturs aufhörte. Entscheidend hierfür war der Weg, den Preußen bei der Neuordnung des höheren Schulwesens beschritt: Es behielt die traditionellen Schultypen bei und ließ sogar als neue Variante mit deutschkundlichem Schwerpunkt die „Deutsche Oberschule“ zu.

 

Die Besetzung des linksrheinischen Gebietes des Deutschen Reiches durch englische, französische und belgische Truppen Ende 1918 und die Bildung einiger Brückenköpfe rechts des Rheins, mit folgenschweren Eingriffen in das öffentliche Leben, zogen einschneidende Folgen für die Lebensumstände und Mentalität der Bevölkerung im Rheinland nach sich. Wer sich den Anordnungen der Besatzungsmächte widersetzte, wurde umgehend in das übrige Reichsgebiet ausgewiesen. Schulen, Turnhallen und Schulhöfe konnten für militärische Zwecke beschlagnahmt werden. Die Ruhrgebietsbesetzung und die Unterstützung des Separatismus durch die Franzosen 1923 verstärkte auch in der katholischen Bevölkerung des Rheinlandes die deutsch-nationale Einstellung.

Der beliebte Schulleiter Genniges, von dem später zahlreiche Geschichten weiter erzählt wurden, soll für seine Schüler zweimal eine Haftstrafe im Bonner Gefängnis abgesessen haben. Als nämlich französische Offiziere, die an der Rheinpromenade vor dem Schulhof des Gymnasiums ausritten, von Schülern mit Steinen beworfen wurden, weigerte sich Genniges, die „Übeltäter“ zu ermitteln, so dass er verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurde. Bei seiner Entlassung bereiteten ihm die Schüler einen großen Empfang vor der Haftanstalt in der Wilhelmstraße und geleiteten ihn in einem „Triumphzug“ durch die Stadt in die Aula zu einer Feierstunde. Nachdem ältere Schüler am Schluss das damals verbotene Deutschlandlied angestimmt hatten, brachte die französische Militärpolizei Genniges für kurze Zeit wieder ins Gefängnis.

 

Die Kosten für den passiven Widerstand und die Hyperinflation unterwarfen die Schulen einem außerordentlichen Sparzwang, der durch den Lehrermangel nach dem Krieg noch verschärft wurde. So konnten sich vorsichtige preußische Reformversuche bei der Mitbestimmung und Selbstverwaltung der Schulen in der Rheinprovinz zunächst kaum durchsetzen, da hier jeder Schritt, der die überlieferte Institution des Gymnasiums zu gefährden schien, erst einmal abgelehnt wurde.

Erst mit der endgültigen Räumung des besetzten rechtsrheinisch-westfälischen Gebietes und dem Abschluss des Locarno-Vertrages 1925 begann sich im Rheinland die politische und wirtschaftliche Lage zu stabilisieren. Es war sicherlich ein Zeichen des wachsenden Selbstbewusstseins, dass Kollegium und Schulleitung sich gerade jetzt einen Namenspatron wünschten: Zu Ehren des Schülers/Studenten der alten Universität durfte sich auf den entsprechenden Antrag hin die Schule seit dem 17. Dezember 1925, dem Tauftag Ludwig van Beethovens, „Staatliches Beethoven-Gymnasium“ nennen, – auch als vorgreifende Reverenz zu verstehen im Hinblick auf die großen Feierlichkeiten 1926 zum Jubiläum der tausendjährigen Zugehörigkeit der Rheinprovinz zum Reich: „Die Rheinlande – integrierender Bestandteil des Reiches und Preußens“. Eine eigene „Beethovenfeier“ am 25. März 1927 mit Festrede („Was Beethoven uns als Menschen, Erziehern und Schülern bedeutet“), Chor und Orchester in der Aula (wegen Platzmangels für die Klassen 5 bis 9 schon vormittags als „Generalprobe“, abends für die zahlreich erschienen Eltern und die Oberstufe) sollte sicherlich die Berechtigung der Namensgebung unterstreichen. Unmittelbar nach den Sommerferien beschloss das Kollegium schließlich, die amtliche Bezeichnung nunmehr auch über dem Hauseingang, gewissermaßen für alle Zukunft, „einhauen zu lassen“. Die endgültige Rheinlandräumung wurde am 1. Juli 1930 in einem festlichen Rahmen morgens in der Aula gefeiert.

 

  • Richertsche Schulreform: Berücksichtigung der Individualität der Schüler

 

In Anlehnung an frühere Ansätze der preußischen Schulaufsicht begann der federführende Ministerialbeamte Hans Richert (Richertsche Schulreform), Lerninhalte und –formen neu zu gestalten. Hauptziel der 1925 bis 1927 in Preußen eingeführten Gymnasialreform war die „Erziehung zu humaner Bildung“ durch einen „kulturkundlichen“ Unterricht, der unter dem Motto „Konzentration“ statt „Zersplitterung“ stand. Das Gymnasium erhielt dabei die Aufgabe zugesprochen, die Bildungsgüter der antiken Kultur zu vermitteln. Die Reduzierung der Pflichtstunden um drei bis vier Prozent gegenüber 1901 wollte die viel gescholtene „Überbürdung“ der Schüler abbauen, kam aber auch dem dringend notwendigen Sparzwang entgegen. „Arbeitsunterricht“ und freie Arbeitsgemeinschaften sollten der Individualität der Schüler Rechnung tragen. Mit einer größeren Freiheit der Lehrer in der methodischen und inhaltlichen Gestaltung verband sich gleichzeitig die Auflage, an den Richtlinien orientierte klasseneigene Jahreslehrpläne jeweils zu entwickeln und zur Überprüfung einzureichen.

Die Reform zielte ausdrücklich auf die Erziehung der Schüler zu einer republikanischen Staatsordnung. Am Anfang eines jeden Jahresdrittels sollten alle Klassen „einen Ordner und zwei Sprecher“ wählen. „Die Ordner und Sprecher der Klassen UII – OI [Klasse 10 bis Stufe 13] bildeten den Schülerausschuß, der aus seiner Mitte einen Vorsitzenden wählte“. Der Klassenlehrer hatte „in der Regel“ monatlich eine „Klassengemeinde“ zu leiten, eine Einrichtung, die sich nach Meinung von Genniges „ bewährt[e]“. Der „Elternbeirat“ aus 10 (im Juni) zu wählenden Müttern (z. B. 1928 vier Damen) und Vätern hielt in der Regel zweimal im Jahr eine Sitzung ab, – „sämtlich im Geiste herzlichen Vertrauens zwischen Elternhaus und Schule“. Auf „Elternversammlungen“ wurden „Fragen der Schulgeldermäßigung, der Unfallversicherung, der Schulzeugnisse besprochen und den Eltern die Sorge für die sittliche Bewahrung ihrer Kinder dringend ans Herz gelegt“. 1929 klagte allerdings Genniges, „leider war die Teilnahme nicht immer so zahlreich, wie es im Hinblick auf die große Bedeutung derartiger Beratungen wünschenswert gewesen wäre“.

Mit dieser Neuausrichtung des höheren Schulwesens eng verbunden ist der Name des ersten Nachkriegsschulleiters des Beethoven-Gymnasiums, Dr. Karl Schümmer. In den damaligen Richtlinien, so lobte sein Nachfolger, Dr. Wilhelm Grenzmann, sein Wirken, sei sein Geist zu spüren; „man könnte fast an der Formulierung einzelner Sätze feststellen: Hier hat Direktor Schümmer mitgewirkt“. In den anschließenden Lehrgängen zur Umsetzung der Reformen wäre „die subtilste und feinste Arbeit“ geleistet worden (Jahresblätter 1960).

 

Zusammen mit einigen vorgezogenen Änderungen erhielt die Reifeprüfung von Ostern 1927 an ihr endgültiges Gesicht: Eine „mathematische Arbeit“ war in allen Schultypen anzufertigen. Beim Deutschaufsatz konnten die Schüler zwischen vier Aufgaben wählen, die aus jeweils verschiedenen Gebieten hervorgingen. Als noch einschneidendere Revision galt die endgültige Abschaffung des lateinischen „Scriptums“ (eines Aufsatzes in Lateinischer Sprache) – in der Übergangszeit war eine „deutsch-lateinische Übersetzung“ gefordert. Mit der seither geltenden Übersetzung eines lateinischen Originaltextes ins Deutsche wurde die „Entwicklung des modernen Gymnasiums, die mit dem Verzicht auf den lateinischen Aufsatz einsetzte, … folgerichtig zu Ende geführt“ (Bölling). Die Gymnasialschüler mussten jeweils eine noch nicht behandelte, inhaltlich geschlossene Originalstelle eines aus dem Unterricht bekannten griechischen bzw. lateinischen Autors ins Deutsche übersetzen; im Lateinischen sollte „eine dem Stilcharakter des Schriftstellers möglichst nahe kommende Wiedergabe in guter deutscher Sprache“ erfolgen (in der Regel ein Auszug aus Seneca, Tacitus oder den Briefen des jüngeren Plinius).

Selbst bei eindeutigem Leistungsbild gab es keine Befreiung von einer mündlichen Prüfung, die sich auf die vier schriftlichen Fächer und auf ein vom Abiturienten ausgewähltes Fach beziehen konnte, das die „besondere Leistungsfähigkeit“ des Schülers beweisen sollte. Ganz neu war die für alle verbindliche Prüfung in Sport mit leichtathletischen und turnerischen Übungen und Spielen. Im Gegensatz zur Kaiserzeit musste nicht nur jeder Schüler mit der Meldung zur Prüfung seinen Lebenslauf mit einem sehr ausführlichen Bildungsgang anreichern; auch die Lehrer hatten ein sehr detailliertes Gutachten über Begabungen, Leistungen und Tätigkeiten der Abiturienten zu schreiben. Jedes Zeugnis schloss mit einem Gesamturteil: „Bestanden“, „Gut bestanden“, „Mit Auszeichnung bestanden“; hingegen entfielen die früheren Kopfzensuren für „Betragen“ und „Aufmerksamkeit“. Die Anhänger einer Schulreform waren mit dieser Reifeprüfungsordnung großenteils einverstanden; sollte sie doch nicht mehr die Schwächen der Schüler, sondern ihre individuelle Stärke und die „Vorzüge ihrer Persönlichkeit“ aufzeigen.

 

6.4 Umsetzung der neuen Richtlinien auf dem Beethoven-Gymnasium:

 

6.4.1 Die Jahrespläne für die einzelnen Klassen

 

Mit der Beruhigung der politischen Situation in der Rheinprovinz 1925/26 konnte das Provinzialschulkollegium (PSK) nunmehr auch in dieser Region dazu übergehen, die Reform zügig durchzusetzen und seit 1926 zunächst Übergangsrichtlinien zu verordnen, die in den allgemeinen, in den Fach- und Klassenkonferenzen besprochen und ausgeführt werden sollten. Aus dem preußischen Beamtentum der Kaiserzeit hervorgegangen, konnte Genniges gleichwohl, nach dem Urteil der Zeitgenossen, allen Anforderungen der Schulreform und der neuen Lehrpläne und Unterrichtsmethoden gerecht werden. Mit großer „geistiger Beweglichkeit“ und „Anpassungsfähigkeit“ widmete er sich der Aufgabe, wie man im Unterricht „wirklich wertvolles Wissen“ vermitteln und den „Geist des Schülers am fruchtbarsten“ anregen konnte.

Seit Beginn 1927 war die Umsetzung der Richtlinien beherrschendes Thema der Konferenzen. Genniges schickte in der Regel die Vorsitzenden der Fachkonferenzen zu den „Fortbildungskursen zur Durchführung der Schulreform“ und ließ sie z. T. auch in den allgemeinen Konferenzen darüber berichten. Er beauftragte Kollegen, zur Beurteilung und Umsetzung wichtiger Kernthemen der Richtlinien „Leitsätze“ zu erarbeiten, die dann nach eingehender Beratung und mit eventuellen Änderungen bzw. Zusätzen vom Kollegium angenommen wurden. Diese Entscheidungen flossen auch in die Erstellung der „Jahrespläne“ für die einzelnen Klassen ein, die die Lehrer zu Beginn des jeweiligen Schuljahres dem Schulleiter abgeben mussten, der sie seinerseits in seinem Bericht an das Provinzialschulkollegium (PSK) weiter verwendete. Außerdem ließ Genniges Themen und Arbeitsaufträge für die Rheinische Direktorenkonferenz im Kollegium besprechen, um dessen Votum dann im Kreise der Direktoren weiter zu beraten sowie Anregungen und Entscheidungen der Direktoren anschließend in seiner Schule wieder zu behandeln. Auf diese Weise fand ein reger Gedankenaustausch zwischen den verschiedenen Ebenen statt, und das PSK konnte sich einen Überblick über Umsetzung und Fortschritt der Reformen machen. Die Teilnahme von Mitgliedern des Elternbeirates an den Fortbildungskursen, „damit sie sich ein Bild von der Arbeit des Philologenstandes machen“ könnten, lehnte das Kollegium des Beethoven-Gymnasiums ab.

 

Anlässlich eines ersten Erfahrungsberichtes über das Abitur nach der neuen Prüfungsordnung wandte sich das Kollegium vor allem gegen die Verbindlichkeit einer mündlichen Prüfung und verlangte das Recht der Prüfungskommission, „einerseits unzweifelhaft reife Schüler von der mündlichen Prüfung zu befreien, andererseits unzweifelhaft nicht reife Schüler von ihr ausschließen zu können“. Auch die Vorgabe, in der mündlichen Prüfung dem Schüler eine größere Aufgabe zu geben, die er in freiem Vortrag zu behandeln hatte, beurteilte man vor allem im Hinblick auf das Wahlfach skeptisch, da sich hier der Prüfling zu sehr auf ein Thema und dessen entsprechende Darbietung vorbereiten würde. Man bevorzugte wohl einen Text oder eine Aufgabe und deren Übersetzung, Interpretation bzw. Lösung als Ausgangspunkt einer Prüfung. Der Schulleiter wollte noch einen neuen Passus hinzugefügt wissen, nach dem ein durchgefallener Schüler gegebenenfalls schon nach einem halben Jahr zur Wiederholung der Prüfung zugelassen werden könnte.

 

6.4.2 Der Deutschunterricht: Wahlthemen im Aufsatz

 

Zur Überwachung der Umsetzung der Fachrichtlinien vor allem in Deutsch überprüfte das PSK die Jahresberichte der Schulen 1926 und 1927, „inwieweit die im deutschen Unterricht gestellten schriftlichen Aufgaben und demnach der deutsche Unterricht überhaupt den Forderungen der Richtlinien“ entsprächen, und schickte an die Schulen eine entsprechende Verfügung, die zu Beginn 1928 in der Fachkonferenz Deutsch am Beethoven-Gymnasium besprochen wurde. In Übereinstimmung mit der Verfügung verwarf sie jedes Thema, in dem die „Umwandlung eines Gedichtes in Prosa oder die bloße inhaltliche Wiedergabe eines ganzen Dramas oder eines Teiles verlangt“ würde. Die Fachkonferenz begrüßte zwar ebenfalls „Wahlthemen“, wollte aber „gelegentlich ein für alle verbindliches Thema“ stellen lassen, „denn das Leben, für das der Schüler erzogen werden“ solle, nehme „keine Rücksicht auf die Eigenart des einzelnen“, sondern verlange „gerade auch die Lösung von Aufgaben, die ihm nicht“ lägen. Keinesfalls aber dürfe ein solches Thema die „Fassungskraft“ des Schülers übersteigen. Die Wahlthemen sollten möglichst aus verschiedenen Stoffbereichen genommen und dabei, mehr als bisher, die charakteristischen Fächer der Schule berücksichtigen. „Literarische und moral-philosophische oder allgemeine Themen“, so die Verfügung, seien „zurückzudrängen“. Die Fachkonferenz wollte aber Themen, die „scheinbar lediglich Gedächtnisleistungen“ forderten, nicht „so gering“ wie das PSK schätzen. Hieß z. B. für die OIa das Thema des Prüfungsaufsatzes Ostern 1925 noch „Achill und Hektor, die Welt des Jünglings und die Welt des Mannes“, so konnte die OIa 1930 aus vier Themen auswählen: a) „Wandern, ach wandern weit in die Fern’, Wandern, ach wandern, tu’ ich so gern.“ b) „Familie, Vaterlandsliebe und Religion, drei starke Stützen des Staates.“ c) „Welcher Vorzüge unseres engeren Heimatlandes dürfen wir uns mit Recht rühmen?“ d) „Wie habe ich mich auf der Schule für Beruf und Leben ausgerüstet?“ Das PSK forderte einen klaren Aufbau der Deutschaufsätze und dementsprechend systematische Gliederungsübungen auf der Oberstufe. Bei der Themenstellung zum Abitur musste der Fachlehrer gegebenenfalls eine Erläuterung abgeben, aus der hervorging, weshalb „die Schüler das Thema … bearbeiten“ könnten.

 

6.4.3 „Arbeitsunterricht“ in Mathematik und Naturwissenschaften?

 

In Mathematik und Naturwissenschaften konnte sich Genniges bei der Umsetzung der Reform auf den sehr angesehenen Fachberater des PSK, Oberstudienrat Prof. Dr. Eugen Maey stützen. Vier Jahre jünger als sein Schulleiter, hatte er Mathematik und Naturwissenschaften in Königsberg studiert und sich schon sehr früh für „Schülerübungen“ eingesetzt; auch stellte er selbst physikalische Geräte für eine solche Praxis her. Seit 1920 an das Beethoven-Gymnasium auf eigenen Wunsch versetzt, wurde er dort Fachkonferenzvorsitzender, Leiter der physikalischen Sammlung und führte „unter besonders ungünstigen Umständen“ (Raum, Ausstattung) physikalische Schülerübungen ein.

Maey nahm Ende 1928 an einem 14tägigen „Fortbildungskurs zur Durchführung der Schulreform in Mathematik“ teil und berichtete der Fachkonferenz Mathematik und Physik vor allem über Lehrproben, die unter dem Gesichtspunkt des Arbeitsunterrichts abgehalten worden waren. Maey schilderte den „überraschenden Erfolg der neuen Methode bei einer darauf eingestellten guten Klasse, aber auch das Versagen in einigen anderen Fällen“. Der Vorteil eines solchen Unterrichts lag für Maey in der „tiefen und nachhaltigen Erfassung des Stoffes durch die Schüler“; dem stehe der Nachteil gegenüber, dass „in der zur Verfügung stehenden Zeit die Stoffmenge des Lehrplanes nicht erledigt werden“ könne. Er teilte die Erfahrungen der Vertreter anderer Fächer: Arbeitsunterricht nehme viel Zeit in Anspruch, so dass die stoffliche Einhaltung der Richtlinien nicht zu schaffen sei. Maey regte daher an, einen neuen „Minimallehrplan“ von sämtlichen Fachkollegen aufzustellen. Auch sollten für den Arbeitsunterricht die Mitarbeit der Schüler mit „schnell herstellbaren mathematischen Modellen aus Holzstäben und Plastilin“ gefördert sowie die mathematische Sammlung ausgebaut werden. Bei den von ihm besuchten Lehrproben in Physik, die hauptsächlich auf Schülerübungen aufgebaut waren, beurteilte Maey den Erfolg des Arbeitsunterrichts als „vielfach recht zweifelhaft“. Nur eine „straffere Form und gute Vorbereitung“ garantiere, dass solche Übungen auch in einer Stunde „zu Ende geführt werden“ könnten.

Die Fachkonferenz Naturwissenschaften unter Vorsitz von Maey kritisierte 1929 die Stundenverteilung der drei Fächer auf die einzelnen Klassen: Bei der Kürzung der Biologie von früher Sexta bis Obertertia (Klassen 5 bis 9) auf Sexta bis Quarta (Klassen 5 bis 7) könne die Stofffülle der Richtlinien höchstens zur Hälfte bewältigt werden, wenn dies vor allem in einem Arbeitsunterricht geschehen solle. Insbesondere die gewünschte Erweiterung der Pflanzen- und Tierkenntnisse komme immer zu kurz. Nach dreijähriger Unterbrechung Untertertia bis Untersekunda (Klassen 8 bis 10) sei das meiste vergessen, und für das halbe Jahr in Obersekunda (Stufe 11) müsse Vieles nachgeholt werden. Nicht ganz so nachteilig gehe es der Physik, deren Anfangsunterricht in Unter- und Obertertia (Klassen 8 und 9) gut platziert sei, im zweiten Halbjahr der Obersekunda. Die Konferenz schlug vor, „zum Zwecke des Arbeitsunterrichts“ beide Fächer abwechselnd mit einer Doppelstunde zu unterrichten. Die Ausdehnung des Chemieunterrichts auf ein ganzes Jahr in Untersekunda (Klasse 10) habe sich genauso bewährt wie die Beschränkung auf einige nach Wahl besonders zu behandelnde Teilgebiete der Physik in Unter- und Oberprima (Stufe 12/13).

 

6.4.4 Der Geschichtsunterricht: „Erziehung zum staatsbürgerlichen Geist“

 

Dem Geschichtsunterricht kam insofern eine besondere Bedeutung zu, als ein Großteil der Bevölkerung den demokratischen Strukturen und Einrichtungen der Weimarer Verfassung skeptisch oder sogar ablehnend gegenüberstand. In den Mittelpunkt stellten die Richtlinien daher auf der Oberstufe die „staatsbürgerliche Unterweisung und Erziehung zum staatsbürgerlichen Geist“. Schon auf der Mittelstufe sollte eine „propädeutische Wirkung“ für die Oberstufe angestrebt werden, indem nicht allein die Lebensbilder „großer Persönlichkeiten“ in den Vordergrund gestellt, sondern auch die Schüler in den Stand gesetzt würden, „die in der Geschichte wirksamen Kräfte in Längslinien verfolgen zu können“. Arbeitsunterricht hielt der Schulleiter „im wesentlichen“ nur auf der Oberstufe für möglich, aber auch hier sei der „Mangel an Zeit hinderlich“; auf Unter- und Mittelstufe stehe der Lehrervortrag im Mittelpunkt.

Die Behandlung des 19. Jahrhunderts auf der Oberstufe stand besonders unter dem Aspekt der „Einheitsbewegung“ und der „Entstehung des modernen Nationalstaatsgedankens“. Der „Einheitsstaat“ sei 1866 und dann vor allem 1871 „in Übereinstimmung mit dem Zeitgeist durchgeführt worden“, wobei Bismarck „in letzter Stunde und im denkbar günstigsten Augenblick gehandelt“ hätte. Anlässlich der empfohlenen Lektüre von Treitschkes Vorrede zu seiner „Deutschen Geschichte“ beschäftigte sich die Fachkonferenz besonders mit der Frage, wie und unter welchen Schwierigkeiten das Problem „Politik und Moral“ auf der Oberstufe erörtert werden könnte.

Angesichts der allgemeinen Ablehnung der Bestimmungen des Versailler Vertrages kam der Behandlung der „Vorgeschichte des Weltkrieges“ (unter Benutzung der Arbeiten von Wilhelm Mommsen) eine besondere Bedeutung zu. Der Lehrer sollte sich hüten, „bei der Besprechung der Kriegsschuldfrage alle Probleme auf eine möglichst einfache Formel zu bringen“ und dadurch „der Kompliziertheit der Verhältnisse nicht gerecht zu werden“. Wichtiger als die Untersuchung der „39 Tage“ vor Kriegsausbruch sei die „Betrachtung der europäischen Gesamtkonstellation von 1871-1914“.

Bei der Erörterung des Problems „Staatsbürgerliche Erziehung und Weimarer Verfassung“ und der Behandlung der politischen Parteien im Unterricht wies die Fachkonferenz ganz entschieden die Forderung zurück, der Lehrer solle seinen parteipolitischen Stand auch gegenüber den Schülern vertreten, „um dadurch entgegengesetzte Ansichten der Schüler und somit ein lebhaftes Klassengespräch hervorzurufen“. Einig waren sich die Fachlehrer auch in der Notwendigkeit, das Verständnis der Weimarer Verfassung „von Anfang an“ im Geschichtsunterricht vorzubereiten, damit die „ausführliche Besprechung“ in der Untersekunda und Oberprima (Klasse 10 und Stufe 13) sich „mit einer allerdings gründlichen Zusammenfassung und Ergänzung begnügen“ könne. So erhielten auch jedes Jahr alle Schüler, die im Laufe des Jahres „das volksschulpflichtige Alter überschritten“, einen Abdruck der Reichsverfassung.

Ergänzt wurden diese Bestrebungen am letzten Schultag vor den Sommerferien – nach dem Gottesdienst – durch eine Verfassungsfeier für alle Schüler in der Aula mit einer Festrede eines Kollegen im Mittelpunkt, umrahmt von Darbietungen des Schülerchors und -orchesters und Gedichtvorträgen einzelner Schüler.

Ein Ehemaliger (Abitur 1930) kritisierte allerdings seine Lehrer, die Schüler nicht auf „künftige staatsbürgerliche Aufgaben“ vorbereitet und verpflichtet zu haben. Die Weimarer Republik sei nicht „geschätzt“ worden. Auch die Erziehung zu einer „Völkerverständigung“ sei ausgeblieben, sprach man doch „unfreundlich, wenn nicht gehässig, gegen die Franzosen“, deren Verhalten während der Besatzungszeit in Bonn lange in Erinnerung blieb.

 

6.4.5 Auswirkungen der politischen Radikalisierung: Verbot „staatfeindlicher Tätigkeiten

 

Inwieweit die zunehmende politische Radikalisierung sich auch auf die Mentalität der Schülerschaft auswirkte, lässt sich aus den Konferenzprotokollen nicht ermitteln. Nur einmal musste 1929 die Tat eines Oberprimaners (Stufe 13), Mitglied einer NS-Jugendorganisation, behandelt werden, der – gemäß der Anzeige eines Oberlandjägers – während seines Ferienaufenthaltes in Brandenburg „an dem Herunterholen einer schwarz-rot-goldenen Fahne beteiligt“ gewesen sein sollte. Die Vernehmung des Schülers durch den Schulleiter ergab erhebliche Widersprüche zu den Angaben des Landjägers, so dass die Konferenz vorläufig von einem Verfahren absah und Weisungen der vorgesetzten Behörde abwartete; die „viertel Freistelle“ (entsprechende Ermäßigung des Schulgeldes) bekam der Schüler allerdings entzogen. Da die Staatsanwaltschaft nach einem halben Jahr das Verfahren „mangels Beteiligung“ des Schülers einstellte, betrachtete die Konferenz – einstimmig – die Angelegenheit als erledigt.

Einen Monat später sah sich der Schulleiter anlässlich einer erneuten Verfügung des PSK veranlasst, die Klassenlehrer zu bitten, in sämtlichen Klassen darauf hinzuweisen, dass den Schülern jede Teilnahme an Versammlungen, Parteien und Vereinen untersagt sei, „die sich gegen den Staat und die bestehende Staatsordnung“ richteten. „Zweifelhafte Fälle“ sollten ihm umgehend mitgeteilt werden. Wieder zwei Monate später ließ der Schulleiter die Schüler darauf hinweisen, dass es „streng verboten“ sei, „irgendeine Schußwaffe mit in die Schule zu bringen“. Im Herbst 1931 wurde das Verbot des Tragens von „Abzeichen“ durch die Schüler auf alle Abzeichen, auch auf das Reichsjugendabzeichen, ausgedehnt. Aus der Tatsache, dass z. B. die Mitgliedschaft eines Schüler in der Hitlerjugend seit November 1932 dokumentiert ist und schon im Frühjahr 1933 in der Schülerschaft einige überzeugte Anhänger des Regimes „systemtreue“ Lehrer und Mitschüler bekämpften wollten, muss auch bei einigen Schülern auf die Anziehungskraft des nationalsozialistischen Gedankengutes geschlossen werden. Bei der übergroßen Mehrheit scheint die rechtsradikale Propaganda – angesichts der Einstellung von Schule und Elternhaus – wirkungslos geblieben zu sein.

 

6.4.6 Die freien Unterrichtsveranstaltungen: Ein vielfältiges Angebot der Schule

 

Zur Ausgestaltung der Reform gehörte auch ein Angebot der Schulen an „Freien Arbeitsgemeinschaften“ sowie „Wander- und Spielnachmittagen“. Das Beethoven-Gymnasium richtete in der Regel in Philosophie (z. B. „philosophische Fachausdrücke“, Lektüre von „Abhandlungen“), Griechisch/(Latein)(z. B. griechische Lyriker, Inschriften, griechische Komödie, Beziehungen zur deutschen Literatur), Französisch (z. B. französische Literatur des 17. Jahrhunderts; Tocqueville), Physik (z. B. Schülerübungen: „Messungen in der Mechanik, Magnetik“; „Elektrizitätslehre“), Mathematik (z. B. „komplexe Zahlen und Gleichungen höheren Grades“; „Darstellende Geometrie“), Biologie (14tägig; z. B. „mikroskopische Übungen an Pflanzenmaterial“, „Zoologie. Tierische Gewebe, Ontogenie“), Deutsch (z. B. „Lektüre und Bearbeitung hervorragender dramatischer und lyrischer Werke des 19. und 20. Jahrhunderts“), Geschichte (z. B. „1848“, „neueste deutsche Geschichte seit 1890“) und Erdkunde (z. B. „Geopolitik“) eineinhalbstündige Arbeitsgemeinschaften ein, über deren Sitzung jedes Mal ein Protokoll geführt werden musste. Das Kollegium wünschte sich hierfür vom Staat einen besonderen Schulraum „mit der erforderlichen Einrichtung“, was aber angesichts der ständigen Geldknappheit illusorisch blieb. Am „wahlfreien Unterricht“ in Englisch und Hebräisch nahmen Schüler der OI bis UII (Stufe 13 bis Klasse 10) teil.

Der für einen Spielnachmittag vorgesehenen Aufgabenbefreiung stimmte das Kollegium ausdrücklich zu. Fahrschüler ließ der Schulleiter vom Spielturnen befreien und für die anderen im Winter den „An- und Abmarsch“ auf die Turnzeit anrechnen; eine Stunde Turnen auf den Turnplätzen Gronau und Kölnstraße reiche dann aus. Für die Wandernachmittage (1926/27 z. B. 8 „Klassenmärsche“, 1929/30 z. B. 9 Wanderungen) sollte der Staat nach Meinung der Lehrer im Haushalt einen Betrag bereitstellen, der „bedürftigen Schülern“ die Teilnahme an mehreren Wanderungen ermöglichte. Ebenso müsste den Lehrern die an den Spiel- und Wandertagen entstehenden „baren Auslagen“ erstattet und für die Ganztagswanderungen die „üblichen Tagegelder“ gezahlt werden, – auch dies ein unerfüllter Wunsch. Vielmehr erhöhte sich die Pflichtstundenzahl, wodurch sich Stellen einsparen oder finanziell niedriger stufen ließen.

 

Im Schuljahr 1923/24 öffnete die Stadt Bonn die Badeanstalten auch für die Schüler. So konnten in den Sommermonaten die einzelnen Klassen „an gewissen Tagen während der Turnstunden die Rheinbadeanstalt frei besuchen“ und von November an „zwei Klassen wöchentlich im Viktoriabad regelrechten Schwimmunterricht erhalten“. Im Sommer 1926 hatten 82 Schüler das Schwimmen erlernt. In Quarta und Quinta (Klassen 7/6), die „früher nur vereinzelt Schwimmer aufwiesen“, konnten von den 141 Schülern 85 schwimmen. „Um das Schwimmen noch mehr zu heben“, hielt die Schule monatlich „eine Art Schwimmprobe“ ab (15, 30 oder 60 Minuten Dauerschwimmen). Ostern 1928 konnten 72 % der Schüler von Quarta bis Oberprima (Klasse 7 bis Stufe 13) schwimmen, Ostern 1930   85 %. „Eine große Zahl“ nahm auch immer an einem Kursus für Rettungsschwimmer teil. 1930 erwarben z. B. 7 Schüler das Abzeichen der deutschen Lebensrettungsgesellschaft.

 

6.4.7 Schülervereine

 

– Die vielen Schulaktivitäten des Gymnasial-Turnvereins und das neue Schülerheim in Gemünd

 

Der Gymnasial-Turnverein (GTV) erfreute sich großer Beliebtheit unter den Schülern (1926/27: 54 Mitglieder, 1927/28: 65), der Förderung durch den Schulleiter und der spendablen Zuwendung durch den 1919 gegründeten Altherrenverband (AHV). Schon bald suchte der GTV einen geeigneten Platz für ein eigenes Schülerheim, den er schließlich auf dem „Hohenfried“ hoch über Gemünd fand. Der AHV des GTV baute hier das Haus zum Gedenken an die 24 im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitglieder. Eine große Werbeveranstaltung des GTV in der Beethovenhalle am 16. Januar 1927 und mehrere „Bausteinaktionen“ des Vereins erweiterten ebenso den Baufonds wie der eigens gegründete „Verein der Freunde und Förderer des Schülerheimes Hohenfried“. Im Mai 1927 bewilligte der Minister sogar 1000 RM für den Bau und 1000 RM für die Inneneinrichtung Die Innenausstattung bewältigten die „Alten Herren“ und Schüler in sonntäglicher Eigenarbeit, so dass der stattliche Giebelbau am 3. Juni 1928 seiner Bestimmung übergeben werden konnte.

Im Erdgeschoss gab es zwei Schlafräume mit je 24 Betten, einen Aufbewahrungs- und einen Waschraum. In der 1. Etage befanden sich die Küche, ein großer Aufenthaltsraum, ein Hausmeister-, ein Führerzimmer und ein großer Balkon, von dem der Blick bis weit in das Eifelland schweifen konnte. Das Obergeschoss enthielt neben zwei weiteren Räumen zwei Zimmer für den Hausverwalter und ein Gästezimmer für Lehrer und Eltern.

Genniges erkannte zwar den Nutzen eines solchen Schülerheimes an, äußerte aber seine Bedenken gegenüber den „sittlichen Gefahren, denen die Schüler beim Aufenthalt im Heim ausgesetzt“ seien, wenn die nötige Aufsicht fehle. Er ließ daher für die Betreuung der dort weilenden Schüler einen Ausschuss aus vier Lehrern bilden und schärfte ihnen ein, dass die von dem AHV aufgestellten Richtlinien zur Benutzung des Heimes „nicht nur auf dem Papier“ ständen, sondern „wirklich befolgt“ werden müssten. Die Schule sei nunmehr mit verantwortlich geworden für das „Leben und Treiben“ in dem Schülerheim. Hierüber konnte der erste Aufsicht führende Lehrer während der Sommerferien 1928 nur Gutes berichten, so dass nunmehr das Haus stark frequentiert wurde. In der Folgezeit verbrachten auch in den Oster-, Pfingst- und Herbstferien viele Schülergruppen des GTV und der ganzen Schule dort für 14 Tage ihre Ferien, meist auch in Gegenwart Alter Herren, die selbst mit ihren Familien gekommen waren.

Das Ziel der Richertschen Richtlinien von 1925, die Eigenständigkeit und Eigentätigkeit der Schüler und Jugendlichen anzuerkennen und zu fördern, hatten die Mitglieder des GTV schon lange verfolgt. Der Verein entwickelte sich zum „Träger und Gestalter des inneren Schullebens“ und erfreute sich dabei der Förderung und der Anteilnahme von Genniges. Die Turnhalle der Schule füllten abends die Aktiven und eine Altherrenriege; im Sommer ging es zu den Spielen oder zur Leichtathletik in die Gronau. Im Oktober oder November bot das alljährliche Schauturnen „unter kameradschaftlicher Mitwirkung des Schülerorchesters“ ein viel beachtetes Niveau. Wie vor dem Krieg pflegte man die Liebe zur Natur mit großen Wanderungen in den Alpen oder im Riesengebirge. Die zahlreichen aus eigener Initiative gestalteten Veranstaltungen des GTV waren mit Turndarbietungen, Theater und Musik verbunden.

 

– Die Wanderfahrten des Gymnasial-Rudervereins

 

Der seit 1924 wieder aufblühende Gymnasial-Ruderverein (GRV), dessen Mitgliederzahl zwischen 20 und 25 schwankte, konnte Ende der 20er Jahre über einen Bootspark von fünf Vierern, zwei Zweiern und zwei Paddelbooten verfügen. Nach der langen Winterzeit, während der abwechselnd jede Woche eine Schwimm- und eine Gymnastikstunde stattfand, begann das „Anrudern“ im Mai, an das sich in den Pfingstferien Wanderfahrten nach Bingen, Aßmannshausen oder an die Lahn anschlossen. Während der Herbstferien gingen die Wanderfahrten z. B. zum Main nach Bamberg, zur Mosel nach Trier, oder zur Lahn nach Obernhof. Auf den Regatten in Köln, Godesberg, Neuwied, Essen, Mainz und Bonn konnte der GRV seinen „alten Ruf“ „festigen“. Trotz des offiziellen „Abruderns“ Ende Oktober unternahmen die Mitglieder noch Tagesfahrten bis spät in den November hinein. Das 33. Vereinsjahr (1926/27) konnte der GRV mit Stolz das „erfolgreichste seit Bestehen des Vereins“ nennen. Nicht ohne Sympathie schmückte Genniges seinen „Bericht über das Schuljahr 1929“: „Alle Mitglieder schauen mit freudiger Genugtuung auf das schöne Ruderjahr zurück, in dem sie Gelegenheit hatten, im Kreise treuer Kameraden Körper und Geist zu stählen und auf gemeinsamen Fahrten den herrlichen deutschen Rhein und die Natur lieben zu lernen“.

 

– Neu-Deutschland: Gruppenleben und Wandern

 

Die Ortsgruppe Bonn des Beethoven-Gymnasiums des Verbandes katholischer Schüler höherer Lehranstalten „Neu-Deutschland“ zählte zwischen 1924 und 1930 ca. 50 bis 55 Mitglieder. Davon entfielen in der Regel 15 bis 20 auf die Obergruppe (UII bis OI; Klasse 10 bis Stufe 13), 30 bis 35 auf die Mittel- (UIII bis OIII; Klasse 8 bis 9) und die Untergruppe (VI bis IV; Klasse 5 bis 7). Die wöchentlichen Zusammenkünfte der Gruppen leiteten Führer, die der geistliche Beirat (Oberstudienrat Bremer) bestimmte. Die einzelnen Gruppen veranstalteten öfters kleine Feiern, „die entweder der Freude, dem Liede oder dem Religiösen, in Anlehnung an das Kirchenjahr, gewidmet waren“. In den „Fähnlein der unteren Gruppen wurde hauptsächlich gespielt, gesungen und erzählt. Die Fähnlein der Mittelgruppe beschäftigten sich schon mit ernsteren Dingen … In der oberen Gruppe wurde hauptsächlich Wert auf geistige Arbeit gelegt“ (Vertiefung in das Bundesideal, Literatur und Kunstgeschichte). „Zur besonderen Pflege der Musik und des Volksliedes“ traf sich ein Teil der Jungen in der Sing- und Musikschar. „Neben dieser Arbeit im Gruppenleben“ pflegten die Jungen besonders in den Pfingst- und Herbstferien das Wandern in der Eifel, während sie in den
Sommerferien „wie gewöhnlich ein Ferienlager“ hielten.

 

– Verein für das Deutschtum im Ausland: Pflege der „kulturellen Volksgemeinschaft“

 

Der „Allgemeine Schulverein zur Erhaltung des Deutschtums im Ausland“ (VDA) war 1881 mit dem Ziel gegründet worden, die Bindungen der Auslandsdeutschen an Deutschland besonders durch den Schulunterricht zu pflegen. Nach einer Werbeveranstaltung am 29. September 1926 bildete sich am Beethoven-Gymnasium eine eigene Schulgruppe, die nach einigen Monaten schon 235 (1929: 247) Mitglieder zählte. Für ihren Monatsbeitrag von 0,15 RM erhielten die Schüler den „Jung-Roland“, die Monatszeitschrift des VDA (Schulgruppen); darüber hinaus bezog die Gruppe 30 – 40 Exemplare „Rolandblätter“, bis zu 30 Stück „Jung-Roland-Rätsel“ und ein Exemplar „Deutsche Welt“. Ziel des Vereins war die „Errichtung eines geistigen Bundes aller Deutschen durch Schaffung der über alle Grenzen hinweggehenden kulturellen Volksgemeinschaft“. Dies sollte erreicht werden „nach außen durch Unterstützung deutscher Schulen und Kultureinrichtungen, nach innen durch Erziehung zum Gedanken der Volksgemeinschaft und die Verbreitung von Wissen über das Deutschtum im Ausland“.

Montags in der 10-Uhr Pause trafen sich die Obleute aller Klassen mit dem Leiter, StR. Scheithauer (Griechisch, Latein), „zwecks Besprechung der Vereinsfragen“. Auf besonderen Wunsch der Unterklassen“ veranstalteten Schüler der Oberstufe Leseabende. Ein jährlicher Werbeabend (u. a. Musikvorträge, Gedichte, Märchenspiel, Theateraufführung, Lichtbildervortrag „Das Land an der Saar“ oder „Ringendes Deutschland“) sollte die Gruppe noch „vergrößern und nach innen … festigen“. Ende der 20er Jahre wurde zunehmend deutsch-nationales Gedankengut vertreten. Am 17. Oktober 1929 sprach der Schriftsteller Hlawna vom VDA „in der Aula vor der gesamten Schülerschaft über die Not unserer deutschen Brüder in Südtirol“. Die anschließend von den Schülern durchgeführte Sammlung ergab 1326,69 RM. Laut einer Verfügung der vorgesetzten Behörde vom 11. Oktober 1929 sollte „der koloniale Gedanke … auch weiterhin in der heranwachsenden Jugend gepflegt und das Verständnis für die Wichtigkeit überseeischen Besitzes geweckt und vertieft werden“.

 

– Gymnasial-Stenographenverein „Rhenania“: Einführung der deutschen Einheitskurzschrift

 

Im „Jahresbericht über das Schuljahr 1901“ wird erstmalig ein „Schülerverein von 50 Mitgliedern zur Einübung der Kurzschrift [System Stolze-Schrey]“ unter Leitung eines Oberstufenschülers erwähnt. In den Folgejahren traten in der Regel 30 bis 40 Schüler dem „Stenographischen Verein“ bei, in dessen Sitzungen „die Mitglieder durch fleißiges Lesen und Schreiben in der Stenographie vervollkommnet“ wurden und Vorträge hielten; hierzu erschienen „auch öfter Herren aus dem Lehrerkollegium“.

Die Mitgliederzahl des schließlich „Rhenania“ benannten Stenographenvereins, der bisher das Kurzschriftsystem Stolze-Schrey praktiziert hatte, reduzierte sich 1924 nach der Einführung der deutschen Einheitskurzschrift (20. September 1924) auf acht Schüler, – bedingt auch „durch das Aufblühen der sportlichen Vereine“. In den folgenden Jahren (1926, 1927) stieg ihre Zahl wieder an (14 bzw. 15) an, so dass 1929 sich in „vier verschiedenen Gruppen“ die 28 Mitglieder „wöchentlich in besonderen Sitzungen, in denen gelesen und geschrieben wurde,“ üben konnten. An Zeitschriften hielt der Verein „Die Warte“, die „Fortbildung“, für die „Redeschriftler“ „Der Kurzschriftlehrer“ sowie die Sammlung „Aus Leben und Dichtung“. „Das Preisausschreiben, das bei Gelegenheit des 40. Stiftungsfestes veranstaltet wurde, ließ deutlich die Erfolge angestrengter Gruppenarbeit erkennen“.

 

 

 

6.4.8 Weniger Hausarbeiten, bessere „Arbeitstechnik

 

Angesichts vermehrter nachmittäglicher Schulveranstaltungen schickte das PSK Anfang 1930 eine „Verfügung betr. Anfertigung der Hausarbeiten: 1. Herabsetzung der Hausarbeiten auf das mindest mögliche Maß und besonders Beschränkung der rein gedächtnismäßigen Leistung. 2. Durchführbarkeit: a) in den verschiedenen Klassen, b) in den verschiedenen Fächern. 3. Arbeitstechnik“. Innerhalb eines halben Jahres erarbeiteten einzelne Fachlehrer die drei Punkte in besonderen Gutachten, die in Fach- und Klassenkonferenzen besprochen und durch Umlauf zur Einsichtnahme und Beurteilung zugänglich gemacht wurden. Auf der allgemeinen Konferenz vor den Sommerferien herrschte Einigkeit, „weitere Abstriche“ nicht mehr dulden zu dürfen, „wenn nicht die Gesamtleistung der höheren Schule, die ohnehin bereits auf ein Mittelmaß herabgesunken“ sei, „noch weiter beeinträchtigt werden“ sollte. Über die „Gestaltung der Hausarbeiten“ gingen die Ansichten weit auseinander. Es dürfe „keinem Fachlehrer zugemutet werden, sich rückhaltlos auf Grund der Leitsätze festzulegen“. Einig war man sich wiederum darin, eine bestimmte Technik von der Eingangsklasse an einzuüben; sie komme „zur Auswertung in der Gedächtnisarbeit“ der Schüler und in der schriftlichen Betätigung. „Wertvolle Momente“ sah das Kollegium auch in der „vorbereitenden Einarbeitung“ des Unterrichtsstoffes, z. B. „durch Lesen von Lesestücken zu Hause“. Sehr wichtig sei auch die „frei schaffende Arbeit als Ausdruck des Selbstinteresses des Schülers“.

 

6.5 Sexuelle Aufklärung: „In erster Linie Sache des Elternhauses

 

Die Lösung der Frage der „sexuellen Aufklärung der Jugend“ war ebenfalls Bestandteil der Reformbestrebungen. Der Minister hatte sogar ein Buch herausgegeben: „Sittlichkeitsvergehen an höheren Schulen und ihre disziplinare Behandlung“, das als Grundlage für „Verhandlungen in Konferenzen“ dienen sollte, über die jeweils ein Bericht geschrieben werden musste. Das Kollegium beriet mehrmals über diese Frage zwischen Ende 1927 bis Ende 1929. Grundsätzlich war man sich darin einig, dass sexuelle Aufklärung „in erster Linie Sache des Elternhauses“ sei. Um den Eltern Hilfe bei „dieser schwierigen Aufgabe“ zu geben und ihnen Wege aufzuzeigen, wie die Aufklärung erfolgen könne, wollte man sich auch auf kleine Schriften der beiden Kirchen stützen: Pastor Hoppe hatte „Elternbriefe“ herausgegeben und die katholische Schulorganisation zwei Heftchen erscheinen lassen, „eines für Knaben und eines für Mädchen“. „Damit sich die Herren ein Urteil“ bildeten, verteilten die Religionslehrer das Material an die Kollegen, anschließend auch an die Eltern. Man kam überein, auf deren Wunsch hin die Aufklärung auch von einem Lehrer, möglichst von dem Religionslehrer, vornehmen zu lassen, „wenn er sich dazu imstande“ fühle. Eine rein „verstandesmäßige Belehrung in sexuellen Dingen“ vor versammelten Schülern, etwa „von ärztlicher Seite“ oder von „Professoren“ „außerhalb der Schule“, fand einstimmige Ablehnung, wenn nicht der Religionslehrer die notwenige Aufklärung leiste (die er in diesem Falle zusicherte). Der katholische Geistliche riet den Kollegen, „nicht in übergroßer Nervosität so viel von diesen Dingen“ zu reden. Die Hauptsache sei „die Stärkung des Willens und die Achtung vor sich selbst, die der Jugendliche sich bewahren müsse“. Das Kollegium gab sich schließlich Leitlinien, „wie die Willensbildung in der Schule gepflegt werden“ könne.

Nach zweijähriger Diskussion im Kollegium kam der Schulleiter Ende 1929 von der Beratung der Rheinischen Direktorenkonferenz über „sexualpädagogische Aufgaben der höheren Schule“ etwas ratlos zurück: Er habe den Eindruck, dass „alles fließt“. Jedenfalls gab er dem Kollegium die Richtung vor: „Die richtige religiöse Erziehung“ halte er „nach wie vor für das beste Mittel“; Elternversammlungen seien ebenfalls von Nutzen. Daraufhin beschloss das Kollegium die Anschaffung einer „kleinen Bibliothek für die Eltern, aus deren Büchern sie sich Rat holen“ könnten.

Sehr differenziert und vorsichtig wollte der Schulleiter bei der „disziplinaren Behandlung“ von „Sittlichkeitsvergehen“ vorgehen: Man sollte solche Fälle zunächst vor ein kleineres Gremium bringen und erst dann, wenn der Schüler oder die Eltern dessen Entscheidung nicht akzeptierten, vor die Gesamtkonferenz. Ein „wegen sittlicher Vergehen Verwiesener“ könne nach drei Jahren ein Zeugnis ohne Betragensnote erhalten, wenn er „eine einwandfreie Führung“ während dieser Zeit nachweise. Das Kollegium gab sich daraufhin entsprechende Leitlinien.

 

6.6 „Überfüllung“ der höheren Schulen und bessere Begabtenförderung

 

Das Beethoven-Gymnasium stellte sich auch der seit Ende der 20er Jahre kontrovers geführten Diskussion über die „Überfüllung“ der höheren Schulen und die „Abiturienteninflation“. Am 1. Februar 1928 besuchten das zweizügige Beethoven-Gymnasium 495 Schüler (1. 2. 1927: 485). Am 1.Februar 1930 waren es 546, davon „452 katholisch, 91 evangelisch, 2 jüdisch, 1 Dissident“; 365 „einheimisch“, 156 „Fahrschüler“, 14 „zu Fuß“, 11 „in Pension“.

Das Kollegium beriet 1929/30 in einigen Konferenzen, welche Aufgabe der Schule aus diesem „Schülerzustrom“ erwachse, wobei es von dem obersten Grundsatz ausging: dem Abitur am Gymnasium als „Reifeprüfung für das Universitätsstudium“, denn die „wissenschaftlichen Ziele“ ständen der höheren Schule „näher als die praktischen“. Die Schule müsse das Recht haben, Schüler, „die sich nach dem einstimmigen Urteil der Klassenkonferenz“ für das Gymnasium nicht eigneten, „zu entlassen“.

Andererseits müssten die „Begabten“ besonders gefördert werden, was sich aber bei den überfüllten Klassen als unmöglich erweise (Ostern 1930: z. B. in den Eingangsklassen 35, in IV 40 bzw. 39, in OIII 38). Der Schulleiter ordnete daher den Klassenlehrern an, begabte Schüler zu nennen, die eventuell die Klasse überspringen könnten. Das ganze Problem der Begabtenförderung sah er als ein finanzielles an: Um vor allem auch „minder bemittelte Schüler“ besser fördern zu können, müssten die bisherigen Bestimmungen über Geschwisterermäßigungen (beim Schulgeld) eine durchgreifende Veränderung erfahren (Das Schulgeld betrug in der zweiten Hälfte der 20er Jahre 200 RM jährlich bei einer einmaligen Aufnahmegebühr von 5 RM). Von dem Schulaufkommen standen 20% für die Geschwisterermäßigungen (die zunächst berücksichtigt wurden), sowie für die Erziehungsbeihilfen, die Hilfsbücherei usw. zur Verfügung und nur der Rest (am Beethoven-Gymnasium meist nur 1/5) blieb für Freistellen (Schulgeldbefreiung) übrig, – oft genug halbiert oder geviertelt. Je nachdem, wie das Recht auf Geschwisterermäßigung in Anspruch genommen wurde, variierte daher auch die Zahl der Freistellen an den verschieden Schulen. „Gesuche um Erlaß oder Ermäßigung des Schulgeldes“ mussten „unter Darlegung der Einkommensverhältnisse in der ersten Woche des Schuljahres eingereicht werden“. Es konnten „nur wirklich bedürftige Schüler berücksichtigt werden, die durch Begabung, gute Führung und befriedigende Leistung einer solche Unterstützung würdig“ waren.

Die Hilfsbücherei umfasste 1929 5104 Bände (großenteils für die deutsche und altsprachliche Lektüre sowie für die „Musikpflege“ und den Arbeitsunterricht in Geschichte). Die behördlichen Bestimmungen schrieben vor, „Lesebücher vorab nur an solche Schüler“ zu verleihen, „denen die Beschaffung der Schulbücher aus eigenen Mitteln Schwierigkeiten bereitete“. Den „bedürftigen“ Schülern konnten nach den Angaben von Genniges „in weitem Umfang Lehrbücher unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden“. Die Schule entlastete damit spürbar kinderreiche Familien, die sie bei der „Verteilung der verfügbaren Bücher geflissentlich bevorzugt[e]“. Darüber hinaus konnten geschichtliche Quellenhefte und sprachliche „Lesestoffe“ zur gelegentlichen Benutzung ausgeliehen werden.

Aus Gründen der besseren Förderung „Unbemittelter“ und der „Gleichstellung der Anstalten“ forderte der Schulleiter „10% des Schulgeldaufkommens für Gewährung von Freistellen, ungeschmälert durch die Geschwisterermäßigungen“. Aus dem Kollegium kam auch noch der Hinweis, die augenblickliche Bestimmung benachteilige sogar kinderreiche arme Familien: Sie könnten meistens nur eines ihrer Kinder zur höheren Schule schicken. Da diese dann keine weiteren Geschwister auf der Schule hätten, bekämen sie auch keine Geschwisterermäßigung. Sozial besser gestellte kinderreiche Familien schickten dagegen alle Kinder auf das Gymnasium, so dass die Geschwistermäßigung „nicht selten eine Förderung Unbegabter oder nur mittelmäßig Begabter“ sei auf Kosten der Ärmeren. Doch diese zu Beginn der Weltwirtschaftskrise geäußerten Vorschläge verhallten wirkungslos, so dass sich weiterhin die Schule bei der äußerst schwierigen Frage der Vergabe von Freistellen um einigermaßen Chancengerechtigkeit bemühen musste. Am 1. Oktober 1931 traten weitere drastische Sparmaßnahmen auf dem Gebiet des höheren Schulwesens in Kraft.

 

Die Berufsberatung der Schüler „erfolgte in der Weise, daß sich vier Herren aus dem Lehrerkollegium in die für die Schüler“ des Beethoven-Gymnasiums „in Betracht kommenden Berufe teilten, sich mit deren Bedingungen vertraut machten und Eltern wie Schülern für Besprechungen zur Verfügung standen“. Obwohl ein öffentlicher Aushang jeweils auf eine solche „Einrichtung“ hinwies, musste z. B. 1930 Genniges enttäuscht feststellen, dass „von dieser kein Gebrauch gemacht“ wurde. Darüber hinaus gehörte ein Lehrer dem Beirat des „Städtischen Berufsamtes“ an, das zwei Vorträge über die Berufswahl veranstalte, – im Januar für die Abschlussklassen und im Februar für die Schüler, die mit dem „Einjährigen“ nach der Untersekunda (Klasse 10) abgehen wollten. Genniges fand es „besonders wertvoll …, daß den Oberprimanern Gelegenheit zu Fragen gegeben wurde“.